Am ersten Mai feiert Singapur traditionell die Versöhnung von Arbeit und Kapital. „Drei, zwei, eins“, brüllt der Moderator in einem Freizeitzentrum im Osten der Insel zu sinfonischer Filmmusik herunter: „Happy Mayday!“ Da recken alle die geballte Faust, auch die geladenen Unternehmer und das Regierungskabinett, die wie der Rest im Saal in revolutionärem Rot erschienen sind.
Singapurs Einheitsgewerkschaft hat vor der Bühne ihr Banner aufgebaut. Die Logos von Arbeitgebern und Arbeitsministerium rahmen es ein. Tripartismus heißt der Nichtangriffspakt der Tarifparteien in Asiens Finanzzentrum, der unter dem wachsamen Auge der Regierung seit der Gründung der Republik im Jahr 1959 einen einzigen Streik zugelassen hat. Doch nun stören böse Worte die Wohlfühlveranstaltung.
Vor „Sorge“ und „Verunsicherung“ warnt der Gewerkschaftsvorsitzende zur Begrüßung. Als Ministerpräsident Lawrence Wong sich auf den Weg zum Mikrofon macht, herrscht Unbehagen im Saal, vor allem in der ersten Reihe. Dort sitzen Singapurs Minister mit einem Gehalt von 1,1 Millionen Singapur-Dollar (740.000 Euro) im Schnitt. Von ihrer hochbezahlten Führung erwartet die Bevölkerung, dass sie ihr den Lebensstandard sichert, einen der höchsten auf der Welt. Fast die Hälfte der Gewerkschaftsmitglieder verdient im Monat zwischen 8000 und 12.000 Dollar (5400 bis 8100 Euro). Doch viele, sagt Wong den entsetzten Zuhörern im Saal, würden bald von Maschinen ersetzt.

Die Folgen Künstlicher Intelligenz (KI) für Singapurs Arbeitsmarkt seien „massiv“, ruft Wong. Er kenne Unternehmer, die hätten mit den Algorithmen, die komplizierteste Aufgaben erledigen, schon ganze Teams an menschlichen Angestellten ausgetauscht. „Manche Jobs werden verschwinden“, ruft Wong. „Das Tempo des Wandels wird schneller sein als alles, was wir bisher erlebt haben.“
Wenn die KI ihr zerstörerisches Werk verrichte, werde Singapurs Regierung niemanden zurücklassen, verspricht der Ministerpräsident. Zum Beweis erinnert er an die Evakuierung von Singapurern aus dem Nahen Osten. Es sei leicht, vom technologischen Wandel in der Welt überwältigt zu sein, ruft Wong. Am Ende wird er selbst von Tränen übermannt.
Die Regierung warnt vor dem zerstörerischen Werk der KI
Das spiegelt die Stimmung in der Stadt. Ausgerechnet Singapur, die Hightech-Metropole der Superlative, die Insel der Glückseligen, fühlt sich so sehr von Künstlicher Intelligenz bedroht wie kaum ein anderes Land auf der Welt. Weil es in den glänzenden Türmen der Banken, Versicherungen und Beratungshäuser so viele qualifizierte Arbeitskräfte gibt, sei der Stadtstaat „in hohem Maße“ von der zunehmenden Nutzung von KI am Arbeitsplatz betroffen, warnt der Internationale Währungsfonds. Die eine Hälfte der Beschäftigten werde von KI profitieren, schreibt der IWF. Die andere nicht. Vor allem Frauen und Junge seien gefährdet. In der Stadt steige das Risiko sozialer Ungleichheit.
Noch ist die Wissenschaft uneins über die Folgen der KI auf den Arbeitsmarkt. Singapur aber hat sich bereits auf die Seite der Pessimisten gestellt. Es gebe „kein ökonomisches Gesetz, dass neue Technologien immer mehr Arbeitsplätze schaffen, als sie vernichten“, sagt Ministerpräsident Wong. Allerdings haben in der Geschichte weder die Dampfmaschine noch das Fließband oder der Computer Massenarbeitslosigkeit hervorgebracht.
