Morgens um acht werden in Santiago die frischesten Kräuter und Gemüse verkauft. Auch kleine Scheite sind gefragt, man kann schließlich nur noch mit Holz kochen. Eine Frau in rotem Puma-Shirt verkauft Hähnchen für den Eintopf und weiße Tauben für Santería-Rituale. Dabei streicht man sich die lebenden Vögel über den Körper, befreit sich so von schlechter Energie und tritt mit den Orishas, den afro-kubanisch-katholischen Heiligen, in Kontakt.
Pedro läuft die Straßen auf und ab. Gestern hat er Plastikflaschen gesammelt. Vielleicht finden sich noch ein paar hier und da. „Die sind viel zu schade zum Wegwerfen!“, sagt er. Er hat große Eineinhalb-Liter-Flaschen gefunden. „Siehst du die Bauern da drüben? Die kommen aus dem Umland mit ihren Eselwägen und 30-Liter-Kübeln voll Milch. Wenn die Leute Milch kaufen wollen, müssen sie die Milch in etwas umfüllen.“
Pro Flasche bekommt er 20 Pesos. Mit 50 Pesos kann er sich ein kleines Brötchen kaufen, das so weich ist, dass es sich nicht einmal mit Butter bestreichen lässt. Verschworen schaut er drein. „Die guten Flaschen ohne Dellen kann man an die Kioske weiterverkaufen.“ Die befüllen sie mit Wasser und verkaufen sie an die Italiener. Für solche Flaschen bekommt er 50 Pesos. „Die Italiener kapieren das eh nicht!“, sagt er.
Die Italiener sitzen auf der Plaza de Marte im Zentrum von Santiago de Cuba. Dort harren sie den Winter über aus, bis Mai. Mit der kleinen Rente kommt man in Kuba deutlich besser über die Runden als in Italien. Die Italiener sind die standfestesten Touristen – keine amerikanische Blockade, kein Stromausfall, kein lahmgelegter Verkehr hält sie davon ab, nach Kuba zu kommen. Natürlich wissen sie, dass sie da kein abgefülltes Mineralwasser vor sich haben.
„Wenn das Wasser nicht schmeckt, trinken wir Bier.“
Auch die Wasserfabriken in Kuba stehen beim Stromausfall still. „Meistens sind die Kubaner anständig genug, das Wasser abzukochen, bevor sie es in gebrauchten Flaschen als neu verkaufen – aber klar, das Wasser schmeckt modriger, merkt man sofort“, sagt ein Italiener. „Immerhin besser als Wasser direkt aus dem Hahn, davon bekommt man als Nichteinheimischer sofort Probleme.“ „Und wenn das Wasser nicht schmeckt, trinken wir Bier“, lacht ein anderer, um die 70, Tattoos auf dem Oberarm, gut in Schuss. Kubaner und Italiener verstehen sich. Es gibt viele kubanisch-italienische Ehe- und Scheidungspaare. Dazu kommt Gelegenheitsprostitution vonseiten junger Kubanerinnen, die auf der Suche nach einer warmen Mahlzeit oder einem gebrauchten Handy sind.
Yuniel will mit diesen Machenschaften nichts zu tun haben. „Es gibt viele, die sich an der Misere der Kubaner bereichern. Aber auch die Kubaner können austeilen. Wenn ihnen etwas nicht passt, klauen Kubaner von Kubanern, und Kubanerinnen von Touristen.“ Gab es alles schon. Auch irgendwelche erotische Onlinebetrügereien, auf die europäische Schwerenöter reinfielen.
