Gewalt an seiner Schule? Schulleiter Johannes Thomas zögert. Den Vorfall letztens in der neunten Klasse, den will er eigentlich lieber nicht in die Öffentlichkeit tragen. In Ludwigshafen ist die Sorge vor negativen Schlagzeilen groß. Nur zweieinhalb Kilometer entfernt liegt „Deutschlands gefährlichste Schule“, das schrieb die „Bild“-Zeitung vor ein paar Monaten über die Karolina-Burger-Realschule: Immer wieder bringen Schüler Pfefferspray mit ins Klassenzimmer, eine Lehrerin wurde mit einem Messer bedroht, bei der Polizei gingen binnen eines Jahres mehr als hundert Anzeigen wegen kleinerer und größerer Delikte ein.

Die CDU sprach von einem „Verlust staatlicher Ordnung“. Inzwischen geht die Polizei auf dem Schulhof regelmäßig Streife. Die Anne-Frank-Realschule hat fast das gleiche Einzugsgebiet, ähnliche Schüler und ist mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert. Dennoch geht es hier weitgehend friedlich zu. Schulleiter Thomas sagt aber auch: „Gewalt gibt es an fast jeder Schule.“
Und sie bildet nur die Spitze eines Bergs von Problemen in Ludwigshafen. An der Gräfenauschule im Zentrum bleibt seit Jahren ein Drittel der Erstklässler sitzen. In der Stadt sind sich alle einig, dass die Förderung stärker vor der Schule ansetzen müsste, aber es fehlen Tausende Kitaplätze, und selbst da, wo Kinder in den Kindergarten gehen, werden sie aufgrund der Personallage allzu oft nur betreut und nicht gefördert. Die rheinland-pfälzische Opposition erklärt Ludwigshafen seit Jahren zum Symbol des Versagens und wird durch immer neue Fälle eher bestätigt als widerlegt.
Die Strafe: Vier Wochen Schultoiletten putzen
Probleme in Kitas und Schulen betreffen aber nicht nur Ludwigshafen, sondern das ganze Bundesland. In wichtigen Studien wie dem IQB-Bildungstrend ist Rheinland-Pfalz inzwischen in die untere Hälfte der Länder abgesackt. Bildung ist das Thema, das die Menschen vor der Landtagswahl nächste Woche Sonntag laut einer Umfrage am meisten bewegt – und der regierenden SPD besonders schaden könnte. Denn sie ist seit 35 Jahren für die Bildungspolitik im Land verantwortlich.
Schulleiter Johannes Thomas erzählt dann doch, was vorgefallen ist: Wie vor ein paar Tagen plötzlich Pfefferspray einen Klassenraum vernebelte, wie seine Kollegen die Fenster aufrissen, um frische Luft reinzulassen. Bis auf tränende Augen gab es keine Verletzungen, und der Junge, der das Gas versprüht hatte, war schnell gefunden. „So etwas kann passieren“, sagt Thomas. „Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Wir haben dem Jungen sehr genau die Konsequenzen aufgezeigt, was passiert, wenn er das wieder tut.“ Für ein paar Tage wurde er vom Unterricht ausgeschlossen. Mit ihm, seinen Eltern und der Klassenleitung ist vereinbart worden, so Thomas, dass er vier Wochen lang die Schultoiletten putzen wird. Strafe soll schließlich nicht nur vergelten, sie soll abschrecken.

„Nur wenn die Eltern mitziehen, haben wir eine Chance“
In der Kita Hemshof, zwei Kilometer nördlich der Anne-Frank-Realschule, stehen immer wieder verzweifelte Eltern auf dem Flur, die einen Betreuungsplatz für ihr Kind suchen. „Das bricht mir das Herz“, sagt Fred Bogdahn, Anfang 60 und Leiter der Einrichtung. Denn helfen kann er meistens nicht. Die Warteliste für einen der rund 100 Plätze ist lang. Im Schnitt bekommen Kinder erst mit fast vier Jahren einen Betreuungsplatz in Ludwigshafen, noch vor zwei Jahren lag der Wert bei fast fünf. Bogdahns Kita ist ein freundlicher Ort zwischen hohen Mietshäusern: Draußen gibt es eine Bobbycar-Rennstrecke und einen Spielplatz mit Sandkasten und Rutsche. Die Eltern sollen ihre Kinder nicht nur bringen und holen, sondern gern auch mal länger bleiben. Immer wieder gibt es Veranstaltungen.
Bogdahn erzählt, dass Mütter und Väter hier manchmal zum ersten Mal mit ihren Kindern vor einem Brettspiel sitzen. „Das macht allen große Freude“, sagt Bogdahn. Beim „Obstgarten“, einem Klassiker für Kleinkinder, wird gewürfelt und geerntet, nebenbei werden Regeln erlernt, und es wird miteinander gesprochen. Viele Eltern kennen das nicht aus der eigenen Kindheit, weil sie eingewandert sind oder aus prekären Verhältnissen kommen. Die Spiele und Bücher, die in Regalen aufgereiht sind, können die Familien auch ausleihen und mit nach Hause nehmen. „Nur wenn die Eltern mitziehen, haben wir eine Chance“, sagt Bogdahn.

