Der Höhenweg auf dem lang gestreckten Rücken des Mönchsbergs windet sich von der Festung Hohensalzburg immer an der Salzach entlang, die an manchen lichten Stellen des Laubwalds unten aufblitzt. Weit wird der Horizont dann auf der Humboldt-Terrasse, in der Ferne schwingen sich die Bergrücken der Voralpen gegen den Himmel, während die Morgenbrise ein paar Schäfchenwolken vor sich herbläst. Ein Bussard kreist über Mauerseglern, die in akrobatischen Kehrtwendungen mit gellenden Pfiffen wie Pfeile durch den Himmel schießen. Im Tal erheben sich die kupfergrünen Kuppeln und weiß schattierten Kirchtürme von Salzburg. Der barocke Dom mit seinen Plätzen ringsum verschafft sich Raum und Wucht und Eindruck. Die Felsenreitschule und das Große Festspielhaus, Weihestätten der Salzburger Festspiele, kleben regelrecht am Mönchsberg und sind sogar unterirdisch in seinen Felsen hineingebaut. Auch das Sankt-Peters-Stift schmiegt sich mit seinem Friedhof an den Mönchsberg. Gegenüber schaut man auf hellgrüne, rosafarbene, ockergelbe Fassaden von Bürgerhäusern. Und dort, auf dem rechten Salzachufer, überragt der Kapuzinerberg den verspielten Rokoko-Mirabellgarten mit seinem Taxus-Heckentheater und seinem Schloss in Rosa. Beim Ausblick an dieser Stelle soll Alexander von Humboldt einst Salzburg neben Neapel und Konstantinopel zu den schönsten Städten der Erde gezählt haben. Ganz Salzburg erschließt sich hier den Besuchern mit einem Wimpernschlag. Ganz Salzburg?
Der Lieblingsort der Selbstmörder
Schaut man näher hin und rückt an das hölzerne Geländer der nach Humboldt benannten Terrasse, so stürzt der Fels des Mönchbergs jählings senkrecht in die Tiefe. Das hat militärische Gründe und birgt menschliche Abgründe. Um den Zugang zur Festung Hohensalzburg fortifikatorisch zu sichern, sollte der Mönchsberg – welch waghalsige Idee – in zwei Teile zerschnitten werden. Der senkrechte Einschnitt in das relativ leicht abbaubare Konglomeratgestein des Felsens wurde erstmals 1676 begonnen, aber fast 100 Jahre später endgültig aufgegeben. Stattdessen wurde 1764 ein Straßentunnel gegraben, mit beachtlichen 131 Meter Länge. An den Eingang des Tunnels wurde das Siegmundstor gesetzt. Erst so konnte die Humboldt-Terrasse entstehen.

Die erhabene Empore jener Terrasse mit dem weit offenen und jäh abfallenden Ausblick nutzen indessen auch Selbstmörder, um sich dort in die Tiefe zu stürzen. Der Schriftsteller Thomas Bernhard erinnert sich in seiner „Autobiographie“ an diesen Ort und berichtet in der ihm eigenen, zynisch-lakonischen Manier, es hätten sich dort während seiner Salzburger Schulzeit „vom Schulweg abgekommene Schüler mit Vorliebe vom Mönchsberg direkt auf die asphaltierte Müllner Hauptstraße gestürzt, die Selbstmörderstraße, wie ich diese fürchterliche Straße immer betitelt habe, weil ich sehr oft auf ihr zerschmetterte Menschenkörper liegen gesehen habe, Fleischklumpen in bunten Kleidungsstücken, der Jahreszeit entsprechend“. Bernhard musste als mittellose Halbwaise aus der damaligen Scherzhauserfeld-Arbeitersiedlung in der Radetzkystraße kommend durch den langen, stickigen Tunnel unter dem Mönchsberg hindurch, um durch das Siegmundstor an der von Barockbaumeister Fischer von Erlach errichteten und mit Siegerengeln gekrönten Pferdeschwemme vorbei zu seiner höheren Schule, „dem altehrwürdigen Hause“, zu gelangen. Dort wurde er laufend von Lehrern und Mitschülern gedemütigt, ständig mit dem Gedanken an Selbstmord ringend. Flüchten konnte er sich in die Musik, und da er sich keine Eintrittskarten leisten konnte, hörte er den Orchesterproben von Mozarts „Zauberflöte“, seiner Lieblingsoper, auf dem Mönchsberg direkt über der Felsenreitschule zu.