Yuniel kommt aus einer schwarzen Familie. Noch immer sind die Schwarzen auf Kuba deutlich ärmer als die Weißen. Er verfügt aber über eine gute Ausbildung, hat gerade den Master in Agraringenieurswesen gemacht. Sonntags geht er in den Gottesdienst der Täufergemeinde. Die Leute dort helfen sich gegenseitig, machen sich Mut, suchen füreinander Jobs, manchmal kommen Spenden von christlichen Gemeinden im Ausland an. Yuniel führt durch sein Haus. In einem kleinen Innenhof hat er ein Gehege gebaut. Darin züchtet er Schweine. Zwei Eber und zwei Ferkel der Yorkshire-Rasse hat er. Schweinefleisch ist typisch für kubanische Grillfeste, wie sie an Weihnachten, Neujahr und Geburtstagen gefeiert werden.
„Die Ferkel sind aber nach einem halben Jahr immer noch so groß, wie sie eigentlich schon drei Monaten zuvor hätten sein sollen“, sagt er. Er kann sie nur mit Essensresten füttern, Kraftfutter gibt es nicht. Im Gegensatz zu anderen jungen Kubanern will Yuniel die Insel nicht verlassen. Er will hier etwas aufbauen. Sein Traum wäre es, als Agraringenieur eine eigene Farm mit zwei-, dreihundert Schweinen zu haben. „Aber woher soll das Anfangskapital kommen? In Kuba gibt es keine Kredite“, sagt er. Und der bürokratische Staat muss jede Schlachtung einzeln genehmigen und dokumentieren, auch das ist ein Hindernis.

Die kubanische Landwirtschaft steckt in einer tiefen Krise. Wo früher mit Tierzucht, Zitrusfrüchten und Zucker Geld verdient wurde, liegen heute die Anbauflächen brach. Nur sechs der über 150 Zuckeranbau-Centrales, die es in den Achtzigerjahren unter Fidel Castro gab, funktionieren noch. Strategisch wurde mehr in Tourismus investiert als in Landwirtschaft. Doch seit Corona sind die Hotels nur zu 30 Prozent ausgelastet. Seit der Trump-Blockade kommt so gut wie niemand mehr aus dem Ausland, es gibt nur noch heimischen Tourismus.
Yuniel muss die Ergebnisse seiner Masterarbeit abwarten. Die hat er auf einem gemieteten Laptop geschrieben, 300 Pesos hat ihn das pro Tag gekostet. Für den Übergang hat er einen Job bei einer staatlichen Behörde angenommen. Morgens muss er um acht Uhr dort sein. Nachts kann er nicht schlafen – im Mai wird es in Santiago schon hochsommerlich heiß. Und bei den Dauerstromausfällen funktioniert auch der kleine Ventilator in seinem Zimmer nicht.
Wenn in Havanna täglich der Strom für zehn Stunden ausfällt, fällt er in den ärmeren Bezirken von Santiago für 20 Stunden aus. Wenn er in Havanna für zwei Tage weg ist, fehlt er in Santiago vier Tage lang. „Du wirst es nicht glauben, Compadre, vor ein paar Tagen wurde bei uns in der Behörde eingebrochen“, sagt Yuniel. „Aber die hatten es nicht auf Geld abgesehen, gibt eh nichts zu holen. Die haben sich nur die Ventilatoren geschnappt, die waren gut. Ein paar sogar mit Batterie. Denen wird der Sommer auch zu heiß“, lacht er.
Lamaya arbeitet ebenfalls in einem Staatsbetrieb. Aber ihr Auskommen sichert sie sich mit Turrones. Auf dem Markt verkauft sie die Süßigkeiten für 50 Pesos. „Von den 3000 Pesos Gehalt vom Staat kann ich nicht leben, das sind gerade mal sechs Dollar pro Monat. Und die kann ich noch nicht mal abheben.“ Sie läuft den Stadthügel von Santiago Richtung Zentrum hinauf. Vor der Banco Popular steht eine riesige Menschenschlange.
