Über 50 Meter hoch ragt der Sarotti-Schornstein in den blauen Frühlingshimmel, von weithin ist er sichtbar. Ihn von Nahem zu bewundern, ist derzeit allerdings untersagt, denn das Industriedenkmal bröckelt, womöglich könnten sich Ziegel lösen und herunterfallen. Deshalb ist er momentan von Absperrungen umgeben, ein ganzer Schilderwald warnt, dass man sich dem Bauwerk nicht nähern möge. Auch die Kita SchokoLaden gleich nebenan ist in Mitleidenschaft gezogen, große Teile des Außengeländes sind abgesperrt und überdacht und können von den Kindern nicht genutzt werden. Die angrenzende Straße, der Hugo-Hoffmann-Ring, darf seit 2024 nicht befahren werden, sicher ist sicher.
Angenehm ist das für die Anwohner natürlich nicht. „Die Leute müssen ihre Wasserkästen durch den Garten tragen“, sagt Bürgermeister Klaus Schindling (CDU), der die Situation schon seit einiger Zeit verfolgt. Einmal habe es sogar geheißen, die Stadt solle die Kita evakuieren, aber da habe er nicht mitgemacht. „So sehr ich für den Denkmalschutz bin, das kann man ja keinem erklären“, so Schindling.
Zusammen mit dem frisch renovierten früheren Werkstattgebäude aus dem Jahr 1925, in dem sich heute das Stadtmuseum befindet, und dem abgerundeten Pförtnerpavillon aus den Fünfzigerjahren ist der Schornstein der letzte Zeuge der einstigen Sarotti-Schokoladenfabrik. Der Ziegelschlot ist sogar noch älter, er entstand bereits 1884 für die Maingau Zuckerfabrik, die an dieser Stelle bis 1912 existierte.

1922 erwarb ein Frankfurter Unternehmen das Werksgelände und richtete eine Lebensmittelfabrik zur Herstellung von Schokolade nach Schweizer Rezeptur ein. 1928 übernahm Nestlé die in Berlin ansässige Sarotti und erwarb ein Jahr später das Werk in Hattersheim. Ab den Fünfzigerjahren entwickelte sich die Schokoladenfabrik zu einem der größten Arbeitgeber im Main-Taunus-Kreis und sorgte für dezenten Schokoladenduft in der Umgebung. Im Jahr 1994 wurde das Werk geschlossen, inzwischen steht dort auf 43 Hektar das als „Schokoviertel“ bekannte Neubaugebiet samt Versorgungszentrum mit Apotheke, Edeka und anderen Läden. Nur die drei Altbauten sind von der einst riesigen Fabrik geblieben.
Im Schwarzbuch Denkmalpflege der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ist der Schornstein eines von vier Objekten in Hessen, die zwar unter Schutz stehen, aber akut gefährdet sind. Es ist die gleiche Ausgabe des Schwarzbuchs, die gleich mehrfach die Sanierung der Hattersheimer Stadthalle als besonders gelungenes Beispiel lobt. Nun haben aber weder Stadt noch Kreis eine Handhabe, denn das Grundstück, auf dem der Schornstein steht, gehört der Mainova. Das Bauwerk hingegen ist seit nun fast 100 Jahren im Besitz der Nestlé AG. „Wir sind als Stadtpolitiker nur Zuschauer, wir können nur vermitteln und anstoßen“, sagt Bürgermeister Schindling. Aber stehen bleiben solle der Schornstein schon. „Das ist ein Stück Industriegeschichte, das sollte man erhalten.“

Im Jahr 2020 ließ Nestlé den Schornstein routinemäßig prüfen und erkannte Mängel. Um das Bauwerk auch von innen begutachten zu können, erlaubte das Denkmalamt daraufhin den Einbau einer Tür. Eine Innenbefahrung ergab, dass erhebliche Schäden vorlagen und sich Ziegel lösen könnten. Im Jahr 2024 wurden die Straßensperren aufgestellt und wurde die Kita überdacht.
Rettungsversuche gab es einige. Zunächst wollte man ein externes Stützgerüst anbringen, doch aus statischen Gründen ging das nicht. Die Bausubstanz war zu instabil und hätte kein Gerüst getragen. Dann beantragte Nestlé bei der Unteren Denkmalbehörde zunächst den Abbruch des Bauwerks.
„Der Schornstein ist eine Landmarke und ein Zeichen für die Industriegeschichte der Stadt Hattersheim“, so Astrid Heuschen, Leiterin der Unteren Denkmalbehörde beim Main-Taunus-Kreis. „Wenn man so ein Gebäude aufgibt, muss das sehr gut geprüft werden.“
Das sagt auch die für Denkmalschutz zuständige Dezernentin Madlen Overdick (Die Grünen). „Die Zeitspanne der Straßensperrung hat zwar einige Anwohner sehr belastet. Das muss aber ordentlich aufgearbeitet werden, auch weil es ein sehr emotionales Thema ist.“ Die Hattersheimer hingen an ihrem Sarotti-Schlot, das sei ihr immer wieder vermittelt worden.
Also setzte man sich zusammen. Nestlé, Mainova und die Denkmalbehörde kamen schnell überein, dass man versuchen wolle, das Bauwerk so weit zurückzubauen, wie es nötig ist. Außerdem holte man sich beim Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden eine Zweitmeinung ein, weil Schornsteine ein sehr spezielles Thema seien, so Heuschen. Wie viele Meter das am Ende sein werden, wird geprüft werden müssen. „Wir wünschen uns einen maximalen Erhalt“, sagt die Denkmalpflegerin, aber das Monitoring finde im laufenden Prozess statt. Das, was am Ende stehen bleibt, werde dann fachgerecht saniert.
Wie genau die Baumaßnahme technisch ablaufen wird, ist noch unklar. Ein Abrisskonzept gebe es bislang nicht, so Astrid Heuschen, aber das gehe nicht nach nullachtfünfzehn vonstatten.
Große Baugerüste werden nur von wenigen Spezialfirmen angeboten. Blickt man nach Eppstein, wo der Bergfried der Burg saniert wurde, so hatte die Stadt ihre Not, einen fähigen Gerüstbauer zu finden. Ganz günstig war das auch nicht. In Hattersheim wird es ähnlich sein, denn an dem mürben Schornstein kann kein herkömmliches Gerüst verankert werden.
Wann genau die Bauarbeiten beginnen, liege nun bei den Eigentümern Nestlé und Mainova, sagt Bettina Walz, im Kreis die Leiterin des Amts für Bauen und Umwelt. „Wir haben die denkmalschutzrechtliche Genehmigung erteilt.“ Die Bauherren werden die Kreisämter dann mit ständigen Rückmeldungen über den Zustand des Schornsteins versorgen. Bislang sei die Zusammenarbeit mit den Eignern des Wahrzeichens aber gut und konstruktiv abgelaufen.
