Nach einer Razzia in den Räumen des Rektors der Universität Belgrad gibt es in Serbien Vorwürfe, die Regierung wolle eine der letzten unabhängigen Institutionen des Landes ihrer Kontrolle unterstellen. Während der Durchsuchung waren am Dienstagnachmittag Computer, Server und andere Gegenstände beschlagnahmt worden. Begleitet wurde die polizeiliche Intervention von Fernsehteams regierungsfreundlicher Sender, die das Geschehen direkt übertrugen.
Der Vorfall ist auch deshalb von Bedeutung, weil der Rektor der Belgrader Universität, Vladan Djokić, sich im vergangenen Jahr demonstrativ mit der studentischen Protestbewegung solidarisiert hat. Die demonstriert seit Ende 2024 gegen Willkür und Repression in Serbien.
Djokić war unter anderem bei einer großen Protestkundgebung im Juni vergangenen Jahres in Belgrad als einer der Hauptredner aufgetreten. Laut manchen Angaben steht er sogar auf Platz eins der (noch nicht öffentlichen) Liste, mit der die studentische Protestbewegung bei der Parlamentswahl antreten will. Diese steht regulär erst 2027 an, soll laut Angaben von Staatspräsident Aleksandar Vučić aber schon 2026 stattfinden.
Rektor Djokić spricht von „politischem Spektakel“
Der Rektor wandte sich mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit, in der er das Vorgehen von Staatsanwaltschaft und Polizei als Einschüchterungsversuch und „politisches Spektakel“ darstellte: „Sie kamen nicht, um zu ermitteln“, so Djokić „Sie kamen, um jedem Professor, jedem Studenten, jedem Bürger zu sagen: Das passiert denen, die nicht schweigen.“

Den Anlass oder Vorwand für das Betreten des Universitätsgebäudes lieferte den Behörden der ungeklärte Tod einer Studentin am Donnerstag vergangener Woche. Die Oberstaatsanwaltschaft in Belgrad teilte mit, sie habe die Antikorruptionsabteilung zur Sicherung von Beweisen angewiesen, nachdem die Studentin an den Folgen eines Sturzes aus einem Fenster im fünften Stock der Philosophischen Fakultät gestorben war.
Laut Djokić hatte die Universitätsleitung den Behörden sofort die volle Kooperation bei der Untersuchung des Todesfalls angeboten, doch daran seien die Behörden nicht interessiert: „Stattdessen bekamen wir eine Polizeirazzia vor laufenden Kameras.“
Die beschlagnahmten Computer enthielten keine Informationen, die für die Ermittlungen zum Tod der Studentin relevant wären. „Das weiß jeder. Aber darum geht es nicht. Es geht um das Bild: Polizei im Rektorat. Der Rektor unter Ermittlungen. Die Universität auf den Knien“, so Djokić. Tatsächlich hatten Medien unter direkter oder direkter Kontrolle der serbischen Regierung in einer Kampagne insinuiert, Djokić trage wegen mangelnder Sicherheitsmaßnahmen die Schuld an dem Tod der jungen Frau.
Der Rektor verlangt eine internationale Untersuchung
Djokić behauptet hingegen, durch die Razzia wolle die Regierung oppositionell eingestellte Kreise in Serbien einschüchtern. Die beabsichtigte Botschaft laute: „Wenn sie das der Universität antun können, was können sie dann mir antun?“ Doch die noch am Dienstagabend beginnenden Proteste vor der Universität hätten gezeigt, dass der Plan misslungen sei: „Sie kamen, weil sie keine Angst haben“, sagte Djokić über die Protestierenden.
Der Rektor verlangte eine unabhängige Untersuchung des Todesfalls, „falls nötig unter internationaler Aufsicht“. Djokić forderte zudem „Universitäten in ganz Europa, die Europäische Kommission, das Europäische Parlament und alle, die an akademische Freiheit glauben, auf: Erheben Sie Ihre Stimme.“
Die Oberstaatsanwaltschaft teilte mit, die Durchsuchung und Beschlagnahmung sei wegen des Verdachts auf Fahrlässigkeit seitens der Universitätsleitung angeordnet worden. Die Polizei sei angewiesen worden, Gegenstände sicherzustellen, die in einem Vorermittlungsverfahren und gegebenenfalls in einem Strafprozess als Beweismittel von Bedeutung sein könnten.
Dieser Darstellung hält die Universität entgegen, die beschlagnahmten Geräte hätten keinen Bezug zu dem Fall. Stattdessen sei das Vorgehen Teil einer „schamlosen Kampagne“. Man werde alle verfügbaren rechtlichen und institutionellen Schritte unternehmen, um die Autonomie und akademische Freiheit der Hochschule zu schützen. Der Leiter der EU-Delegation in Serbien, Andreas von Beckerath, forderte alle Beteiligten auf, „davon abzusehen, diesen sehr tragischen Vorfall zu politisieren und zu instrumentalisieren“.