Doch als Singapurs größte Bank DBS im vergangenen Jahr ankündigte, wegen des Einsatzes der Künstlichen Intelligenz 4000 Stellen zu streichen, fühlten sich viele bestätigt in ihrer Angst, die sich schon seit Langem durch die Insel frisst. Schon vor einem Jahr hatte der stellvertretende Ministerpräsident Gan Kim Yong davor gewarnt, dass gerade die Fachkräfte, leitenden Angestellten und Manager dem Risiko ausgesetzt seien, „von KI ersetzt zu werden“. Vor acht Jahren schon warnte das Analysehaus Oxford Economics früh, dass bis 2028 ein Fünftel aller Stellen in Singapur der KI zum Opfer fallen würden.
Trotz Vollbeschäftigung Angst vor Arbeitslosigkeit
Wenig deutet bisher darauf hin, dass der Kassandraruf sich bewahrheitet. Seit Jahren herrscht Vollbeschäftigung in der Metropole mit sechs Millionen Einwohnern. Universitätsabsolventen in Singapur haben zwar größere Probleme als früher, schnell eine gut bezahlte Stelle zu finden. Arbeitgeber begründen das gerne damit, dass die Bewerber zu wenig Ahnung von KI hätten. Doch für Berufseinsteiger ist der Arbeitsmarkt auch in vielen anderen Ländern angespannt, und das bereits seit der Zeit der Pandemie.
Sechs von zehn Singapurern sagen in Umfragen, sie hätten Angst, dass KI sie arbeitslos mache. Die Furcht vor dem technologischen Wandel ist nicht höher als in den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich. Das sind Länder, in denen eine frustrierte Mehrheit sich populistischen Parteien zuwendet. In Singapur hingegen sind nach Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Gallup 90 Prozent der Bürger der Ansicht, dass ihr von Sonne verwöhntes Land „in die richtige Richtung“ gehe. Der Stadtstaat ist so sicher, dass man sein Fahrrad vor der U-Bahn nicht abschließen muss. Entdecken Bürger mal ein wenig Dreck auf der Straße vor ihrer Tür, schreiben sie auf Whatsapp ihren Parlamentsabgeordneten an, woraufhin eine Stunde später ein Reinigungstrupp anrückt.

In seinem Freundeskreis herrsche trotzdem Angst, berichtet der Arbeitsmarktökonom Walter Theseira von der Singapore University of Social Sciences. Seine Freunde sind alles Menschen mittleren Alters mit Kindern, bei denen KI Dauerthema ist. Für sie stelle sich nicht mehr die Frage, ob die Algorithmen ihnen ihre Tätigkeit wegnähmen, von der sie gedacht hätten, sie seien besonders gut darin, sagt Theseira. Diskutiert werde nur noch der Zeitpunkt. „Die Stimmung in der Bevölkerung ist ziemlich am Boden. Die Leute schauen sich ständig um und fragen sich: Was wird mit meinem Job passieren?“ Die Angst passe nicht zu den makroökonomischen Daten – Vollbeschäftigung, eine Arbeitslosenquote von zwei Prozent, ein Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent im ersten Quartal. Doch es gebe keinen Zweifel, sagt Theseira: „Wir sind stark betroffen.“
Die Kündigungen von Meta kamen um vier Uhr in der Früh
Jede Meldung von Entlassungen wegen KI löst in der Stadt ein soziales Erdbeben aus. Gerade hat es wieder gehörig geruckelt. Am Mittwoch hatten um vier Uhr in der Nacht Mitarbeiter des Facebook-Konzerns Meta in Singapur ihr Kündigungsschreiben im E-Mail-Postfach. Unternehmensgründer Mark Zuckerberg will fast nur noch in KI investieren und kürzt an anderer Stelle. Global müssen bei Meta zehn Prozent der Belegschaft gehen; das entspricht 8000 Stellen. Microsoft will 23.000 Leute entlassen, um die vielen Milliarden für die Entwicklung von KI reinzuholen. Amazon, das in Singapur seine Asien-Zentrale hat, hat global schon 14.000 Stellen in der Verwaltung mit Verweis auf KI gestrichen und kalkuliert nach Medienberichten intern mit 600.000 Jobs, die langfristig durch KI ersetzt oder gar nicht geschaffen werden.