Höchste Triumphe, tiefste Verachtung
Der Ausblick von der Humboldt-Terrasse offenbart das Doppelgesicht von Salzburg, wie Thomas Bernhard es wahrgenommen und erfahren hat. Als einunddreißigjähriger Feuilletonist preist er noch jenen Blick von oben auf seine „Heimatstadt“: Immer wieder nimmt ihn „der eigenartige Zauber dieser unvergleichlich harmonisierenden Landschaft“ gefangen. „Die Dächer im Westen glitzern in der goldenen Sonne“, schrieb er enthusiastisch. Salzburg erscheint ihm als „eine Insel des Friedens“, auch nachts: „Man steigt auf den Mönchsberg, sitzt auf den Bänken, die fröhlichen Engel des Fischer von Erlach über der Universität, das Wehen des Winds in den Ästen.“ Und er wünscht sich, „dass auch die Stadt so bleibt, die wir so lieben.“
Der unehelich in Holland geborene Thomas Bernhard wurde als Schüler in ein katholisches Internat in Salzburg geschickt, das damals genau unter der Humboldt-Terrasse lag, musste es aber nach zwei Jahren wieder verlassen. Er begann eine Lehre bei einem Kaufmann im Kellerladen eines Salzburger Vorortes und holte sich dort eine Tuberkulose, an deren Folgen er im Alter von 58 Jahren 1989 starb. In Salzburg konnte Bernhard aber auch am Mozarteum Gesang, Schauspiel und Regie studieren sowie seine höchsten Theatertriumphe in den Siebzigerjahren – inklusive Skandalen – bei den Salzburger Festspielen feiern.

Der Gegensatz zwischen der „Hölle“ des Gymnasiums, dem tristen Dasein als Kaufmannslehrling im Kellerloch und in der beengten Wohnung in der Scherzhauserfeldsiedlung auf der einen Seite und dem Zuhause in der Musik auf der anderen Seite, „der Gegensatz zwischen allen diesen salzburgischen Unvereinbarkeiten meiner Jugend hat mich gerettet, ihm verdanke ich alles“, schreibt Bernhard ebenfalls in seiner Autobiographie.
Was würde er heute denken, sähe er die Touristenmassen, die sich in der Altstadt drängen, die Getreide-, Pfeifer-, Goldgasse verstopfen und sich im „Tomaselli“ von unhöflichen, hochnäsigen Kellnern drangsalieren lassen? Gleich gegenüber, in der Café-Konditorei Fürst, gibt es die hier kreierten, originalen Mozartkugeln, eingepackt in Silber und Blau, während die Industrieware an der roten Hülle zu erkennen ist. „Die richtigen Kugeln schmecken erst richtig, wenn man sie auf der Zunge langsam zerschmelzen lässt und die Pistazien schmeckt“, sagt Medi Gasteiner, die uns bei einem Braunen in die Salzburger Geheimnisse einweiht. „Niemals die rot eingepackten nehmen, die sind verboten, die gibt es nur in Deutschland und schmecken grausig.“
Eine Krönungsmesse gegen die Pest
Medi Gasteiner in ihrem rot-weißen Dirndl muss es wissen, sie ist in Salzburg geboren. Zur Vorbereitung auf das Abitur, hier sagt man Matura, pilgerte sie zur Wallfahrtskirche Maria Plain auf dem Kapellenberg. „Mit der berühmten Madonna, für die Mozart angeblich die Krönungsmesse komponiert hat, als die Pest in Salzburg war. Und da sind die Madonna und ihr Kindlein zum Dank mit einer goldenen Krone gekrönt worden.“ Anekdoten müssen nicht immer stimmen, selbst wenn sie wirken sollten. Medi jedenfalls betete auf dem Kreuzweg für gute Noten. Es hat tatsächlich geholfen. Sie konnte mit Musik die Mathematik ausgleichen und ist Musikmanagerin geworden. Für Sony Classical und andere Labels betreute sie Klassikstars wie Jessye Norman und Alfred Brendel während der Salzburger Festspiele. Sie ging nach Deutschland, warum wohl, ein Mann war im Spiel, wurde Orchestermanagerin beim hr-Sinfonieorchester in Frankfurt und stillt nun ihr Heimweh nach Salzburg bei Musikreisen, die sie begleitet.
