„Kein Kugelschreiber!“ Mir wird ein stumpfer Bleistift gebracht. Polizeipräsenz und Taschenkontrollen, das passt nicht zur fröhlichen Stimmung von Europas größtem Literaturfestival, der Lit.Cologne, deren sechsundzwanzigste Ausgabe soeben zu Ende ging. Und doch wissen alle, dass es leider nötig ist, wenn einer der wichtigsten Autoren der Gegenwart auftritt, Salman Rushdie. Mit seinem Erzählungsband „Die elfte Stunde“ hat er ausgerechnet rund um das Thema Tod zu alter Fabulierfreude zurückgefunden. Sein Übersetzer Bernhard Robben scheucht schnell den Elefanten aus dem Raum, indem er den Autor in Anlehnung an einen Satz im Buch fragt, ob auch er sich nach dem Attentat im Jahr 2022 gefragt habe: „Warum habe ich überlebt?“
Rushdie bejaht die Frage. Er suche seit seinem unwahrscheinlichen Überleben nach einer Antwort darauf, wie er diese zweite Chance nutzen wolle. Und er hat sie wohl längst gefunden: „I can’t stop“, sagt Rushdie. Er müsse schreiben, entgegen der ersten Intention zunächst über das Attentat („Knife“, 2024). Das habe ein Fenster in seinem Kopf geöffnet, die Geschichten drängten wieder heraus. Auf seine Frage, warum er keine üblichen posttraumatischen Symptome entwickele, habe sein Therapeut allerdings – kaum übersetzbar – geantwortet: „Because you are a badass motherfucker.“
Wiedergeboren werden möchte er als Ferrari
Das ist dann wohl der medizinische Fachbegriff für überragendes Erzähltalent. Nur ein Meistererzähler bringt es fertig, die Artussage mit den Biographien von Alan Turing, E. M. Forster und Rushdie selbst zu einer bezwingenden Geistergeschichte zu amalgamieren wie in der Novelle „Saumselig“. Und so ist es die beste Nachricht des Abends, dass Rushdie gar nicht daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen wie sein 2018 gestorbener Freund Philip Roth. Mit Blick auf dessen berühmten Post-it-Zettel auf seinem Computer („The struggle is over“) erklärt Rushdie: „Ich finde, der Kampf geht weiter.“ Wiedergeboren werden möchte er übrigens „als Ferrari“. Soviel zu „badass“.
Viele Wege führen durch dieses Festival. 121.000 Besucher kamen in diesem Jahr, das ist ein neuer Rekord. Auf einem der breiteren Pfade lag ein patriotisch-kritischer Köln-Abend, auf dem Frank Schätzing im besten Unternehmensberater-Sprech („Visionen“, „disruptiv denken“) Großes für die Stadt auspackte. Man müsse nur die Kölner Stadtverwaltung überwinden. Deren planerische und exekutive Inkompetenz führe zum „Versemmeln“ aller Projekte. Günter Wallraff wollte es bescheidener: Niedrigere Mieten und Kölsch als Schulfach wären doch schon ein Anfang. Und billigere Tickets bei der Lit.Cologne: „Welcher Arbeiter kann diesen Eintrittspreis bezahlen?“
Das Großartige aber ist, dass hier auch bei weniger lauten Themen die Säle ausverkauft sind, so bei der Erstvorstellung des immens wichtigen Buchs „Genauso fängt es an“ der Auschwitz-Überlebenden Eva Umlauf. Das Wiedererstarken des Antisemitismus in Deutschland führe zu Situationen, die sie „nicht für möglich gehalten habe“, sagte die slowakisch-deutsche Ärztin und Autorin, die auch Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees ist: „Dass die Juden wieder Angst haben, beispielsweise die ‚Jüdische Allgemeine‘ in der U-Bahn zu lesen.“ Umso wichtiger sei das Wachhalten der Erinnerung. Und der Einsicht: „Der Antisemitismus ist älter als Hitler, aber Auschwitz ist eine deutsche Erfindung.“ Ein weniger formalisiertes Gedenken wünschte sich Eva Umlauf noch, eines „mit mehr Herz und Gefühl“.