Die britische Bank Standard Chartered, die in Singapur 9000 Menschen beschäftigt, versucht gerade, das Feuer auszutreten, das der operativ Verantwortliche Bill Winters gelegt hatte. Die Bank hatte angekündigt, in den kommenden vier Jahren rund 8000 Jobs zu streichen. Das sei kein Kostensparen, sondern „in einigen Fällen der Ersatz von minderwertigem Humankapital durch Finanzkapital und Investitionen“, hatte Winters, der CEO der Bank, über die Rolle von KI bei der Verschlankung der Bank erklärt. Das erzürnte unter anderem Singapurs früheren Präsidenten Halimah Yacob, der die Wortwahl des Bankers als „verstörend“ kritisierte.
Nun ist nicht immer ersichtlich, ob Banken die Künstliche Intelligenz nur als Grund für Stellenstreichungen vorgeben. Standard Chartered sieht sich in Singapur wegen des Vorwurfs der Geldwäsche und Verschleierung von Milliardenbeträgen aus dem malaiischen Staatsfonds 1MDB mit Schadensersatzforderungen von 2,7 Milliarden US-Dollar konfrontiert. Frühere Sparrunden hatte die Bank klar damit begründet, dass sie zu wenig Gewinn mache.
Arbeitslosenhilfe im Hort des Wirtschaftsliberalismus
Doch solche Überlegungen lindern in Singapur die Angst vor KI nicht. So groß ist die Sorge, dass der Stadtstaat nun sogar mit der Ideologie seines Gründers bricht. „Wir bezahlen dich nicht fürs Herumliegen“, hatte Lee Kuan Yew einst verkündet und damit jedem Versuch, in Südostasien einen Sozialstaat nach deutschem Muster zu bauen, eine Absage erteilt. Jahr für Jahr wird Singapur von Denkfabriken die größte wirtschaftliche Freiheit in der Welt bescheinigt, womit neben niedrigen Steuern die legendär niedrigen Lohnnebenkosten gemeint sind. Doch im vergangenen Jahr führte die Regierung zum ersten Mal Arbeitslosenhilfe ein, zugeschnitten auf die Opfer von KI. Damals dachte man noch, die Technologie treffe vor allem den Niedriglohnsektor. Das ändert sich gerade, und die Finanzhilfen sollen aufgestockt werden.
Insgesamt bis zu 6000 Dollar (4000 Euro) über den Zeitraum von sechs Monaten erhalten bislang jene, die „unfreiwillig“ arbeitslos geworden sind – allerdings nur, wenn der Antragsteller weniger als 5000 Dollar (3370 Euro) verdient. Das schließe Fachkräfte und Manager aus, die viel mehr verdienten, kritisierte der Gewerkschaftsvorsitzende Ng Chee Meng vier Tage nach der Maikundgebung im Parlament. Es könne nicht sein, dass Singapur im KI-Zeitalter ein „jobless growth“ erlebe, Wirtschaftswachstum ohne Arbeit. Die Hilfen sollten aufgestockt werden auf das Durchschnittsgehalt der Gutverdiener, forderte der staatlich bestellte Arbeiterführer.
Die deutsche Sozialversicherung als Vorbild?