„Die stehen hier alle an, aber es ist kein Geld im Automaten. Das geht so jeden Tag.“ Und wie hebt sie ihr Gehalt ab? „Ich versuche meine Einkäufe mit Transfer zu bezahlen, um etwas mit dem Geld anzufangen. Aber die meisten Läden wollen nur noch Cash. Niemand kann mit Bankguthaben mehr was anfangen. Manchmal muss ich es machen, wie all die anderen auch.“ Sie kennt jemanden auf der Bank, der für sie Geld abheben kann. Aber der will eine Kommission von zehn Prozent der Abhebesumme. Vom Wenigen verliert sie so viel.
„Jeder hier kauft und verkauft etwas.“
Ohne die Turrones geht es nicht. Jeden Tag nach der Arbeit kauft sie für 3000 Pesos Kokosnüsse, Mandeln, Zucker, Honig. Und kleines Brennholz für ihren zusammengeschweißten Kocher. Dann setzt sie die Teigmasse an, die getrocknet wie Nougat aussieht. Die Variante mit kubanischen Kokosnüssen hat sie sich auf Youtube abgeschaut. Wenn sie es schafft, alle Tafeln zu verkaufen, hat sie 3500 Pesos, also 500 Pesos Gewinn, das ist knapp ein Dollar. Damit kann sie an diesem Abend Reis und ein bisschen Hähnchenfleisch für sich und ihre zwei Kinder kaufen. Und mit den 3000 verbleibenden Pesos am darauffolgenden Tag wieder Kokosnüsse.
Sie läuft die Hügel Santiagos hinauf. „Jeder hier kauft und verkauft etwas, das ist die einzige Form zu überleben. Die Oma dort vor dem Haus zum Beispiel verkauft morgens für 20 Pesos eine Tasse herrlichen Kaffee.“ Andere haben vor ihren mit Wellblech gedeckten Häusern kleine Tische stehen – mit selbst gedrehten Zigaretten, Bierdosen oder Second-Hand-Kleidung, die vielleicht ein Verwandter aus dem Ausland geschickt hat.
Woher kommt das Geld, um den Konsum am Laufen zu halten? „Wenn jeder kauft und verkauft, geht es einfach die Reihe um, man unterstützt sich so gegenseitig.“ Für größere Anschaffungen hat sie mit ihren Arbeitskollegen einen Pakt geschlossen. Sie sind zehn Leute, jeder legt pro Monat 1000 Pesos in eine gemeinsame Kasse. So kommen monatlich 10.000 Pesos, 20 Dollar, zusammen. Jeden Monat darf jemand anderes aus der Gruppe die Summe für sich beanspruchen. Wenn sie das nächste Mal dran ist, will sie Sportschuhe für ihre Kinder kaufen oder zumindest eine Anzahlung dafür leisten.
Lamayas Haus ist ganz oben auf der Anhöhe, im Bezirk Chicharrones, der bekannt ist für häufige Delinquenz. Sie nennt ihren Bezirk „die Favela“. Häuserreihen mit Wellblechdächern schmiegen sich an den Hang. Jede dieser Viviendas hat Um- und Anbauten erlebt, alles ist verwinkelt. Aus dem Häusermeer schaut ab und zu ein seit dem letzten Hurricane windschief stehender Mangobaum hervor. Vor einiger Zeit hat sie sich ein Taubenpaar auf dem Markt gekauft – nicht für irgendwelche Rituale, sondern zum Zeitvertreib. Abends machen die Vögel einen Rundflug, hinunter in die Bucht von Santiago. Sie kommen aber immer zurück, denn Lamaya gibt ihnen reichlich Futter.

Von Santiago nach Havanna fährt ein Bus. Ein findiger Unternehmer hat ihn vom staatlichen Busunternehmen angemietet. Früher wurden in dem Gefährt Touristen von Staatshotel zu Staatshotel gekarrt, doch das ist vorbei. Die private Busfirma ist eines der vielen Kleinunternehmen, die der kommunistische Staat mit den Reformen von 2021 zugelassen hat. Es bietet ein Fortbewegungsmittel im sonst lahmgelegten Land an – nur ein weiterer Staatsbus fährt noch täglich nach Havanna, aber der ist deutlich teurer.
