Einen Mangel an musikalischem Material gab es bei Mike Westbrook nie. Alles, was man zum Klingen bringen konnte, hat er in schlüssige, bisweilen skurrile, immer originelle Jazzformen gebracht. Natürlich findet sich in seinem Arsenal der übliche Kanon vom skizzierten Head-Arrangement über getüftelte Bigband-Partituren, vollgepackt mit synkopierten Rhythmen und alterierten Akkorden mit viel Platz zum Improvisieren, bis hin zu standardisierten Harmonien und den ganzen Riffs und Licks aus hundert Jahren Jazzgeschichte. Sonst hätte er auch nicht mit „On Duke’s Birthday“ in den Achtzigerjahren eine der schlüssigsten und zugleich eigenständigsten Hommagen an den Titan des großorchestralen Jazz herausbringen können.
Aber Mike Westbrook, der einen Umweg über die bildenden Künste zur Musik nahm und seine erste Jazzband in den späten Fünfzigerjahren mit dem damals erst fünfzehnjährigen Baritonsaxophonisten John Surman leitete, hat seine Augen und Ohren stets offengelassen für alles jenseits eines swingenden Viervierteltaktes: für Pop und Rock, die bizarren Klänge der britischen Music Hall und den schrägen Sound von Kabaretts, italienischem Belcanto, elektronisches Gewusel und dramatische Künste, aber auch für all das, was sich in de Skiffle-Ära auf den Straßen und Plätzen Londons und von da auf den Kontinent ausstrahlend tummelte.
Hintersinnige Multimediashows
Daraus entstanden dann mit einer kleinen Hilfe ähnlich musiksinnsuchender Eigenbrötler wie dem Stimmakrobaten Phil Minton, dem Fagottisten Lindsay Cooper, dem Posaunisten Malcolm Griffith, dem Saxophonisten Lol Coxhill und nicht zuletzt seiner ähnlich vielseitig künstlerisch wirkenden Frau Kate Westbrook hintersinnige Multimediashows wie „Cosmic Circus“, grandiose Klang-Sammelsurien wie „Citadel Room 315“ und „The Cortège“ auf Texte von Rimbaud bis William Blake oder auch Adaptionen von Opernarien zu einer aberwitzigen Westbrook-Rossini-Mixtur. Manches davon bekam man dann auch auf ausgedehnten Tourneen mit seiner Brassband auf Sommerfestivals und Straßentheatertreffen in ganz Europa zu hören.
Viele von Westbrooks Projekten waren Auftragskompositionen für Rundfunkanstalten wie der BBC für traditionsreiche Festivals in Edinburgh, Montreux, Lausanne und Amiens oder auch für Schauspielhäuser wie dem Mermaid Theatre oder dem National Theatre, für das er das Musical „Tyger“ schrieb. Bisweilen erhielt er Aufträge für überschaubare Jazzkompositionen, woraus sich dann Werke monströsen Ausmaßes entwickelten. Etwa die grandiose Komposition für Stimme, Jazzband und Kammerorchester „London Bridge is Broken Down“ von 1988, die Texte von Kate Westbrook mit solchen von Goethe, Wilhelm Busch und Siegfried Sassoon zu einem jazzmusikalischen Gesamtkunstwerk mit politischen Hinweisen zusammenschloss.
Ähnliches gelang ihm im Trio mit Kate und dem Saxophonisten Chris Biscoe auch mit „A Little Westbrook Music“ auf Texte von Éluard, Rimbaud und William Blake. Im Alter von 90 Jahren ist Mike Westbrook am 11. April gestorben. Seine phantasievollen musikalisch-poetischen Grenzgänge werden dem Jazz fehlen.
