Eigentlich hätte die internationale Reitsport-Saison in der Golfregion Anfang März noch einmal Fahrt aufnehmen sollen, bevor die heiße Phase beginnt – wenn sich das Leben in die klimatisierten Innenräume verlagert. Die mit Millionen Dollar dotierte Springsport-Serie Global Champions Tour (GCT) sollte in Qatars Hauptstadt Doha ihren Auftakt nehmen und erst im November in Saudi-Arabiens Kapitale Riad enden.
Doch bevor es losging, gab es eine Vollbremsung: Die USA und Israel begannen ihren Angriff auf Iran. Und der Reitsport erlebte eine Schubumkehr: Während in den vergangenen Jahren immer mehr Reiter aus Europa mit ihren Pferden zu den gut organisierten und noch höher dotierten Turnieren in der Golfregion reisten, kam Ende Februar keiner mehr dort hin – oder weg.
„Der Veranstalter gibt sich super viel Mühe“
Frederike Staack geht an einem Tag ans Telefon, der anders ist als die vorherigen: „Normalerweise dürfen wir immer in den Stall, aber heute ging das aus Sicherheitsgründen nicht, weil es eine Anschlagswarnung gab. Deshalb durften nur die Pfleger zu den Pferden. Das war bisher nicht so.“ Sie erzählt das sehr unaufgeregt und nennt den Grund dafür: „Der Veranstalter gibt sich super viel Mühe, ist sehr transparent und versucht, vieles möglich zu machen.“ 15 Pferde betreut sie in Doha, darunter sieben Turnierpferde und die Pferde von Kunden und Schülern, die sie trainiert.
Die Achtundzwanzigjährige stammt aus Schleswig-Holstein und hat sich als Springreiterin selbständig gemacht. Im Sommer lebt sie in Belgien, im Winter in Doha, wo sie auch an diesem Wochenende an einem Turnier teilnimmt. „Meine Hauptsponsorin ist in Qatar. Sie hat hier einen Stall“, erzählt Staack, „deshalb bin ich auch hier, und es gefällt mir wirklich sehr. Die Gastfreundschaft ist hier sehr groß.“
„Dort war es extrem, da hat es ganz schön gescheppert“
Generell habe sich die Lage im Vergleich zu Anfang März beruhigt: „Es klingt komisch“, sagt sie, „aber man gewöhnt sich ein bisschen an die Situation. Die Drohnen und Raketen werden über dem Wasser abgefangen, und wir Zivilisten bekommen das gar nicht mehr so mit.“
Als die israelisch-amerikanischen Angriffe begannen und die iranischen Vergeltungsschläge auch die Golfstaaten trafen, war Staack gerade in Dubai: „Dort war es extrem, da hat es ganz schön gescheppert. Da habe ich schon einen Schreck gekriegt, so was habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.“ Ihre Pferde und ihr Team waren zu dieser Zeit in Doha, eine schwierige Situation für die junge Frau: „Ich habe mich wirklich schlecht gefühlt. Sie sind ja nur meinetwegen hier, weil ich hier Turniere reite.“
„Ich fühle mich hier sehr sicher, jederzeit, auch allein als Frau“
Die Tiere sind der Grund, weshalb sie noch dort ist: „Ich will schon nach Hause, wenn es die Möglichkeit gibt.“ Aber: Ein One-Way-Ticket für die Pferde koste derzeit ein Vermögen. „Ich würde nur mit meinen Pferden fliegen. Ich fühle mich so für sie verantwortlich. Ohne sie zu fliegen, könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“ Immerhin: Während die Menschen bei jedem Knall abgefangener Geschosse zusammenzuckten, seien die Tiere überraschend ruhig.
Normalerweise wären zu dieser Jahreszeit viel mehr Reiter mit ihren Pferden am Golf, weil sie, wie auch Staack sagt, dort hervorragende Bedingungen genießen: große Reitplätze, viele Auslaufflächen. „Die Pferde entwickeln sich toll und haben ein super Leben hier“, sagt Frederike Staack: „Ich fühle mich hier sehr sicher, jederzeit, auch allein als Frau.“
Der Sport ist für die Golfstaaten längst ein bedeutender Wirtschafts- und Imagefaktor. „Gerade diese Region hat geboomt in den letzten Jahren“, berichtet auch Otto Becker, „die Turnierserien sind dort immer größer geworden, immer höher dotiert.“ Ärgerlich sei die Absage der GCT für die Reiter gewesen, aber auch für ihn als Bundestrainer: „Ich hätte die Pferde, die für Doha geplant waren, gern gesehen in Richtung Aachen.“
Dort finden im August die Weltmeisterschaften statt. Nur vier Paare kann Becker für sein Team nominieren, also muss er sichten und sortieren. Und das weltweit. „Der Springsport ist in den letzten Jahren immer globaler geworden“, sagt er, „alle sind auf verschiedenen Pfaden unterwegs.“
Vogel zählt zu den Favoriten beim Weltcup-Finale
Heißt: im Hallen-Weltcup in Europa, bei den Winter- und Frühjahrsserien am Golf oder in Florida. Das Angebot, vor allem außerhalb Deutschlands, ist groß. Was Otto Becker in anderen Teilen der Welt sah, stellte ihn zufrieden: Europameister Richard Vogel gewann den Großen Preis von ’s-Hertogenbosch in den Niederlanden, gut eine Woche später mit der deutschen Equipe den Nationenpreis von Ocala/Florida.