Am frühen Morgen sitzen beim „Fürst“ noch die einheimischen Connaisseurs bei einem Kleinen Schwarzen. Von elf Uhr an wird es auch hier enger. Wo gehen wir hin zum Mittagessen? Medi macht Vorschläge. Für den kleinen Hunger könnten wir erst einmal zu den Würstelständen auf den Universitätsplatz mit dem Blumen- und Obstmarkt gehen. „Der mittlere ist der beste. Würstel mit frischem Kren, also Meerrettich, und süßem Senf.“ Oder wie wäre es mit dem „Auerhahn“ hinter dem Bahnhof? Da wird der Tafelspitz im „Kupferreindl“, in der klassischen Kasserole der k. u. k. Küche, hergerichtet. Der schwimmt zwischen Bratkartoffeln auf einer Schnittlauchsoße mit Apfelkren und Cremespinat. Zum Nachtisch gäbe es Zwetschenröster mit viel Butterbröseln oder Marillenröster, dicker als das deutsche Kompott, denn es wird beim Kochen kein Wasser hinzugegeben. Der schmort im eigenen Saft. Es folgen noch Tipps wie die „Blaue Gans“ oder der „Gasthof Goldgasse“, in dem nach barocken Rezepten gekocht wird. Das Backhendl wird da 24 Stunden lang in Rahm eingelegt. Schließlich einigen wir uns auf das Naheliegende, auf das „St. Peter“. Das Wiener Schnitzel vom Salzburger Milchkalbsrücken ist resch gebraten und zergeht beim leichten Kauen im Mund.

Auf dem Rückweg durchqueren wir den St.-Peters-Friedhof und erahnen uralte Zeiten. In den Berg hineingehauene Katakomben weisen zurück in das frühe Christentum, in die Spätantike. Still ist es hier. Schmal zwängt sich die gotische Margarethenkapelle zwischen die Gräber. An der Seite kleidet ein sechsteiliger Totentanzzyklus von 1660 die Felswand. Der Sensenmann wirft vor lapislazuliblauem Malgrund Schädel in den Mahltrichter einer Mühle „Von staub khomst her, Zu staub muest wehrn / das thut dich dieser miller lehrn.“ „Traumverschlossen“ nannte der Salzburger Dichter Georg Trakl diese „Felseinsamkeit“.
Sieben Grabkreuze fallen auf. Der Steinmetzmeister Sebastian Stumpfögger liegt da neben seinen Eltern und vier Ehefrauen begraben. In goldumrandeten Medaillons stehen die einzelnen Namen eingraviert. Medi Gasteiner hörte in der Schule noch die Version, der Meister habe seine Frauen „zu Tode gekitzelt“. Blaubarts Burg liegt aber nicht in Salzburg. Wahrscheinliche Ursache ist wohl die frühe Frauensterblichkeit um 1700. Und eine Ehefrau überlebte sogar diesen komischen Blaubart.
Der Wille des Herrn geschehe bei Tag und bei Nacht
An der südwestlichen Ecke liegen in der sogenannten Kommunegruft an der Mönchsbergwand Joseph Haydns Bruder Michael und Mozarts Schwester Anna begraben. Das „Nannerl“ war unglücklich verheiratet. Ihr Bruder tröstete und ermunterte sie in einem Brief: „Drum, wenn dein Mann dir finstre Mienen, die du nicht glaubest zu verdienen, in seiner üblen Laune macht: So denke, das ist Männergrille, und sag: Herr es gescheh dein wille beytag – und meiner bey der Nacht.“

Vom Dunkel ins Licht und umgekehrt: In Salzburg braucht es dafür immer nur ein paar Schritte. Manche führen über die Staatsbrücke. An ihren Bau im Zweiten Weltkrieg erinnert sich Bernhard in seiner Autobiographie: „Ich sehe heute noch die in grauschmutzigen, abgesteppten Kleidern an den Brückenpfeilern hängenden russischen Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter, ausgehungert; viele von ihnen sollen entkräftet in die Salzach gefallen und abgetrieben worden sein.“ Lange vergessen gedenkt ihrer die Künstlerin Brigitte Kowanz, die an den vier Brückenköpfen der Staatsbrücke halb durchsichtige Spiegelkuben errichtet hat. Im Innern leuchten Schriftzüge aus Neon. Die gläsernen Kuben spiegeln Altstadt und Betrachter. Ihr Werk mit dem Titel „Beyond recall“ gehört zu einem „Walk of Modern Art“, auf den uns Inez Reichl führt, mitten durch die Altstadt von Salzburg mit Installationen von Anselm Kiefer und Marina Abramović oder Skulpturen von Stephan Balkenhol und Erwin Wurm. Der hat fünf Gurken als Plastiken hergerichtet. Wurm vergrößert sie auf menschliches Maß und lässt sie direkt aus steinernen Bodenplatten wachsen. „Sind wir die Gurken?“, fragt die holländische Kunstführerin Inez Reichl, die wohl berühmteste Stadtführerin von Salzburg, die sogar Staatsgäste wie den französischen Präsidenten Emmanuel Macron begleiten darf: „Will uns der Künstler etwa vergurken?“ Wenn in Österreich ein Fußballer dem Gegner einen Ball zwischen den Beinen durchspiele, dann tunnele er nicht, sondern mache eine Gurke, sagt Reichl, die ein Österreicher nach Salzburg gelockt und geheiratet hat. Sie kennt sich inzwischen auch in den Salzburger Dirndl-Bräuchen aus. Die Dirndl-Schürze seitlich gebunden heißt so viel wie: Ich bin noch zu haben. Und hinten geschnürt heißt: „closed shop“.