Judith Hermann schreibt, wenn sie Fragen hat
Um Erinnerung kreist auch das neue Buch von Judith Hermann, das autobiographisch beginnt und sich dann autofiktional weitet. Es geht um deutsche Schuldverdrängung, die dazu führte, dass die Erzählerin von ihrem Großvater nur weiß, dass er mit der Waffen-SS in Polen war, nicht aber, was er getan hat. Ist das Einlassen auf Recherche und „Literarisieren“ nun eine Form der Aufarbeitung oder des Totenkults? „Ich schreibe, weil ich Fragen habe“, sagte Hermann. Und genau die Frage mit dem Totenkult stelle sich auch die Erzählerin. Eine Antwort darauf habe sie nicht: „Manchmal geht es mehr darum, sich überhaupt befragt zu haben.“

Ein anderer Pfad führte direkter in die Politik, auch wenn die Veranstaltung mit Olaf Scholz, der die drei Bücher seines Lebens beziehungsweise seiner augenblicklichen Lebensphase präsentierte – darunter Ocean Vuongs Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von 2019 –, eine der ödesten des ganzen Festivals war. Das lag an den diplomatisch maximal abgedimmten Antworten. Lesen etwa sei nützlich für Politiker, aber es gebe „auch Politiker, die lesen nicht so viel und sind trotzdem klasse“. Sapperlot! Da wirkte es fast komisch, dass Scholz in Bezug auf seine Memoiren, für die er gerade einen Verlag sucht, sagte (und man musste das als Seitenhieb auf die von ihm angeblich noch nicht gelesenen Memoiren seiner Vorgängerin im Kanzleramt verstehen), er habe sich „ganz fest vorgenommen, dass das Buch auf keiner Seite langweilig ist“. Über Erinnerungslücken wurde nicht gesprochen.
Wie es anders geht, zeigte ein entfesselter Jean Asselborn. „Strammer“ müsse die EU endlich auf Putin und Trump reagieren, sagte der langjährige Außenminister Luxemburgs. Der Gefahr von rechts sei konsequent zu begegnen. Die französische Nuklearabschreckung wiederum müsse zur europäischen werden, weil die NATO vielleicht nicht mehr ewig bestehe. Im Falle Ungarns und anderer Blockadeländer („Unterseeboote“) ließ der Christdemokrat sich hinreißen zu der Forderung, sie ultimativ zum Verlassen des Bündnisses aufzufordern – oder sonst „ein Europa ohne die“ neu aufzubauen.
Benjamin von Stuckrad-Barre steht zu jedem Satz
Damit lief Asselborn als Europa-Hymniker Robert Menasse den Rang ab. Der österreichische Schriftsteller hat nicht nur eine zu Herzen gehende, aber verbittert auf die EU Bezug nehmende Novelle („Die Lebensentscheidung“) vorgelegt. Er lederte auch auf der Bühne gegen eine Union, die sich längst den Nationalinteressen geschlagen gegeben habe. Für Ursula von der Leyen hatte er nur einen Satz in petto: „Treten Sie zurück!“

Wie gut altert deutsche Popliteratur? Das wurde in Köln am lebenden Objekt untersucht. Interessant war, wie unterschiedlich der Rückblick prominenter Autoren auf ihre einst gefeierten Debütromane ausfallen konnte. Katja Lange-Müller las nur widerwillig aus ihrem kalauernden Generationenporträt „Kasper Mauser“ (1988). Es sei ihr „ziemlich fremd mittlerweile“. Leif Randt witzelte über die „prätentiös poetischen Passagen“ seines Debüts „Leuchtspielhaus“ (2010), in dem er einfach „interessante Sätze“ aneinandergereiht habe. Klaus Modick hingegen dachte beim Blick in sein Frühwerk „Moos“ (1984): „Du warst ja mal ganz gut.“
Thomas Hettche stellte beim Lesen aus „Ludwig muß sterben“ (1989) fest: Der Sound ist noch da. Auch ein überdrehter Benjamin von Stuckrad-Barre schien zu jedem Satz aus „Soloalbum“ (1998) zu stehen. Helene Hegemann hingegen gab an, der Stil von „Axolotl Roadkill“ (2010) habe sie „schon damals genervt“. Den Autor Airen, bei dem sie sich weidlich bedient hatte – die Folge war eine überhitzte Plagiatsdebatte –, erwähnte sie mit keinem Wort, dafür aber den „Feuilleton-Zynismus“ ihr gegenüber. Der erinnere sie an das „Verhalten des rechten Online-Mobs“ von heute.
Das einflussreichste Debüt der vergangenen Jahrzehnte war sicherlich Christian Krachts „Faserland“ (1995); kaum zu glauben, dass der Autor auf dieser Veranstaltung zum ersten Mal öffentlich aus diesem Roman las – und dann noch brav Fragen beantwortete (üblicherweise erinnern Kracht-Lesungen an Gottesdienste). „Hingeschludert“ nannte er das Buch, räumte zwar ein, „vielleicht war das auch gar nicht so schlecht“, doch urteilte dann salopp: „Ich fand die späteren Bücher besser.“ Der König des Pop macht auf Bob Dylan.
