Wenn man mit dem Auto auf das große Gelände der Wake Forest University fährt, wenn man auf dem großen Parkplatz hält (besser nicht auf dem Platz mit dem Schild „Vice Admiral“ davor), wenn man aussteigt und in das große Gebäude „Farrell Hall“ geht, nach der Tür links, wieder links, die Treppen runter, durch die „Donovan L. Nicol Hall of Excellence” und in das „Broyhill Auditorium“, dann steht man an diesem Dienstagmittag in dem Hörsaal, in den kurz darauf ein Mann kommt, der das Haar eines Professors hat.
„Schön groß“, sagt Rudi Völler, der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes. Es ist die erste Pressekonferenz auf dem Campus in Winston-Salem, US-Bundesstaat North Carolina, den sich der Verband als Trainings- und Medienstätte für die Weltmeisterschaft ausgesucht hat. Völler sagt: „Schon toll.“
In den nächsten 35 Minuten wird der Sportdirektor in dem Hörsaal seine Antrittsvorlesung in den Vereinigten Staaten halten. Doch weil Völler kein Vertreter des unter Fußballfunktionären verbreiteten Frontalunterrichts ist, wie man ihn etwa aus Pressekonferenzen des FIFA-Präsidenten Gianni Infantino kennt (vgl. Qatar 2022), findet dort ein Frage-Antwort-Spiel statt. Und nach diesen 35 Minuten weiß man mal wieder, warum der DFB seinen Sportdirektor dieses Spiel so gerne spielen lässt.
Es ist egal, welches Sorgenkind der Nationalmannschaft an diesem Mittag angesprochen wird, Völler versucht in seiner Rolle als Onkel Rudi alles, um die Sorgen zu vertreiben.
Florian Wirtz, der eine holprige erste Saison in der Premier League hinter sich hat? „Wird Top-Leistungen abrufen, ganz sicher.“
Nick Woltemade, der sogar eine noch holprigere erste Saison in der Premier League gehabt hat? „Ein überragender Fußballspieler.“
Das kann man auch über Völler sagen. Nur einmal macht er eine kurze Anmerkung über den Zustand des Rasens auf dem Trainingsplatz („Passt schon“), die aufhorchen lässt (wenn einer „passt schon“ sagt, darf man davon ausgehen, dass nicht alles passt), aber diese Anmerkung geht unter in den Amerika-Anekdoten, die er zum Besten gibt.

Da wäre die vom Aztekenstadion in Mexiko City, das für ihn „mit Abstand schönste Stadion weltweit“, wo er am Donnerstag sein wird, um sich das Eröffnungsspiel dieser WM anzuschauen. Oder die vom 17. Juni 1994, als Völler als Spieler im Stadion in Chicago das Eröffnungsspiel der WM bestritten hat, während in Los Angeles die Polizei den unter Mordverdacht stehenden Footballspieler OJ Simpson verfolgte.
Und wenn gar nichts mehr geht, dann geht immer noch eine Anekdote aus Malente. Dort, in der Sportschule in Schleswig-Holstein, haben sich die deutschen Fußballnationalmannschaften früher auf Turniere vorbereitet, ohne Internet und auch ohne Pool. „Selbst wenn da ein Pool gewesen wäre, da muss man nicht nochmal hin.“
„Ich hätte das gerne auch anders gehabt“
In dem Hörsaal lässt sich Rudi Völler auch dann nicht aus der Ruhe bringen, als es um die Realitäten dieser Weltmeisterschaft geht, die am Dienstagmittag auf dem Campus der Wake Forest University fern scheinen. Um den Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia, den die FIFA bei der WM einsetzen wollte, der aber offenbar trotz eines gültigen Visums für die Vereinigten Staaten nicht einreisen durfte. Also um den unmittelbaren Einfluss der Trump-Politik auf dieses Turnier.
„Ich hätte das gerne auch anders gehabt“, sagt Völler. In diesem Fall, sagt er, kenne er die „genauen Hintergründe“ nicht und gibt dann die Antwort, die er bei politischen Fragen zuletzt immer gegeben hat: „Wir alle sind die falschen Ansprechpartner für diese Probleme.“ Doch dieses Mal hört seine Antwort danach nicht auf. „Die vielleicht auch noch kommen werden. Mein Bauchgefühl sagt mir, das wird nicht die allerletzte Geschichte gewesen sein.“
Wenn sein Bauchgefühl stimmt (und wie sollte es nicht), wird es auch nicht die letzte politische Frage an ihn gewesen sein. Man muss dem DFB-Sportdirektor zugutehalten, dass er sich diese Frage anders als der DFB-Präsident in einer Pressekonferenz stellen lässt.
„Ich habe keine Angst, irgendwelche politischen Fragen zu beantworten“, sagt Völler. Wofür sollte man auch Angst haben, wenn man, egal, was die Frage ist, dieselbe Antwort gibt?
