Es gibt diese Momente im Leben, in denen sich eine Weisheit wie zufällig offenbart. Unverhoffte Momente der Erkenntnis, die zum Direktiv werden. Für Alice Merton ergab sich so ein Moment in einem Seminar an der Popakademie Mannheim, wo sie 2013 Songwriting und Komposition zu studieren begann. Was nötig sei, um erfolgreich zu sein, lautete die Leitfrage des Kurses. Dafür wurde ein Tortendiagramm an die Wand geworfen. „Talent“ stand auf einem der Stücke, „Übung“ und „Disziplin“ auf anderen. So weit, so vorhersehbar. Ein Tortenstück blieb Merton jedoch im Kopf: „Chancen erkennen und ergreifen“ stand dort.
„Das hatte so noch nie jemand zu mir gesagt“, berichtet die 32 Jahre alte Sängerin im Gespräch, zu dem sie sich per Videocall aus ihrer Londoner Wohnung zugeschaltet hat. „Sobald sich mir eine Chance präsentierte, habe ich Ja gesagt. Ich habe eigentlich nie etwas abgelehnt.“ Vor Kurzem ist Mertons drittes Studioalbum „Visions“ erschienen, in diesen Tagen beginnt ihre Europatournee. Im grünen Kapuzenpullover sitzt die gebürtige Frankfurterin vor dem Bildschirm, die braunen Haare offen, das Gesicht ungeschminkt. Obwohl ihr Terminkalender mit Proben, Sportprogramm und Interviewterminen gefüllt ist, wirkt sie tiefenentspannt. Das war nicht immer so.
Als sie die Zusage für die Popakademie erhalten habe, habe sie gewusst, dass es kein Zurück mehr gebe, sagt Merton. Zuvor hatte sie ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Augsburg begonnen und wieder abgebrochen. Mit der Entscheidung für ein musikalisches Studium war ihr klar: „Ob ich nun Songwriterin werde oder Sängerin – ich muss etwas aus diesem Abschluss machen.“ Sie wurde beides.
„Nicht damit gerechnet, dass der Erfolg mit dem ersten Song kommt“
Schon während ihres Studiums tut Merton alles, um ihre Chancen zu verbessern: Sie versucht, sich ein Netzwerk aufzubauen, fährt immer wieder von Mannheim nach Berlin, um dort Produzenten zu treffen. Schließlich hat die Musikerin eigentlich alles, was sie für ihre Karriere braucht: ihren Manager Paul Grauwinkel und eine Band; sogar einen Anwalt hat sie in Mannheim kennengelernt. Grauwinkel, ein Studienfreund, unterstützt Merton bei den Aufnahmen und Vertragsgesprächen. Doch ein Plattenvertrag kommt dabei nicht herum, auch deshalb, weil die beiden mit den Änderungswünschen und Vorgaben der Produzenten nicht einverstanden sind. Schließlich gründen sie kurzerhand ihr eigenes Label „Paper Plane Records“.

„Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass der Erfolg mit dem ersten Song kommt“, sagt Merton. Ihre Debütsingle „No Roots“, in der sie davon singt, an keinem Ort der Welt so richtig zu Hause zu sein, landete 2017 auf Platz zwei der deutschen Charts, auch in der Schweiz und Österreich erreichte er hohe Platzierungen. Bald darauf fand der Song auch in den Vereinigten Staaten, in Kanada und im Vereinigten Königreich seinen Weg in die Charts. Heute, knapp zehn Jahre später, ist „No Roots“ immer noch der Song, über den man spricht, wenn der Name Alice Merton fällt.
„Es war eine anstrengende Zeit, die ich nicht wirklich genossen habe“
Das auf dem Tortendiagramm formulierte Erfolgsrezept war aufgegangen. Das könnte man zumindest meinen, wenn man die Geschichte der Mannheimer Absolventin hört, der mit der richtigen Mischung aus Begabung, Offenheit und Entschlossenheit in Rekordzeit der internationale Durchbruch gelang. Sie war immer unterwegs, spielte Konzerte, war in Radio- und Fernsehshows zu Gast. 2019 trat sie als Jurymitglied bei der Castingshow „The Voice Kids“ auf, zog sich aber nach einem Jahr wieder daraus zurück. Erst während der Corona-Pandemie habe sie die Zeit gehabt, das Erlebte zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen. „Ich habe alles dafür getan, um diesen Traum zu verwirklichen und meiner Musik eine Plattform zu geben“, sagt Merton über diese ersten Jahre. „Es war eine sehr anstrengende Zeit, die ich nicht wirklich genossen habe.“
Das lag nicht nur an den ständigen Ortswechseln, der fehlenden Struktur und den vielen Terminen („Ich sage immer Ja“). Wer schon einmal ein Konzert von Alice Merton besucht hat, dürfte wissen, dass die Sängerin in den ersten Jahren ihrer Karriere unter heftiger Bühnenangst litt. Nicht etwa weil man es ihr anmerken würde, im Gegenteil. Sondern, weil sie immer wieder offen darüber spricht. Im Interview berichtet Merton von zitternden Händen und Beinen, von Übelkeit und Appetitlosigkeit und von dem Gefühl, vor einem Konzert davonlaufen zu wollen. Darum geht es auch in ihrem Song „Vertigo“: „Hands are sweaty, my heart beats heavy“, singt sie darin. „There’s something out there, I swear, I’m not ready.“ Ihr erstes Album heißt „Mint“, weil Pfefferminzgeschmack eine Zeit lang das Einzige war, was ihren Ängsten zumindest für einen Moment Linderung verschaffte. Nur mithilfe von Hypnotherapie ist es ihr allmählich gelungen, die nervöse Aufregung in ein Gefühl von Vorfreude umschlagen zu lassen.