In der kommenden Woche zählt Vogel zu den Favoriten beim Weltcup-Finale, dem Abschluss der Hallensaison in Fort Worth/Texas. Christian Kukuk ist nach seinem Umzug in die USA wieder erfolgreich mit seinem Olympia-Pferd Checker vereint und André Thiemes Europameisterin, die Stute Chakaria, nach langer Verletzungspause bravourös in den Parcours zurückgekehrt.
„Die heiße Phase beginnt in Europa“
Während die Golfstaaten zwischen die Fronten geraten sind, ist der Reitsport mit einem blauen Auge davongekommen. Für den Bundestrainer ist wichtig, was von Mai an in der europäischen Freiluft-Saison passiert, wenn der Nationenpreis von Mannheim ansteht und danach das Fünf-Sterne-Turnier in Aachen. Den Sichtungsweg zum Saisonhöhepunkt hat der Krieg nicht verschoben. „Die heiße Phase“, sagt Becker, „beginnt in Europa, wenn alle wieder zusammenkommen.“
„Vor allem, was ihr Image als Zentrum des globalen Sports angeht“ – und den Schaden für die Wirtschaft. Qatar, die Emirate, Saudi-Arabien haben sich als Standort der großen Events etabliert. Das Weltcup-Finale und das GCT-Finale fanden erstmals in Riad statt, nirgendwo auf der Welt gibt es im Winter so viele Fünf-Sterne-Turniere wie in Qatar. Wochenlang reiht sich dort ein Wettbewerb an den nächsten.
Auch jetzt geht der Betrieb weiter, wie in der vergangenen Woche mit dem Galopp-Weltcup in Dubai. Nach einer kurzen Unterbrechung wurde auch in Doha wieder geritten. Außer Frederike Staack sind vereinzelt andere europäische und amerikanische Reiter in Qatar. „Aber es ist nicht zu vergleichen mit der Situation vor sechs Wochen, als noch viel mehr internationale Reiter und Zuschauer da waren“, sagt sie: „Es fühlt sich alles sehr ruhig an, ein bisschen wie während der Corona-Zeit.“
Kehren die Reiter im Herbst wirklich zurück?
Dass die Turniere weitergingen, sei im Sinne der Reiter gewesen: „Die Stimmung hier war insgesamt eher gedrückt, deshalb waren wir alle froh, dass wir wieder Turnierreiten können. Wir müssen jetzt das Beste draus machen.“
Ob die Reiter im Herbst zurückkehren werden? Ungewiss. Der Nabel der Reitsport-Welt hat sich für den Moment in die USA verlagert. Die GCT startet an diesem Wochenende in Miami/Florida, danach geht es zum Weltcup-Finale nach Texas. Und ein großer Player ist zurück. In dieser Woche stellten die Organisatoren der „Premier Jumping League“ (PJL) mit viel Glitzer und Glamour ihre neue, internationale Springsportserie für das Jahr 2027 vor.
Ein Gesamtpreisgeld von insgesamt 300 Millionen Dollar (umgerechnet rund 260 Millionen Euro) seien von Frank McCourt und McCourt Global „zugesichert“ worden, heißt es auf der Event-Website. McCourt ist ein US-amerikanischer Geschäftsmann, dem zum Beispiel der französische Fußball-Klub Olympique Marseille gehört – und früher auch Anteile an der GCT.
Wie genau das Konzept der neuen Serie aussehen wird, ist noch nicht ersichtlich. PJL-Turniere sollen in Europa, Nordamerika und im Mittleren Osten stattfinden. Die Frage, wie es im Parcours trotz des Krieges im Nahen Osten oder danach weitergeht, hat McCourt für sich offenbar schon beantwortet. Das steht in großen Lettern auf der Internetseite: „Wir stellen uns die Zukunft des Springens nicht nur vor. Wir gestalten sie.“
