
Disziplin, Konzentration, Ehrgeiz – längst verloren geglaubte Tugenden erweckt Choreograph Royston Maldoom bei Problemkindern zu neuem Leben. Ein Interview mit dem Vortänzer aller verzweifelten Pädagogen.
Haltlosen Jugendlichen möchte Maldoom, 62, über hartes Tanztraining neues Selbstbewusstsein vermitteln. Bekannt wurde der Brite durch den Dokumentarfilm „Rhythm Is It!“, in dem er zusammen mit den Berliner Philharmonikern Schüler aus sozial abgestürzten Vierteln in der Hauptstadt zum Tanzen bringt. Rund 620 000 Zuschauer haben den Film in deutschen Kinos gesehen. Seither ist Maldoom ein Star in der Tanzszene und zugleich Guru für verzweifelte Lehrer und Eltern. Vom 22. bis 26. Februar veranstaltet er beim Stuttgarter Festival „Tanzplattform“ einen neuen Workshop mit 22 Hauptschülern.
FOCUS: Sie forcieren in Ihren Tanzstunden Tugenden, die eigentlich als völlig uncool gelten. Warum begeistert das die Kids dennoch?
Maldoom: Meine Workshops sind keine Bootcamps. Aber sie sind streng. Es geht dabei viel um Disziplin. Und ich weiß einfach: Ohne Disziplin und Opferbereitschaft erreichst du nichts. Wenn wir unseren Kindern das nicht beibringen, programmieren wir sie zu Versagern.
FOCUS: Unbedingt Spaß macht es aber nicht, von Ihnen gedrillt zu werden.
Maldoom: Beim Tanzen lernst du übers Versagen. Beim nächsten Mal weißt du, wie du den Schritt richtig setzt und den Körper richtig bewegen musst. So ist das. An harter Arbeit führt dabei kein Weg vorbei, wenn du es draufhaben willst. Die Jugendlichen verstehen das und wissen meine Unerbittlichkeit zu schätzen. Ich stauche sie zusammen, wenn sie schlampig tanzen. Aber ich lobe sie auch, wenn sie Leistung bringen. Das Glücksgefühl sehe ich ihnen an: Sie wachsen richtig in die Höhe, wenn sie gut sind.
FOCUS: Worin besteht der Trick, sie zu motivieren?
Maldoom: Kein Trick. Es ist sehr einfach: Ich nehme sie ernst und bin konsequent – auch mit mir selber. Darauf kommt es an. Lehrer, die Schüler zu gutem Verhalten ermahnen und dann in der Pause selbst in der Raucherecke stehen, sind keine Autorität. Glaubwürdig ist man nur, wenn man seine Regeln selbst einhält.
FOCUS: Waren Sie als Schüler selbst denn diszipliniert?
Maldoom: Überhaupt nicht. Ich war furchtbar. Ich komme aus einer gruseligen englischen Kleinstadt namens Watford. Auf gute Gedanken kommt man dort bestimmt nicht. Aber ich war in der Tiefe meines Herzens sehr leidenschaftlich. Ich brauchte nur jemanden, der diese Leidenschaft in mir weckte. Noch heute erinnere ich mich an meinen Französisch-Lehrer. Ein strenger, jähzorniger Mann, der mich anbrüllte, wenn ich meine Vokabeln nicht gelernt hatte und meine Grammatik schlecht war. Er machte mir klar: Das kannst du besser! Er hat mich bei meiner Ehre gepackt – und seine Leidenschaft fürs Französische hat mich mitbegeistert.
