Rita Süssmuth, geboren 1937 in Wuppertal, gehört zu jener Generation westdeutscher Politikerinnen, die ihren Weg nicht über Parteijugenden, sondern über Wissenschaft und gesellschaftliches Engagement fanden. Die promovierte Erziehungswissenschaftlerin lehrte zunächst an Hochschulen, beschäftigte sich mit Fragen von Bildung, Familie und Frauenpolitik – Themen, die sie später auch politisch prägen sollten. Erst vergleichsweise spät trat sie der CDU bei, doch ihr Aufstieg verlief schnell: 1985 berief Helmut Kohl sie zur Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit.
Im Ministeramt profilierte sich Süssmuth vor allem in der Aidspolitik der 1980er-Jahre mit einem Kurs, der auf Aufklärung statt Ausgrenzung setzte und damit nicht nur in der eigenen Partei auf Widerstand stieß. Ihr Eintreten für Prävention, für die Rechte von Betroffenen und für eine offenere Sexualaufklärung galt damals als mutig, bisweilen als unbequem.
1988 wechselte sie an die Spitze des Bundestages und wurde dessen Präsidentin – als erste Frau in diesem Amt. Zehn Jahre lang leitete sie das Parlament mit nüchterner Autorität, bestand auf der Würde des Hauses und verteidigte zugleich den Anspruch, Politik verständlicher und zugänglicher zu machen.
Auch nach dem Ende ihrer Zeit im Bundestag blieb Süssmuth eine gefragte Stimme, etwa als Vorsitzende der Zuwanderungskommission Anfang der 2000er-Jahre, die Grundlagen für eine modernere Einwanderungspolitik erarbeitete.
Ihr politischer Stil war stets geprägt von Dialog und dem Versuch, Brücken zu schlagen – zwischen Generationen, zwischen gesellschaftlichen Gruppen, zwischen Prinzipien und Pragmatismus. Nun ist Rita Süssmuth im Alter von 88 Jahren gestorben.