Wo der Staat nicht liefert, bieten die Mipyme genannten Kleinunternehmen Importe von Lebensmitteln, Konsumgütern und Transportdienstleistungen an. Im Ausland werden sie als die Zukunft des Unternehmertums in Kuba gefeiert. Auch Trump unterstützte sie mit der nur für sie geltenden Ausnahmeerlaubnis, Treibstoff in kleinen Mengen nach Kuba zu importieren.
Doch ganz so einfach ist es nicht. Auf der Suche nach immer neuen Gewinnen verhält sich das neue Kleinunternehmertum rücksichtslos. Vor der Abfahrt nach Havanna muss der Bus noch auftanken. Auf einem Parkplatz wird von einem Bus für den öffentlichen Personenverkehr der Tank angezapft. Die Beteiligten beeilen sich, pumpen den Diesel in große Ersatzkanister um. Alles muss schnell gehen. Selbst der Diesel für Notstromaggregate in Krankenhäusern wird gelegentlich veruntreut und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Gerichte verhängten dafür bis zu 20 Jahre Haft.
In der Hauptstadt gibt es von allem mehr: mehr Läden, mehr Auswahl, mehr Geld. Vieles davon kommt aus dem Ausland, von kubanischen Familienangehörigen im Exil, oft in Miami. Jeder will in einem der Mipyme arbeiten, die die Waren umschlagen. Dort wird pro Tag bis zu 1500 Pesos gezahlt. Doch die Stellen sind rar. Eine Verkäuferin aus einem Kleidergeschäft erzählt, sie habe im Akkord die Pakete mit Second-Hand-Kleidern aus den USA ausgepackt, sortiert und in den Verkaufsflächen ausgelegt.
Sie schnitt Instagram-Videos mit den schönsten Neuheiten. Niemand habe so viel verkauft wie sie. Eines Tages behauptete der Eigentümer, sie habe beim Dreh der Werbevideos Kleidungsstücke mitgehen lassen, und drohte ihr. Am Ende verlangte er zur Entschädigung Dienstleistungen anderer Art. Die junge Verkäuferin kündigte. Diese Art von Geschichten hört man nicht selten.
Nur ein Teil der 30 Dollar kommt in Kuba an
Die Mipymes sind nicht nur Kleinunternehmen, sie übernehmen auch die Funktionen von Banken. Beinahe 80 Prozent der Kubaner haben einen Cousin zweiten Grades oder einen Halbonkel im Ausland. Die schicken hin und wieder 30 Dollar nach Kuba. Doch wegen der Finanzblockade müssen sie das indirekt über die Mipyme machen. Der amerikanische Zweig eines kubanischen Mipyme nimmt die 30 Dollar an und erwirbt dafür Güter, die es nach Kuba schickt, wo sie wiederum im Laden verkauft werden.
Mit dem so erwirtschafteten Erlös in Pesos wird die Person, für die das Geld bestimmt war, abzüglich einer Kommission ausgezahlt. So kommt nur ein Teil der 30 Dollar in Kuba an. Dort wären die Devisenzahlungen aber dringend gebraucht, um die Inflation zu senken. Gleichzeitig wird durch die höheren Verkäufe der Mipymes heimisches Geld in den Mipyme gebunden, die es nicht auf die Bank bringen. Die Geldmenge, die im Umlauf ist, sinkt, Inflation und Preise steigen. Und vor den Banken stehen die Menschen in Schlangen.
Eine kleine Fähre hat noch genug Diesel, um auf die andere Seite der Bahía von Havanna überzusetzen. Vor mehr als 20 Jahren hatten einige Kubaner die Fähre gestohlen, um damit nach Florida zu fliehen. Fidel Castro ließ sie mit Schnellbooten einfangen und die Anführer der Gruppe standrechtlich erschießen. Heute fährt sie friedlich in Richtung des Fischerdorfes Regla. Die Leute sind zu müde, um noch derartige Aufstände zu planen.
