Es ist die Ruhe des abgelegenen Paradieses, mit der Kuantan an Malaysias Ostküste lockt. Im Vergleich zu anderen Urlaubszielen in dem südostasiatischen Land wirkt der goldfarbene Strand des Badeorts geradezu verschlafen. Doch der Schein trügt. Ausgerechnet hier im Bundesstaat Pahang, eine halbe Stunde Fahrt am türkisfarbenen Wasser entlang gen Norden, könnte in einem von Stacheldraht gesicherten Komplex über die Kampfkraft des amerikanischen Militärs entschieden werden, vielleicht sogar über die Zukunft der westlichen Welt.
Dort, im Industriegebiet Gebeng, gelang dem aus Australien stammenden Rohstoffproduzenten Lynas vor zwei Wochen ein Durchbruch, der die Welt der Geoökonomie durcheinanderwirbeln könnte: die Abtrennung von Samariumoxid. Das silbrig glänzende Schwermetall gehört zu den Seltenen Erden – und ist seit einem Jahr der Kern eines erbittert geführten Konflikts der beiden größten Mächte der Welt. Samarium wird aufgrund seiner hohen Hitzebeständigkeit in Magneten eingesetzt, die in amerikanischen Kampfjets des Typs F-35 verbaut werden (25 Kilo pro Maschine), in Raketen, U-Booten und in der Raumfahrt. Das Monopol auf seine Herstellung lag bisher in China, was die Volksrepublik als Machtinstrument einsetzt.
Ein Aktienkurs wie eine Achterbahnfahrt
Nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump vor einem Jahr die Volksrepublik und den Rest der Welt mit hohen Zöllen überzogen hatte, stoppte Peking den Export von Samarium. Das könnte nicht nur die amerikanische Aufrüstung lahmlegen. Ein Mangel an dem Metall droht auch die US-Wirtschaft Milliarden an Dollar zu kosten, so wie die Volkswirtschaften im Rest der Welt. Die Bank Goldman Sachs schätzt, dass ein Wegfall von zehn Prozent der Seltenen Erde zu Verlusten von 150 Milliarden Dollar führt.

Die Zahl der betroffenen Branchen ist lang: Die Produktion von Elektroautos, wo die Samarium-Magnete in kleinen, leistungsstarken Traktionsmotoren eingesetzt werden, die hohe Leistung auf kleinem Raum ermöglichen; Windkraftanlagen, wo die Magnete die Laufzeit der Turbine verlängern; ja sogar die Herstellung von Kernspintomographen würde ein Mangel an Samarium schwieriger machen.
Aber jetzt gibt es ja Lynas. Der einstige Betreiber von Goldminen in Westaustralien hat dort um die Jahrtausendwende das Mount-Weld-Projekt entdeckt und beschlossen, dass sich mit den dort zu findenden Seltenen Erden ein noch größeres Geschäft machen lässt. 2011 startete Lynas deren Abbau, wenig später nahm es die Verarbeitungsanlage in Malaysia in Betrieb. Doch das Geschäft mit Seltenen Erden hängt stark von der Preisentwicklung ab und ist dazu hochgradig gefährlich für Natur und Menschen. Das ruft Regulatoren auf den Plan, weshalb der Aktienkursverlauf von Lynas einer Achterbahnfahrt glich.
Nachdem Donald Trump im vergangenen Jahr mit seinem Verlangen nach Grönland den Mangel an Seltenen Erden zum Thema gemacht hatte, stieg der Lynas-Kurs mehr als 230 Prozent, ging aber im Herbst wieder steil in die Tiefe. Seit Anfang des Jahres liegt der Aktienpreis mit knapp 60 Prozent im Plus. Das hat damit zu tun, dass Lynas zuerst mit Japan einen langfristigen Liefervertrag über die Seltenen Erden zu Mindestpreisen abgeschlossen hat. Und wenig später eine Absichtserklärung mit dem amerikanischen Verteidigungsministerium, was der Produzent in seiner Mitteilung wie von der Trump-Regierung gewünscht als „Department of War“ adressiert.
Für 96 Millionen Dollar soll Lynas in den kommenden vier Jahren Seltene Erden an die Amerikaner liefern, wobei ebenfalls eine Preisuntergrenze eingezogen ist, um die Schwankungen im Aktienkurs zu reduzieren. Nun macht sich das Alleinstellungsmerkmal bezahlt, das Lynas-Vorstandschefin Amanda Lacaze bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausbuchstabiert: Die Australier sind das einzige Unternehmen „außerhalb von China“, das Seltene Erden nicht zur fördern, sondern auch verarbeiten kann.
Denn genau das ist die Kunst, die auf der Welt fast nur die Chinesen seit 50 Jahren entwickelt haben und geheim halten: Weil die chemischen Elemente sehr ähnlich sind, erfordert die Trennung Seltener Erden Hunderte Stufen chemischer Extraktion mit starken Säuren und Lösungsmitteln. Das ist ein riesiger Aufwand, dessen Kosten China über Jahrzehnte hinweg nur mit riesigen Investitionen senken konnte. Wer in der Volksrepublik an der Technologie forscht, steht unter strenger Beobachtung des Staats und darf mitunter nicht ins Ausland reisen, damit das Fachwissen über optimale Säurestärken und Flussraten nicht aus dem Land gelangt. 17 Elemente zählen die Seltenen Erden, die Chinesen können davon alle trennen.