Mehr als 90 Prozent der Kinder im Stadtteil Hemshof stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Die meisten können kein Deutsch, wenn sie in die Kita kommen. Wenn sie nur ein Jahr haben bis zur Einschulung, sagt Bogdahn, wird es oft knapp. Da gelte schon: Je früher, desto besser. Mit Zeit und am besten mehr Personal ließe sich vieles in den Griff kriegen.
Kinder können Englisch, bevor sie richtig Deutsch sprechen
Aber fehlende Sprachkenntnisse sind längst nicht das einzige Problem. Bogdahn und seine Kollegen stehen vor Herausforderungen, die auch Erzieher aus anderen Städten beschreiben: Dass Kindern zu Hause wenig Grenzen gesetzt würden und die Kita mehr Erziehungsarbeit leisten müsse, ist eine von ihnen. Dass Kinder auch weit über den dritten Geburtstag hinaus eine Windel trügen, ist eine von vielen anderen, die Zeit kosten. Für sich genommen, so scheint es beim Besuch im Hemshof, scheint kein Problem unlösbar. Aber die Masse macht es schwierig. In den vergangenen Jahren kommen deutlich mehr Fälle von Entwicklungsstörungen wie ADHS oder Autismus hinzu. Bis sie diagnostiziert werden und die entsprechende Förderung zugestanden wird, dauert es teils Jahre.

Sabine Kuntz ist oft die Erste, der auffällt, wenn ein Kind sich nicht richtig entwickelt. Sie ist Kinderärztin in der Ludwigshafener Innenstadt. Kuntz berichtet von Kindern, die englische Worte benutzen, bevor sie Deutsch können – ein Warnzeichen. „Die Kinder haben so viele englische Cartoons geschaut, dass sie die Worte übernehmen“, sagt Kuntz. Es ist ein Phänomen, das sie auch bei muttersprachlich deutschen Kindern beobachtet: Sie werden mit dem Handy im Wartezimmer oder auf der Straße ruhiggestellt. Die Interaktion zwischen Eltern und Kind nehme ab, sagt Kuntz, es werde weniger gespielt und gesprochen. Die Kita könnte vieles abfedern – wenn die Kinder denn eine besuchen würden.
Viele Eltern wollen einen Kita-Platz, bekommen aber keinen
Seit ein paar Jahren trägt Kuntz bei der U7-Untersuchung rund um den zweiten Geburtstag ins gelbe Vorsorgeheft ein, ob eine Betreuung beantragt wurde. Fast alle Eltern bejahen die Frage. Fragt sie ein oder zwei Jahre später nach, haben viele immer noch keinen Platz zugewiesen bekommen. Für die Kinderärztin klingt die Forderung nach einem verpflichtenden letzten Kitajahr, für das sich die CDU in Rheinland-Pfalz einsetzt, deshalb wie Hohn. Die Eltern wollten doch, auch früher, aber sie bekämen eben keine Gelegenheit. Laut Studien bekommen Familien mit Migrationshintergrund später Betreuungsplätze, weil gerade in migrantischen Vierteln häufig weniger zur Verfügung stehen und sich Eltern mit Sprachproblemen bei Behörden schwerer durchsetzen.
Vor Kuntz sitzen immer wieder Vorschulkinder, die kein Deutsch können. Ob sie ihre Muttersprache richtig sprechen, was für den Erwerb einer Zweitsprache wichtig ist, kann sie nicht beurteilen. Arabischsprachige Logopäden gibt es in Ludwigshafen sowieso nicht. Überhaupt ist es in der Stadt besonders schwer, medizinisch-therapeutische Hilfe zu bekommen. Oft kämpfen Eltern monatelang um einen Platz beim Ergotherapeuten. Erkennt Kuntz eine Entwicklungsverzögerung, dauert es rund ein Jahr, bis beim hiesigen Sozialpädiatrischen Zentrum ein Termin frei wird. Für die Kinder verstreicht so wichtige Zeit vor der Einschulung.
Pädagogen wandern dorthin ab, wo besser gezahlt wird
Vor drei Jahren waren es 3100 Kitaplätze, die in Ludwigshafen fehlten. Nach Angaben des zuständigen Beigeordneten Lars Pletscher von der CDU fehlen heute noch immer mehr als 1200, und bald dürften es laut einer Prognose 1600 sein. Die vielen Fälle, in denen Notbetreuung stattfindet, sind da noch nicht eingerechnet. Notbetreuung bedeutet, dass einige Eltern aufgefordert werden, ihr Kind nicht in die Kita zu bringen – etwa wenn ein Elternteil nicht arbeitet.
Eine Ludwigshafener Mutter erzählt, dass ihr Kind in den ersten sechs Wochen des Jahres vielleicht eine Woche in der Kita war. Die Kinder, die trotz Notbetreuung kommen dürfen, werden oft eher verwahrt als gefördert. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung kam Anfang des Jahres zum Ergebnis, dass nur sechs Prozent der Kitas in Rheinland-Pfalz personell voll ausgestattet seien.

