Die Sonne brennt unbarmherzig auf die drei zwielichtigen Gestalten am Bahnhof. Ihre braunen Ledermäntel sind mit Staub bedeckt. Finster blicken die Gesichter unter den Hutkrempen hervor. Ein quietschendes Windrad gibt den Ton an in dieser endlos erscheinenden Szenerie.
Was eigentlich ganz leise ist, wird plötzlich monumental laut. Die summende Fliege. Der emsige Telegrafenschreiber. Die Wassertropfen, die stetig von der Decke fallen und auf dem Boden aufplatzen wie reife Früchte. Der gerade abfahrende Zug gibt den Blick frei auf den namenlosen Antihelden dieser Geschichte. Er bringt nur eine Frage über die Mundharmonika spielenden Lippen: „Wo ist Frank?“

Die Anfangsszene des Films „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist zu einem ikonischen Moment der Filmgeschichte geworden. In seinem 1968 erschienenen Westernepos verdichtet Sergio Leone die Motive des Genres und dekonstruiert den klassischen Wilden Westen als aussterbenden Mythos in einer sich modernisierenden Welt. Die Zivilisation in Leones Film ist von Habgier und Korruption geprägt, der Held wird zum stummen Rächer.
Das schräge Mundharmonikaspiel des Antihelden ist unverkennbar
Mit einem Budget von fünf Millionen Dollar spielte der Italowestern weltweit rund sechzig Millionen Dollar ein (für damalige Verhältnisse eine große Summe), und avancierte vor allem in Europa zum Kultfilm. Lange galt er als erfolgreichster Western überhaupt, bis „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) mit Kevin Costner in der Hauptrolle ihn an den Kinokassen überholte.
Der Erfolg des Films ist auch der Musik von Ennio Morricone zu verdanken, der für jede Figur ein musikalisches Leitmotiv schuf. Der Komponist und der Regisseur hatten schon bei Leones „Dollar“-Trilogie mit Clint Eastwood in der Hauptrolle zusammengearbeitet.
In „Spiel mir das Lied vom Tod“ unterlegt die klagende Sopranstimme der italienischen Sängerin Edda Dell’Orso den Schmerz und die Sehnsucht der ehemaligen Prostituierten Jill, die einen Farmer geheiratet hat und im Städtchen Flagstone ein neues Leben beginnen will. Unvergleichlich verkörpert von Italiens Filmdiva Claudia Cardinale, muss Jill bei ihrer Ankunft erfahren, dass ihr Ehemann samt Familie vom Gangster Frank und seiner Bande ermordet wurde.
Frank arbeitet für den schwer kranken Eisenbahnunternehmer Morton, der seinen größten Traum, eine Eisenbahnlinie bis zum Pazifik, verwirklichen will. Doch es kommt ein unbekannter Rächer in die Stadt, dessen Motive sich im Laufe des Films offenbaren und im finalen Showdown ihren Höhepunkt finden.
Das musikalische Hauptthema des Films ist das schräge Mundharmonikaspiel des namenlosen Antihelden, gepaart mit einer metallisch klingenden E-Gitarre. Auf die Besetzung der Rolle mit Charles Bronson, dem damit der Durchbruch in Hollywood gelang, soll Leone aufgrund dessen kernigen Auftretens bestanden haben.
Sein Gegenspieler Frank wird von Henry Fonda verkörpert, der zuvor vor allem rechtschaffene Figuren spielte. Zum ersten Drehtag soll Fonda mit braunen Kontaktlinsen erschienen sein, doch Leone wies ihn an, den Gangster mit seinen stahlblauen Augen zu mimen.
„Es war einmal im Westen“: ein amerikanisches Märchen
Auch in der Bildsprache bewegt sich Leones Film in einer allgegenwärtigen Symbiose zweier Gegensätze: nah und fern. Die Totalen zeigen die Weite des Monument Valley und die zerklüfteten roten Felsen an der Grenze zwischen Utah und Arizona. Die Kamera (Tonino Delli Colli) agiert dabei entlang klarer Linien, die die „Frontier“, also die Grenze zwischen der Zivilisation und der Wildnis, markieren.
Doch Leone geht auch ganz nah heran an die Gesichter seiner Figuren. Die stahlblauen Augen Fondas gegen den undurchschaubaren Blick Bronsons, dessen Iris den Blick auf vergangene Geschehnisse freigibt.
Den im Deutschen titelgebenden Satz „Spiel mir das Lied vom Tod“ gibt es im Original nicht. Auf Englisch heißt der Film „Once Upon a Time in the West“ („Es war einmal im Westen“). Während im Deutschen der Fokus also auf dem Rachefeldzug des namenlosen Protagonisten liegt, weist der englische Titel den Westernstreifen als amerikanisches Märchen aus. Und das nicht ohne Grund.
Der Film ist Auftakt von Leones „Amerika“-Trilogie. Drei Filme, die verschiedene amerikanische Epochen behandeln, inhaltlich jedoch nicht miteinander zusammenhängen. Der zweite Teil „Todesmelodie“ (1971) beschäftigt sich mit dem mexikanischen Bürgerkrieg, der dritte Film „Es war einmal in Amerika“ (1984) mit organisiertem Verbrechen in New York zur Zeit der Prohibition. Drei Sittengemälde der amerikanischen Gesellschaft.
Wie es sich für einen Western gehört, kulminiert Leones Klassiker im finalen Showdown, dem Duell zwischen Gut und Böse. Nicht getragen von Worten, sondern von der Musik und den Bewegungen der Figuren. Wie bei einem Tanz. Einem Spiel, das die Geschichte des Western mit all seinen Ritualen erzählt. Das aber auch deutlich macht, dass der zivilisatorische Fortschritt den Legenden von Revolverhelden und Gesetzlosen ein Ende bereiten wird.