Die Regierung hat sich offen für eine Erhöhung der Arbeitslosenhilfe gezeigt. Die weitere Forderung aus dem Parlament, gleich jede Deckelung aufzuheben und entlassenen Angestellten einen fixen Prozentsatz ihres Gehalts weiterzuzahlen wie beim deutschen Arbeitslosengeld, wies der Arbeitsminister zurück. Er will sich aber alle Vorschläge ansehen. Schon bald werde sich die Frage stellen, ob der Staat bereit sei, die Bürger gegen das KI-Risiko weiterhin allein abzusichern, prophezeit Ökonom Theresia. In Gedanken führt er im freiheitlichen Staate Lee Kuan Yews schon mal das Solidaritätsprinzip der deutschen Sozialversicherung ein: „Es könnte eine Kofinanzierung geben, sodass neben Arbeitnehmern auch die Arbeitgeber einzahlen.“
Damit mit dem KI-Hype das Finanzzentrum nicht endgültig zum Transferstaat wird, hat die Regierung ein Sammelsurium an Aus- und Fortbildungsprogrammen zusammengestellt. Singapurs Infrastruktur für die Anwendung von KI sei nahezu perfekt, urteilen die Ökonomen der DBS-Bank in einer Studie. Gemessen daran, wer von den Beschäftigten KI auch beherrsche, liege die Stadt jedoch abgeschlagen hinter San Francisco und New York. Nun sollen 100.000 Singapurer zu „KI-bilingualen Fachkräften“ ausgebildet werden. Alle Bürger, die älter sind als 25 Jahre, haben Anspruch auf mindestens 500 Dollar (340 Euro) für KI-Kurse. Kleine und mittlere Unternehmen bekommen Geld, um Beschäftigte zusätzlich weiterzubilden. Für die Kinder beginnt das KI-Zeitalter nun schon in der vierten Klasse.
Schon Neunjährige lernen jetzt KI
Im Herbst vor zwei Jahren waren es noch Zwölfjährige, die in der Pasir-Ris-Grundschule im Nordosten Singapurs am Vormittag ihre Laptops aufklappten und den Mathe-Bot starteten. Das Programm gibt Aufgaben in Bruch- und Prozentrechnung vor und korrigiert, wenn die Schüler Fehler machen. Der Roboter ist auf dem Bildschirm in Menschengestalt animiert und auch dann da, wenn die Lehrerin mal keine Zeit hat. „Pedagogy for one“, Pädagogik für den Einzelnen, heißt das Konzept, mit dem Singapur sich die KI in der Bildung zunutze machen will: Der Roboter hat für jeden Schüler endlos Zeit. Der soll unter menschlicher Aufsicht an die neue Technologie gewöhnt werden.
Eineinhalb Jahre später will die Regierung nun die Altersgrenze senken und schon Neunjährige mit KI lernen lassen. Unter den Eltern ist das umstritten. Die Sorge ist groß, dass die Kinder jede Frage vom Roboter lösen lassen und nichts Richtiges mehr lernen.
Tatsächlich ist es fraglich, wie weit der Staat die Menschen für KI trainieren kann. Schon seit 2010 lernen bereits die Grundschüler an zehn Wochenstunden im Jahr Programmieren. Angesichts der neuen KI-Assistenten, die nun auch noch selbst programmieren, sei das wohl „Zeitverschwendung“ gewesen, sagt Ökonom Theresia. KI-Kompetenz sei ein „fließendes Ziel“. Auch mit noch so viel Training werde der Staat nicht eine große Zahl von Singapurern zu KI-Experten machen, für die Unternehmen Milliarden bezahlten. Die 500 Dollar, die jeder für die KI-Kurse erhalte, seien vielleicht besser in Fußmassagen angelegt, lautet ein Witz unter Bankern. Eine bessere Strategie könnte sein, Singapur für KI-Experten aus aller Welt attraktiv zu machen, die der Staat dann besteuern kann, sagt Theresia.
Dass der KI-Umbruch in der Wirtschaft bald viele neue Stellen schafft, wie es manche Ökonomen und Soziologen erwarten, ist in Singapur bisher eine Hoffnung. OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, teilte gerade mit, 300 Millionen Singapur-Dollar (200 Millionen Euro) in der Stadt investieren zu wollen. Die Regierung nutzt das als Beleg, dass KI auch Gutes bringe. Doch in Wahrheit könnte es ein weiteres Warnsignal sein.
Die 200 OpenAI-Mitarbeiter sollten „direkt mit Unternehmen an deren schwierigsten Problemen arbeiten“, erklärte das amerikanische Unternehmen. Sie sollen den KI-Bots von OpenAI neue Kunden und „neue Umsatzquellen erschließen“. Was das bedeutet, verrät eine Open-AI-Managerin in Singapur, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will: „Von früh bis spät rennen uns Banken und Versicherungen die Bude ein, die wissen wollen, wie viele Mitarbeiter sie entlassen können und wann.“
