
Von Ägypten bis Zypern reicht das Angebot von ECC-Studienreisen. Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten hat auch den Spezialanbieter für kirchliche Gruppen getroffen. „Wir sind noch mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Geschäftsführer Guido Völkel. „Unser großes Glück war, dass keine Gruppe von uns irgendwo feststeckte.“ Lediglich eine Reise nach Jordanien, die am 3. März starten sollte, habe er vergangene Woche absagen müssen und wie auch eine weitere bald anstehende erst einmal in den Herbst verschoben.
Andere Reisen, selbst in den Osten der Türkei, nach Ägypten oder Zypern, würden wie geplant stattfinden. Dennoch blickt er mit Sorge auf die Situation. Denn wenn eine Militärbasis auf Zypern von Iran angegriffen werde, sorge das für viele Anrufe, und in den Gruppen gebe es vereinzelt Absagen. Er sorgt sich um die touristische Infrastruktur in den Ländern. Für die dortigen Hotels, Fremdenführer und Geschäfte sei es hart, wenn keiner mehr komme. So wie es vielfach aus Israel berichtet wird, wohin Völkel schon seit dem 7. Oktober 2023 keine Gruppen mehr schickt. Angebote für das Spezialgebiet „Biblische Orte“ seien inzwischen schwierig.
Fahrten absagen können Handwerker nicht. Sie leiden nach Angaben von Christoph Riess, Geschäftsführer der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, im Moment besonders unter den hohen Spritpreisen. Denn im Gegensatz zur Fliegerei kenne er bei Handwerkern keine Verträge, die es erlaubten, Preise nachträglich anzupassen. „Sollte die Situation aber in den nächsten zwei Wochen anhalten, wird sich das auf die Preise auswirken“, schätzt er. Wie schon in der Vergangenheit, glaubt Riess, werde das teure Öl sich auch auf die Kosten für Materialien auswirken, denn ob Farben oder Ummantelungen von Kabeln: Als Grundprodukt spiele Öl oft eine Rolle. Zudem träfen steigende Energiepreise energieintensive Handwerke wie Bäckereien besonders.
„Aussetzung der CO₂-Bepreisung auf Diesel würde helfen“
Für Bäcker könnte auch noch das Mehl teurer werden, denn die Landwirte sind gerade doppelt getroffen. „Die aktuell stark steigenden Energiepreise stellen die Betriebe vor erhebliche wirtschaftliche Herausforderungen“, sagt der hessische Bauernpräsident Karsten Schmal. Kraftstoff sei für die tägliche Arbeit auf den Höfen ein zentraler Kostenfaktor – sei es für Feldarbeiten, Ernte oder Transporte. So sei der Dieselpreis in kurzer Zeit deutlich gestiegen. „Ein erheblicher Anteil davon entfällt auf die CO₂-Bepreisung, was die Situation spürbar verschärft, zumal Deutschland hier über dem Niveau vieler europäischer Nachbarländer liegt“, kritisiert Schmal mit Verweis auf die Politik. „Eine Aussetzung der CO₂-Bepreisung auf Diesel, wie vom Deutschen Bauernverband gefordert, würde nicht nur der Landwirtschaft, sondern auch anderen Wirtschaftsbereichen helfen, die auf bezahlbare Energie angewiesen sind.“
Gleichzeitig beobachten die Landwirte mit großer Sorge die Entwicklung insbesondere bei Stickstoffdüngern, deren Herstellung viel Energie benötigt. Dafür hätten die Preise innerhalb weniger Tage massiv angezogen, berichtet der Bauernpräsident. Solche Kostensteigerungen könnten die Betriebe nicht kurzfristig auffangen. Problematisch sei zudem, so Schmal, dass die Preise für landwirtschaftliche Produkte sich langsamer entwickelten als die Kosten für Energie und Betriebsmittel.
Das Problem, höhere Kosten nicht an ihre Kunden weitergeben zu können, sieht auch Marie Nauheimer. Die Chefin der Primus-Linie ist im Moment froh, dass sie bei ihren Schiffen noch vor dem Beginn des Irankrieges die Tanks hatte füllen lassen. Das reiche noch ein Weilchen. Doch wenn zu Ostern die Saison für die Ausflugsschiffe Fahrt aufnimmt, dann müsse der Lieferant für den Spezialkraftstoff zum Teil zweimal in der Woche kommen. Bis zu 80.000 Euro könne es für die Saison zusätzlich kosten, sagt sie, falls die Situation sich nicht ändere. Kosten, die sie kaum an die Kunden weitergeben könne, denn angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage werde ohnehin an vielem gespart.