Es sind zwei Kräfte, die einander diametral entgegenwirken: „Mein Geist will spielen, aber mein Körper kämpft so krass dagegen.“ So beschreibt Merton ihren damaligen Zustand. Da ist die Angst vor den öffentlichen Auftritten, aber eben auch die bedingungslose Liebe zur Musik, die genauso alt ist wie Merton selbst. „Musik war für mich immer ein Anker“, sagt sie. Als Tochter einer deutschen Mutter und eines irischen Vaters kam sie in Frankfurt zur Welt. Kurz nach ihrer Geburt zog die Familie in die Vereinigten Staaten und dann nach Kanada, wo sie wiederum mehrere Male den Wohnort wechselte. Mit 13 Jahren folgte ein Umzug nach München, erst dort lernte Merton richtig Deutsch. Den Schulabschluss machte sie in England.
Als Kind hörte Merton viel klassische Musik, hegte eine Vorliebe für Opern. Zwei Stunden am Tag übte sie Klavier, eine Stunde Gesang. „Es hat mir Spaß gemacht, ich wollte immer besser werden“, erinnert sie sich. Als Jugendliche entdeckte sie Indiemusik für sich und begann bei einem Schulprojekt, eigene Songs zu schreiben und Gitarre zu spielen. Das Songwriting erlaubte ihr, die Erfahrungen auszudrücken und weiterzuentwickeln, die sie in jungen Jahren durch die vielen Umzüge gemacht hatte. „Die Songs, die ich am meisten liebe, sind keine typischen Liebeslieder, sondern Geschichten“, sagt Merton. „‚No Roots‘ ist die Geschichte von mir.“
Rückkehr zu den Wurzeln
Je länger man sich mit der Künstlerin unterhält, desto deutlicher wird ihr unumstößlicher Wille zum Erfolg, der von Anfang an da war. Doch wenn sie den Kopf in die Hand stützt und von ihren Zielen spricht oder an schwierige Zeiten zurückdenkt, ist da nichts Verbissenes. Sie ist ein ehrgeiziger Mensch, aber sie hat Spaß an dem, was sie tut. Erst jetzt, etwa neun Jahre nach Erscheinen ihres ersten Songs, habe sie eine Balance gefunden zwischen Arbeit und Freizeit, sagt sie. „Ich verbringe trotzdem sehr viel Zeit mit dieser Arbeit, aber ich genieße sie viel mehr.“

Inzwischen nimmt sich Merton bewusst Zeit, um die Menschen kennenzulernen, die ihre Musik hören, und um zu verstehen, warum sie das tun. Vor Erscheinen ihres dritten Albums reiste sie nach Berlin und New York, nach Warschau und auch nach Frankfurt, um ihren Fans die neuen Songs vorzuspielen, die Geschichten dahinter zu erzählen, Platten zu signieren und Fotos mit sich machen zu lassen – ohne Eintritt dafür zu verlangen. In Zeiten, in denen sich Musik ganz einfach und unpersönlich mithilfe von Künstlicher Intelligenz kreieren lasse, sei ihr umso wichtiger, den Menschen eine Erfahrung mitzugeben, die sie auch beim späteren Hören mit den Melodien und Texten verbänden, erklärt sie.
Die Präsentation im Frankfurter Holzhausenschlösschen Mitte Januar war für Merton gewissermaßen eine Rückkehr an ihre Wurzeln, denn sie wurde nicht nur in der Stadt am Main geboren, sondern hat auch einen berühmten Frankfurter Vorfahr: Ihr Ururgroßonkel ist der Unternehmer Wilhelm Merton, der die Stadt als Gründer der Metallgesellschaft, durch sein sozialpolitisches Engagement und seine zentrale Rolle bei der Universitätsgründung prägte. Der gemeinsame Nachname findet sich deshalb etwa im Mertonviertel oder der Mertonstraße wieder. Davon erfuhr die Sängerin aber erst später in ihrem Leben. Für sie sind es eher Erfahrungen wie das Konzert im Holzhausenschlösschen, die Frankfurt mittlerweile zu einem „zweiten Zuhause“ machen.
Vielleicht haben gerade die vielen Ortswechsel dafür gesorgt, dass Merton einen starken inneren Kompass entwickelt hat. Von ihrem Credo, immer Ja zu sagen, ließ sie ausnahmsweise ab, als der für seine antisemitischen Äuerungen bekannte Sänger Kanye West fragte, ob er einen Teil ihres Songs „Blindside“ für seine Musik verwenden könne. Er tat es trotz Mertons Nein, die Autorin hat ihn deshalb verklagt. Auch den Mechanismen der Popindustrie – höher, schneller, weiter – trotzt sie selbstbewusst. Ihr eigenes Label, das ursprünglich nur eine Notlösung sein sollte, gibt ihr heute die Freiheit, Musik so zu machen, wie sie ihr gefällt. „Wenn man es schafft, glücklich zu sein und trotzdem von der Musik leben zu können“, sagt sie, „und wahrzunehmen, was man mit seiner Musik für andere macht – das ist für mich Erfolg.“
Die offen gebliebenen Fragen verhandelt Merton in ihren Liedern. Ihr neues Album „Visions“ erzählt vom Erwachsenwerden, von der kreativen Selbstfindung und den Erwartungen, die die Gesellschaft an eine Künstlerin in ihren Dreißigern stellt. Entstanden ist es in London, Los Angeles und auf Island. Im März tourt sie damit durch Europa, im Sommer wartet bereits ein ganz anderes Projekt: Merton hat die musikalische Liedgestaltung der Nibelungenfestspiele in Worms übernommen und wird die selbst komponierten Songs auch selbst dort spielen. Ob Frankfurt, London, Los Angeles oder Worms – Alice Merton geht, wohin ihr Ja sie trägt.
