Im Radsport ist es ein Leichtes, von jedem x-beliebigen Rennen eine Brücke zu schlagen zur Tour de France. Die Rundfahrt durch Frankreich überstrahlt alles andere. Doch als Florian Lipowitz nach der letzten Etappe der Katalonien-Rundfahrt auf das bedeutendste Rennen des Jahres angesprochen wurde, ergab das nicht nur räumlich Sinn, weil das einwöchige Rennen dort endete, wo die Tour im Juli beginnen wird: in Barcelona.
Es war auch sinnvoll, weil der Deutsche vom Team Red-Bull-Bora-hansgrohe im Süden erstmals mit Star-Einkauf Remco Evenepoel eine Doppelspitze gebildet und diesen gleich mal abgehängt hatte. Das führte dazu, dass Lipowitz nach seinem dritten Platz auch damit beschäftigt war, die Reporter wieder ins Hier und Jetzt zurückzuholen, als er versicherte, dass dieses Ergebnis „keinen Einfluss“ auf die Strategie für den Höhepunkt im Sommer haben wird. Die Tour de France und das Team Red-Bull-Bora-hansgrohe – bleibt das also wirklich ein Fall für zwei?
Lipowitz und Evenepoel fehlt die Power
In Katalonien wurde ersichtlich, warum ein Kapitänsduo ein Vorteil sein kann. Schon das gesamte Frühjahr über fährt das Red Bull-Team aggressiver als im vergangenen Jahr. Seit Zak Dampster als Sportchef das Sagen hat, ist es präsenter an Schlüsselstellen, übernimmt mehr Verantwortung im Feld und setzt die Konkurrenz öfter mit hohem Tempo unter Druck.
So schaffte es der Rennstall mehrmals, den späteren Sieger Jonas Vingegaard zum Ende einer Etappe zu isolieren. Es hätte ihn im Anschluss – zumindest in der Theorie – wechselseitig attackieren und unter Druck setzen können. Doch dazu kam es nicht. Weil Lipowitz und Evenepoel in den entscheidenden Momenten die Power fehlte, um dem Dänen Paroli bieten zu können.
Und damit wäre man schon bei der wichtigsten Frage, die sich nach diesem ersten richtigen Test dieser Doppelspitze stellt: Wie belastbar sind die Ergebnisse, die er geliefert hat?
Dass die Katalonien-Rundfahrt nur eingeschränkt für große Schlüsse taugt, liegt an unglücklichen Umständen. Lipowitz berichtete davon, dass er im Höhentrainingslager zuvor kurzzeitig krank gewesen war. Und Evenepoel, der dem Rennen mit seiner aggressiven Fahrweise auf den flacheren ersten Etappen schon früh seinen Stempel aufdrücken wollte, kam auf dem dritten Teilstück schwer zu Fall, als er die Kontrolle über sein Rad verloren hatte.
Bei hundert Prozent dürften beide nicht gewesen sein. Sportdirektor Klaas Lodewyck legte gegenüber belgischen Medien nahe, dass das Team es aufgrund der Daten aus dem Höhentrainingslager für möglich hält, dass Evenepoel dem späteren Sieger hätte folgen können. Aber sicher ist das nicht. Am Ende fehlten Evenepoel mehr als zwei, Lipowitz eineinhalb Minuten auf Vingegaard, der seit Saisonbeginn einen starken Eindruck hinterlässt.
„Ich denke, dass wir da kein Problem haben werden“
Angesichts der Umstände war Red Bull äußerst zufrieden mit dem Abschneiden – auch wenn es für einen Etappensieg nicht reichte. Das dürfte auch daran gelegen haben, dass die Zusammenarbeit so gut und reibungslos funktionierte. Als Evenepoel nach seinem Sturz auf der fünften Etappe abgehängt wurde, stellte er sich in den darauffolgenden Tagen voll in den Dienst seines Teamkollegen.
„Ich denke, dass wir da kein Problem haben werden“, hatte Lipowitz schon im Dezember im F.A.Z.-Interview auf die Frage geantwortet, ob er glaube, dass Evenepoel auch bereit wäre, für ihn zu fahren, wenn er die besseren Beine im Rennen haben sollte. Der Straßen-Olympiasieger im Wind für jemand anderen? Das hatten sich viele nicht so recht vorstellen können. Nun bewies Evenepoel, dass er dazu durchaus bereit ist, wenngleich für solch eine Aktion Ähnliches gilt wie für die Form: Von einem Rennen im März sollte man nicht allzu viel für die Tour im Juli ableiten.
Evenepoel ist ein Rennfahrer, der häufiger auf sein Herz zu hören scheint als auf seinen Kopf. Das zeigte sich auch in Katalonien wieder, als er auf einer der ersten flacheren Etappen auf einer Windkante attackierte, bevor es in die Berge ging – und dann motzte, als der schmächtige Vingegaard, der als Einziger folgen konnte, ihn nicht unterstützte (was angesichts seines Fahrerprofils eine vernünftige Entscheidung war).
Zwei Tage später wurde Evenepoel im Gebirge dann von ihm abgehängt. Das wird sicher auch mit dem Sturz zusammengehangen haben. Doch auffällig war es allemal, dass ihn die Probleme wieder an einem längeren Anstieg ereilten. Wie schon bei der UAE-Tour im Februar.
Evenepoel muss an den langen Anstiegen zulegen
Sein ehemaliger Teamchef, Patrick Lefevere, nahm das in der vergangenen Woche zum Anlass, um eine Vermutung aufzustellen: Dass sich womöglich herausstellen könnte, dass Evenepoel die Eintagesrennen besser liegen als die großen Rundfahrten. Nun muss man bei Lefevere immer Vorsicht walten lassen. Der exzentrische Manager schießt auch im Ruhestand noch munter gegen viele; scheint zudem noch immer äußerst eingeschnappt zu sein, weil Red Bull ihm seinen Star weggekauft hat.
Vor einer Weile sagte er über Ralph Denk, den CEO von Red-Bull-Bora-hansgrohe, dass er ihn hasse – wegen der Art und Weise, wie der Wechsel gelaufen sei. Aber womöglich könnte Lefevere mit diesem Gedanken trotz all der Erfolge, die Evenepoel mit dem Gewinn der Vuelta a Espana und dem dritten Platz bei der Tour de France schon errungen hat, zumindest nicht ganz falschliegen. Sein letztes WorldTour-Etappenrennen hat der Belgier im Februar 2023 bei der UAE-Tour gewonnen. Zweiter wurde damals Luke Plapp.
Sicher ist: Evenepoel wird an den langen Anstiegen zulegen müssen, um bei der Tour weit vorn landen zu können. Lipowitz fehlen hingegen der Punch und die Explosivität an den kürzeren Anstiegen, die sein Teamkollege hat. Die Tour de France als Fall für zwei: Das ist auch deshalb ein interessantes Projekt, weil die Profile der beiden Fahrer so verschieden sind.
Das reicht bis zu ihrer Persönlichkeit. Wären sie ein Ermittlerduo, könnte man jedenfalls wunderbar zwischen „Good Cop“ und „Bad Cop“ unterscheiden. Lipowitz ist der Besonnene. Evenepoel ist der Hitzkopf. Beides kann einen im Sommer in Frankreich weit nach vorne bringen.