Ob beim Kraftstoff für die Schiffe, bei Lebensmitteln für den Supermarkt oder bei Bauteilen für Maschinen: Oft sind es Transportunternehmen, die alles Notwendige liefern. „Da 85 Prozent der Güter vom Lkw transportiert werden, gefährdet das nicht nur Transportunternehmen, sondern auch die tägliche Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft“, warnt der Vorstandssprecher des in Frankfurt ansässigen Branchenverbands BGL, Dirk Engelhardt. Der Kraftstoff mache etwa ein Drittel der Gesamtkosten in der Branche aus. „Viele mittelständische Betriebe geraten durch die Dieselpreisexplosion binnen weniger Tage an die Grenze ihrer wirtschaftlichen Belastbarkeit“, sagt er und fordert eine Dieselpreisbremse sowie Liquiditätshilfen.
Ein wenig Erleichterung könnte die von der Bundesregierung angekündigte Freigabe eines Teils der nationalen Ölreserve bringen. Hessens Wirtschafts- und Verkehrsminister Kaweh Mansoori (SPD) jedenfalls nennt das Vorhaben eine gute Nachricht für Pendler, Familien und Unternehmen. „Es ist ein erster Schritt, um die Spritpreise wieder zu senken“, sagte er und forderte gleichzeitig „ganz konkrete Maßnahmen gegen ungerechtfertigte Preissprünge an den Tankstellen“. Nach Ansicht von Mansoori sollte Deutschland vor allem langfristig weniger abhängig werden von Öl- und Gasimporten. „Wir brauchen schnell mehr Wind- und Solarenergie, moderne Netze und verlässliche Rahmenbedingungen“, so der Minister.
Als Rohstoff ist Erdgas schwer zu ersetzen
In der Chemieindustrie allerdings wird Erdgas nicht nur als Energieträger, sondern auch als Rohstoff benötigt. Das gilt zum Beispiel für den Kunststoffhersteller Röhm mit Hauptsitz in Darmstadt. Das Unternehmen teilt mit, neben Erdgas und Rohöl hätten sich auch die daraus gewonnenen petrochemischen Grundstoffe kräftig verteuert – „darunter Methanol, Ammoniak oder Aceton“.
„Wir als Röhm sind in Europa der einzige verbliebene Hersteller von Methylmethacrylat“, unterstreicht das Unternehmen – Methylmethacrylat ist der Grundstoff für verschiedene Kunststoffe, die bekannteste von Röhm hergestellte Marke ist Plexiglas. „So leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Stabilität der industriellen Versorgungslage in der Region. Gleichzeitig sind wir natürlich auch mit den stark steigenden Rohstoffpreisen und zum Teil eingeschränkter Verfügbarkeit konfrontiert.“ Bei größeren Bestellungen außerhalb bestehender Lieferverträge müsse Röhm Gas auch kurzfristig zukaufen, ergänzt eine Sprecherin auf Nachfrage. In diesen Fällen schlagen Preissprünge an den Börsen direkt durch.
Dagegen teilt ein Sprecher des Darmstädter Dax-Konzerns Merck mit, man sei gegen Preisschwankungen gut abgesichert, „weil wir einen großen Teil unseres Strom- und Erdgasbedarfs bereits vertraglich gesichert haben“. Ähnlich äußert sich Infraserv, die Betreibergesellschaft des Industrieparks Höchst. Ihr Sprecher fügt allerdings hinzu: „Sollte das gegenwärtige Preisniveau bestehen bleiben, würde sich dies verzögert auch auf die Chemiebranche insgesamt und den Industriepark Höchst auswirken.“
Hessische Wirtschaftsbeziehungen mit Iran
Als Auslandsmarkt spielt Iran, bedingt durch die langjährigen Sanktionen des Westens gegen das Land, für die hessische Außenwirtschaft laut Auskunft des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK) nur eine begrenzte Rolle. Demnach beliefen sich die hessischen Ausfuhren nach Iran 2025 auf 163,4 Millionen Euro, was 0,2 Prozent der hessischen Ausfuhren entspricht. Zum Vergleich: In die USA exportierten hessische Unternehmen im vergangenen Jahr Waren im Wert von 9,3 Milliarden Euro. Der größte Teil des Handels mit Iran, nämlich 79 Prozent, entfällt laut HIHK auf Pharmaprodukte. Dabei trifft die Krise auf ein bereits rückläufiges Iran-Geschäft, das gegenüber 2024 bei hessischen Ausfuhren bereits ein Minus von 29 Prozent aufweist. Die Golfregion insgesamt ist für die hessische Außenwirtschaft allerdings ein Absatzmarkt mit zunehmender Bedeutung. So betrugen die hessischen Exporte in die übrigen Golfanrainerstaaten 2025 der Statistik nach insgesamt knapp 1,6 Milliarden Euro, wobei hier Saudi-Arabien mit hessischen Ausfuhren in Höhe von 649,6 Millionen Euro und die Vereinigten Arabischen Emirate mit 567,1 Millionen Euro hervorstechen. Demnach stehen in der Region für hessische Betriebe wichtige Geschäftsbeziehungen auf dem Spiel. (ddt.)