In Ludwigshafen kommt hinzu, dass Gebäude fehlen. Lange Zeit hat die hoch verschuldete Stadt zu wenig gebaut: In der Innenstadt, wo die Not am größten ist, fehlen Flächen. Der Personalmangel stellt die Stadt vor zusätzliche Herausforderungen. Der Erziehermangel in Westdeutschland trifft Ludwigshafen besonders hart. Manche schreckt der Ruf der Stadt ab, andere locken höhere Gehälter in benachbarte Bundesländer wie Baden-Württemberg oder Hessen. Denn dort sind Kommunen oft bereit, die Pädagogen in höhere Tarifgruppen einzusortieren. Der Unterschied kann ein paar Hundert Euro betragen. Der Beigeordnete Pletscher würde gerne mehr zahlen, aber die Kommunalaufsicht macht der Stadt einen Strich durch die Rechnung. „Das wäre eine freiwillige Leistung, die uns untersagt ist“, sagt Pletscher.
Wie Rheinland-Pfalz die Betreuungsqualität verbessern will
Es ist nicht so, dass die Landesregierung tatenlos zuschaut. Bildungsminister Sven Teuber von der SPD sitzt in seinem Büro in Mainz und geht im Gespräch ein Detail ums andere durch. Da ist zum Beispiel die Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistenz, die künftig berufsbegleitend und voll bezahlt sein soll. „Da sehen wir großes Potential“, sagt Teuber. Viele Neuntklässler könnten sich einen Beruf in der Kita vorstellen, das entlaste. „Die Betreuungsqualität ist dadurch nicht gefährdet“, versichert er. Praktiker wie der Kitaleiter Bogdahn sehen das anders: Schließlich würden Stellen mit geringer Qualifizierten besetzt, obwohl der Stellenwert vorschulischer Bildung immer weiter steige.
Anders als etwa in Hessen, wo sie an den Schulen stattfinden, gibt es in Rheinland-Pfalz vor der Einschulung keine Extrakurse für Kinder mit Sprachdefiziten. Teuber will die Schule nicht früher beginnen lassen. „Kinder lernen am besten spielerisch im gewohnten Umfeld. Deshalb halte ich es für richtig, dass der Spracherwerb in der Kita stattfindet“, sagt er. Teuber kennt die Ausmaße des Betreuungsmangels nicht nur in Ludwigshafen. Zuständig ist das Land formal nicht, das sind Städte und Gemeinden. Teuber kündigt dennoch einen „Kita-Verlässlichkeitspakt“ mit den Kommunen an.
Von der Eskalation an der Karolina-Burger-Realschule erfuhr der Minister erst aus den Medien. Mehrere Gefährdungsanzeigen, die Lehrkräfte an die Schulaufsicht gestellt hatten, waren angeblich nicht auf Teubers Tisch gelandet. Kurz nach den Berichten fuhr er in die Schule, um sich ein Bild zu machen. Wenige Wochen später kam die Ankündigung, dass künftig Polizisten auf dem Schulhof Streife laufen sollen. Das erhöhe das Sicherheitsgefühl, sei aber keine langfristige Lösung, so der Sozialdemokrat. Er will auch bei der Schulaufsicht nachschärfen: „mehr räumliche Nähe der Beamten zu den Lehrern, ein besserer Personalschlüssel und mehr Zeit für Beratung“. Dazu mehr Autonomie für Schulen, um den eigenen Weg zu finden, und eine Stärkung der Schulleiter.