Die fünf mannshohen Gurken von Erwin Wurm reihen sich im Innenhof des ehemaligen Staatsgymnasiums aneinander, in dem der fünfzehnjährige Thomas Bernhard scheiterte. Durch die Gurkenreihe hindurch schauen wir zu den Fest- und Zaungästen des Großen Festspielhauses hinüber, in dem nicht nur die Wiener Philharmoniker gerne gastieren. Dazwischen fahren Pferdekutschen vorbei, die meist von Roma gelenkt werden, wie Inez uns aufklärt: „Die Stadt bezahlt weitere Roma, die mit dem Fahrrad hinterherfahren, die Pferdeäpfel auflesen und weiterverkaufen. Sie sind begehrter Mist für Rosen.“
Salzburg ist mit Konglomerat gebaut. Ein Steinbruch, in dem das Gestein herausgehauen wurde, bildet exakt den senkrechten Abgrund unter der Humboldt-Terrasse. Dieses spröde Material der Steinmauern von Salzburg besteht aus einem Gemisch aus Kies, Geröll und Brekzie, in weiß, grau, schwarz bis rot schimmernden Farbtönen, das feinkörnig verkittet ist und leicht bröckelt. Ein eigener Berufsstand poliert die Steine auf, sogenannte Bergputzer. Jährlich glättet und frischt die Stadt auch ihr Selbstbild mit den Festspielen auf, die jedes Jahr mit dem „Jedermann“ von Hofmannsthal bespielt und am Abend zuvor mit einem Fackelzug von Trachtlern rund um den Residenzbrunnen eröffnet werden, angeführt von ihren Blaskapellen, begleitet und beleuchtet von Fackelträgern – bis es mit einem Böllerschlag dunkel wird.
Die grauen und dunklen Kiesel im Konglomerat würden dem Gemisch den Halt nehmen, entfernte man sie. Sie funkeln und sprühen sogar oder gerade in den „Salzburger Stücken“ von Thomas Bernhard, die bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurden und dem Dramatiker Skandale, Empörung und Weltruhm bescherten. Als 1972 im Salzburger Landestheater das Notlicht abgedreht wurde, wegen der Finsternis, in der das Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ endet, setzte die Festivalleitung die Inszenierung ab. Das hielt Bernhard jedoch nicht davon ab, weiter Stücke für Salzburg zu schreiben und dort uraufführen zu lassen. Er konnte es einfach nicht lassen, immer wieder in seine Heimatstadt zurückzukehren, in ein Café zu gehen, umsonst dort die Zeitungen zu lesen und bei jeder Gelegenheit über die Stadt zu schimpfen: „ein stumpfsinniges Provinznest mit dummen Menschen und kalten Mauern“. Dem entgegnet die Salzburgerin Medi Gasteiner: „Ach ja, der Bernhard, der kann nicht anders. Das erwartet man von ihm. Im Vergleich zum Schmäh der Wiener über Wien ist das harmlos. Ich mag ihn trotzdem.“
Erst ein Konglomerat aus Kunst und Literatur erhellt auch die dunklen Seiten von Salzburg. Und erst durch sie erhalten wir ein Gesamtbild von Salzburg. Samt Schmäh. Das Essen nicht vergessen.
