Um diesen Titel muss nicht mehr gespielt werden. Hannover 96 hat ihn in der Zweiten Bundesliga schon sicher. Meister der Unruhe zu sein, darin besitzt der Fußballklub viel Routine. Mitten im Aufstiegsrennen ist Jörg Schmadtke nach nur dreimonatiger Amtszeit schon wieder verloren gegangen. Die Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer endet – nach Angaben des Vereins einvernehmlich – am 31. März. Sieben Spieltage vor Saisonende bei zwei Punkten Rückstand auf einen direkten Aufstiegsplatz kommt eine solche Nachricht wie ein verfrühter Aprilscherz daher und zeigt: Hannover 96 ist immer für eine Überraschung gut und chronisch unruhig.
Für seine Verhältnisse war es um Schmadtke zuletzt sehr ruhig geblieben. Keine streitbaren Aussagen, wenige Wortspiele mit ironischem Unterton: So kennt man den meist knurrig auftretenden Fußball-Manager nicht. Seit seiner Verpflichtung am Heiligabend war seine Aufgabe, Hannover 96 einerseits zurück in die oberste Liga zu führen und den Spielerkader für die Varianten Klassenverbleib oder Aufstieg zu planen. Warum Schmadtke für diese Aufgabe nicht mehr geeignet oder passend sein soll, bleibt unklar.
Im Alter von 62 Jahren hat sich der frühere Profitorhüter längst angewöhnt, nicht blind nach jemandes Pfeife zu tanzen. Wer Schmadtke nach dessen guten Jahren in Köln, Wolfsburg und Liverpool zurück nach Hannover holt, bekommt Erfahrung, Meinungsfreude, Netzwerkstärke, Medienkompetenz und Konfrontationsbereitschaft als Gesamtpaket. Während seiner ersten Amtszeit bei Hannover 96 von 2009 bis 2013 hat das für den Einzug in die Europa League und stürmische Erstliga-Auftritte gesorgt. Dieses Mal ist möglicher Lorbeer gleich nach dem Anpflanzen verwelkt.
Hannover 96 will sein Glück erzwingen
Die Umstände der missglückten Rückkehr von Schmadtke sind komplex. Hannover 96 ist 2019 aus Deutschlands höchster Spielklasse abgestiegen. Nie war die Sehnsucht der „Roten“ größer, die zweite Liga zu verlassen, als in der aktuellen Saison. Inklusive drei Nachbesserungen während der Winterpause will der Verein mit 21 Zugängen sein Glück erzwingen. Als die Mannschaft unter der Regie von Cheftrainer Christian Titz auf einem guten Weg war, verabschiedete sich Marcus Mann aus der Rolle des Geschäftsführers und wechselte mitten in der Saison zu RB Salzburg. Der Versuch, mit einem von Dominanz geprägten Spielstil möglichst zielstrebig voranzukommen, wird immer wieder von rätselhaften Leistungsschwankungen gebremst. Titz moderiert einen Spielerkader mit bis zu 30 Profis und entsprechend vielfältigen Meinungen. Wie gut ihm das gelingt, wollte Schmadtke genauer wissen. Doch Trainer und Geschäftsführer waren vergeblich auf der Suche nach ihrem gemeinsamen Nenner.

Der Zeitpunkt für Gerangel um Macht und Geld hätte nicht schlechter gewählt sein können. Am vergangenen Freitag noch war die Elf von Hannover 96 stolzer 1:0-Gewinner des stets emotional aufgeladenen Niedersachsen-Derbys gegen Eintracht Braunschweig. Zwei Tage später verblüffte die Nachricht, dass Schmadtke schon wieder abtritt. Der für die Finanzen zuständige Geschäftsführer Henning Bindzus und Sportdirektor Ralf Becker übernehmen vorerst seine Aufgaben. „Für Hannover 96“, heißt es in einer Mitteilung des Vereins, „steht die Verwirklichung der sportlichen Ziele der laufenden Saison im Vordergrund.“
Doch wer einen erfahrenen Mann wie Schmadtke anheuert, muss wissen, dass der nicht nur nach dem Schlüssel für seine Bürotür, sondern nach dem großen Schlüsselbund des Vereins verlangt. Um für den Fall eines Aufstiegs in die Bundesliga gut gerüstet zu sein, hätte Hannover 96 enorm viel Geld investieren müssen. Der Großteil des aktuellen Erfolgs basiert auf Leihgeschäften. Dazu gehört unter anderem der talentierte Mittelfeldspieler Noel Aseko, der beim FC Bayern München unter Vertrag steht und in Hannover Spielpraxis sammelt. Um Profis dieser Güte halten oder verpflichten zu können, ist neben einem mitreißend guten Trainerteam vor allem ein stattliches Budget gefragt.
Schmadtke hat es in seiner Rolle als Geschäftsführer offenbar als seine Pflicht angesehen, die Geldgeber und Entscheider im Hintergrund über akuten Handlungsbedarf zu informieren. Wie gut ist der aktuelle Trainer? Wie ist die Stimmung im Team? Und was kostet es, eine Spielklasse höher eine realistische Chance auf Erfolg zu haben? Genau für solche Fragestellungen war Hannover 96 eben noch froh, einen Fachmann gefunden zu haben. Jetzt steht die Frage im Raum, wie viel Unruhe die Mannschaft und ihr Umfeld im Aufstiegsrennen vertragen können.