Die Ingenieure von Lynas haben bisher nur sogenannte leichtere Seltene Erden produziert, wie Neodym-Praseodym-Oxide (NdPr), die in Magneten für E-Motoren und Windkraftanlagen Einsatz finden. Das kann auch der australische Konkurrent Arafura, an dessen Nolans-Projekt im Northern Territory sich die Bundesregierung über den Rohstofffonds gerade mit bis zu 50 Millionen beteiligt hat – „um die Lieferketten widerstandsfähiger zu machen“, wie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sagt.
Eine Anlage für bis zu 5000 Tonnen Rohmaterial
Doch Lynas ist schon weiter. Im Frühjahr vergangenen Jahres gelang dem Unternehmen im Werk in Malaysia das erste Mal die kommerzielle Herstellung von Dysprosium (Dy) und Terbium (Tb), die zu den schweren Seltenen Erden gehören. Nach dem für die Raketen und Kampfjets wichtigen Samarium sollen nun in einer neuen Anlage Gadolinium (Gd), Yttrium (Y) und Lutetium (Lu) dazukommen, eine Anlage für bis zu 5000 Tonnen Rohmaterial ist gebaut. Doch die volle Bandbreite der Produktion bleibt weiterhin in China.
Investoren, die bereits vor 15 Jahren ihr Geld in Lynas gesteckt haben und die Produktionsanlagen in Australien und Malaysia kennen, sind im Gespräch mit der F.A.Z. skeptisch, ob das Unternehmen tatsächlich den Westen aus der Abhängigkeit von China befreien kann. Im jüngsten Analysten-Call konnte sich Lynas-Chefin Lacaze zwar darüber freuen, kurz vor ihrem Abschied in die Rente einen um 43 Prozent höheren Umsatz als im Vorjahreszeitraum verkünden zu können. Doch der Anstieg war allein den um 74 Prozent höheren Preisen geschuldet, die das Unternehmen im Hype um die Seltenen Erden einnehmen konnte. Die Produktion des Hauptumsatzbringers Neodym-Praseodym war hingegen gegenüber dem Vergleichszeitraum um fast ein Drittel gesunken.
In Malaysia hatten die Anlagen repariert werden müssen. In Kalgoorlie im australischen Outback waren sie zeitweise gar nicht erst angesprungen. Weil das Stromnetz überlastet war, hatte der Versorger industrielle Kunden wie Lynas immer mal wieder abgeklemmt. Im Analysten-Call musste Lynas-Chefin Lacaze ein ums andere Mal versichern, dass das Ziel der Produktion von 10.500 Tonnen Neodym im Jahr realistisch sei. Allerdings sei die Produktion Seltener Erden nun einmal eine Sisyphusaufgabe: „Ist ein Hindernis geräumt, taucht das nächste auf.“

Nur unter strengen Auflagen haben die Australier Anfang März die Erlaubnis erhalten, ihr Werk in Malaysia auch in den nächsten zehn Jahren betreiben zu dürfen. Schließlich entsteht im Werk in Gebeng bei der Verarbeitung von monazithaltigem Erz aus der australischen Mount-Weld-Mine radioaktiver Abfall. Bei dem Thema ist die malaysische Bevölkerung extrem wachsam. Anfang der Achtzigerjahre waren in Bukit Merah an der Westküste bei Anwohnern Atemprobleme und Krebserkrankungen aufgetreten, nachdem der japanische Seltene-Erden-Produzent Mitsubishi seinen radioaktiven Abfall illegal auf offenen Feldern und in einem Teich entsorgt hatte. Eine spätere Untersuchung bei Kindern zeigte bei 40 Prozent eine Erkrankung der Lymphknoten, Entzündung der Nasennebenhöhlen und Nasenschleimhaut. Babys wurden mit Fehlbildungen geboren. Sieben Menschen starben an Leukämie.
Was, wenn sich der politische Wind dreht?
Als Lynas 2012 seine 100 Hektar große Fabrik in Kuantan bauen wollte, gab es einen Aufschrei in der lokalen Bevölkerung. Doch trotz Massendemonstrationen und einem 300 Kilometer langer Protestmarsch in die Hauptstadt Kuala Lumpur erlaubte die Regierung den Betrieb. Die zwischenzeitliche Auflage, Lynas müsse den radioaktiven Abfall nach Australien verschiffen und entsorgen, nahmen die Behörden wieder zurück. Schließlich war die Verlockung, das Land zum ersten Produzenten Seltener Erden außerhalb Chinas zu machen, zu groß. Nun darf Lynas ab 2031 gar keinen radioaktiven Abfall mehr in Gebeng produzieren. Für bestehende Rückstände baut das Unternehmen eine Deponie, die bis Ende des Jahres fertig werden soll.
Verstößt Lynas gegen die Auflagen, kann die Regierung die Lizenz jederzeit widerrufen – und wohl auch dann, wenn sich der politische Wind in der Demokratie dreht. Chinas Kommunistische Partei hat hingegen den Abbau und die Verarbeitung von Seltenen Erden über Jahrzehnte hinweg gezielt gefördert, in dem sie neben dem Zahlen von hohen Subventionen die Umwelt- und Sozialstandards bewusst niedrig gehalten hat. Die Kosten lagerte Peking einfach in ferne Provinzen mit geringem Protestpotential aus.
Vielleicht hat sich Lynas auch deshalb seinen neuen Standort in Ho-Chi-Minh-Stadt ausgesucht, an dem es zusammen mit dem südkoreanischen Partner LS Eco Energy ebenfalls Samarium produzieren will. Zwar gibt es in Vietnam große Vorkommen an Seltenen Erden sowie immer mehr ausländische Industrie, die ihre Produktion aus China hierher verlagert. Vor allem aber liegt das ebenfalls von den Kommunisten beherrschte Land in der von den Universitäten Yale und Columbia erstellen Umweltschutzrangliste EPI (Environmental Performance Index) sogar noch mal deutlich hinter dem chinesischen Nachbarn – auf Rang 180, dem letzten Platz.