Wo jedes dritte Kind die erste Klasse nicht schafft
Drei Jahre ist es her, dass Barbara Mächtle, die Leiterin der Gräfenauschule, öffentlich machte, dass ein Drittel ihrer Erstklässler das Schuljahr wiederholen muss. Viele Politiker kamen, um sich die Zustände anzuschauen, auch Bildungsminister Teuber und Ministerpräsident Alexander Schweitzer von der SPD waren da und versprachen Hilfe. Die Gräfenauschule hat seitdem etwas mehr Stellen für Lehrer und Sozialarbeiter bekommen, an ihr wurde das Pilotprojekt „First Class“ gestartet, bei dem Erstklässler mit Schwächen zusätzlich gefördert wurden. Das alles sei gut und richtig, findet Mächtle. „Aber es reicht nicht.“ Die Schulleiterin sitzt in ihrem Büro im ersten Stock des Schulgebäudes, auf dem Flur lärmen die Drittklässler auf dem Weg in die Pause.
Die Sitzenbleiberquote hat sich in den vergangenen drei Jahren nicht verbessert. Zuletzt wiederholten rund 40 von 120 Kindern das erste Schuljahr, auch in diesem Jahr könnten wieder so viele Kinder sitzen bleiben. Wenn die Lehrer den Eltern den Vorschlag machen, dass ihr Kind die Klasse wiederholt, erzählt Mächtle, reagierten viele erleichtert. „Sie sehen, was es mit ihrem Kind macht, über lange Zeit nicht mitzukommen“, sagt sie. Denn während die einen noch lernen, einen Stift zu halten und Deutsch zu sprechen, steht für die anderen Lesen, Schreiben und Rechnen auf dem Stundenplan.

Jeder Schultag beginnt mit Deutschunterricht
In die Schule zu gehen, befürchtet Mächtle, ist für zu viele Kinder von Anfang an mit Enttäuschung verbunden. Nur durch vorschulische Bildung lasse sich das ändern. Eine „Klasse 0“ brachte sie mit einer Kollegin auf den Weg, die Ergebnisse waren vielversprechend, aber langfristig fehlt das Geld. Immer wieder verlassen Kinder die Gräfenauschule, von denen Mächtle sagt, dass sie eigentlich noch nicht bereit dafür sind. Sie kommen dann an eine weiterführende Schule, obwohl sie nicht richtig lesen und schreiben können.
Dieses Problem kennen sie auch an der Anne-Frank-Realschule. Erst am Tag zuvor kam ein Fünftklässler hier ins Sekretariat, um Unterlagen abzugeben. Seinen Namen konnte er nicht in die Liste schreiben, sagt Schulleiter Johannes Thomas. „Er konnte ihn nur abpausen.“ Den Schulleiter bestärkt der Fall in dem Kurswechsel, den sie vor einem Jahr vollzogen haben: Seitdem zieht sich durch den Stundenplan der fünften Klassen in jeder ersten Stunde das „Sprachband“. Egal welcher Lehrer unterrichtet, beginnt der Tag mit Schreibübungen. An einem Tag wird am Schriftbild gearbeitet, da werden zum Beispiel Schwungübungen gemacht, dann gibt es einen Lesetag, einen Grammatiktag und einen Rechtschreibetag. All das zusätzlich zum Deutschunterricht.

„Die Zukunft unserer Gesellschaft entscheidet sich an Real- und Gesamtschulen“
Thomas wünscht sich, dass die Bildungspolitik sich nicht mehr allein auf das Gymnasium konzentriert. Die leistungsstarken Schüler dort machten ihren Weg schon, ist er überzeugt. Wenn aber die Abgänger seiner Schule nicht den Weg in den Beruf fänden, was für Thomas das Ziel ist, dann gerieten sie in eine Abwärtsspirale und könnten langfristig nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten. „Die Zukunft unserer Gesellschaft entscheidet sich an Real- und Gesamtschulen. Wenn wir es nicht schaffen, allen Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, haben wir versagt“, sagt er.
Für Thomas führt vom Misserfolg in der Schule auch eine klare Linie zu Vorfällen wie dem mit dem Pfefferspray. Er kenne kein Kind mit guten Zeugnissen, das sich über Jahre auffällig verhalten habe. „Es sind Jugendliche mit schlechten Leistungen, die sich Aufmerksamkeit erkämpfen wollen – auch mit Gewalt“, sagt er.
