
Als Raymond Höptner ein paar Tage nach der Wahl in der Cafeteria des Mainzer Landtags sitzt, wird er von hinten überfallartig umarmt. „The man!“, ruft Christopher Hauß, Landesvorsitzender der Jungen Union, während er sich Höptner greift: „Glückwunsch, mein Lieber“. Höptner bedankt sich höflich und lächelt etwas verlegen, dann nippt er weiter an seinem Kaffee.
„Ray“, wie Höptner gerufen wird, ist für die rheinland-pfälzische CDU ein kleiner Held, denn er hat etwas noch Unwahrscheinlicheres geschafft als Gordon Schnieder, der die SPD als Spitzenkandidat im Land besiegte. Als erster Christdemokrat überhaupt hat Höptner den Wahlkreis Ludwigshafen I gewonnen, der immer fest in SPD-Hand war – und zuletzt gar als neue Hochburg der AfD galt. Bei den Landesstimmen lagen die Sozialdemokraten dort auch diesmal weit vorne, aber in der Direktwahl holte Höptner 30,6 Prozent, lag damit vier Punkte vor der SPD und sieben Punkte vor seinem Parteiergebnis. Wie hat er das gemacht?
Seine Geschichte beginnt dort, wo sie auch heute spielt, in Ludwigshafen. In der Stadt ist Raymond Höptner, heute 26 Jahre alt, aufgewachsen. „Ich habe ganz einfache Eltern“, sagt er. Beide migrierten einst aus Ghana und lernten sich in Deutschland kennen. Höptner spricht von einer unbeschwerten Kindheit, von Lehrern, die früh viel Potential in ihm gesehen hätten.
Warum er sich schon früh für Politik interessierte, kann er sich selbst nicht ganz erklären. „Ich habe immer gerne die Kindernachrichtensendung logo geschaut “, sagt er. Klassensprecher war Höptner auch. So richtig sei er vom ersten schwarzen US-Präsidenten Barack Obama politisiert worden – und von Angela Merkel, eigentlich ja die Künstlerin der Demobilisierung. Bei Höptner aber hat der einbindende Politikstil der Altkanzlerin tiefe Spuren hinterlassen. „Ich bin ein Kind Merkels“, sagt er heute.
Er wollte Wahlkampf üben – und war plötzlich im Amt
Höptners Heimatstadt Ludwigshafen geriet bundesweit immer wieder in die Schlagzeilen, als AfD-Hochburg mit großen sozialen Problemen und nicht zuletzt wegen der Karolina-Burger-Realschule, an der es viel Gewalt gibt. Auch Höptner hat sie besucht, klagen will er darüber nicht. Nach dem Wechsel auf das Gymnasium und einem Politikstudium in Mannheim ist er für seinen Master nach Berlin gezogen, aber nicht, um Ludwigshafen zu verlassen. Im Gegenteil: Parallel kandidierte er als Ortsvorsteher. Für den Posten, eine Art Stadtteilvermittler, kann man sich in einer Wahl bewerben.
Er habe das vor allem gemacht, um Wahlkampf zu üben, sagt Höptner: Videos drehen, Plakate aufhängen, an Ständen ins Gespräch kommen, er wollte einen praktischen Kontrast zum theoretischen Politikstudium, ums Gewinnen sei es ihm gar nicht gegangen. Dennoch gewann er die Wahl und pendelte fortan zwischen Berlin und Mundenheim, jenem Stadtteil, für den er nun zuständig war. Ständig habe er in der Bahn gesessen, „wie ein echter Politiker“, sagt Raymond Höptner und lacht. Dass er das nun selbst ist, ein echter Politiker, ein direkt gewählter Abgeordneter? Das fühle sich noch surreal an.
Am Telefon erzählt Sabine Niedhammer, wie Höptner sie zu Beginn seines Studiums immer wieder konsultiert habe. Sie arbeitet als Sekretärin in dem Bürgerbüro, in dem Höptner als ehrenamtlicher Ortsvorsteher fungiert. „Er hat sich immer dafür interessiert, was ich denke“, sagt sie. Ein sympathischer junger Mann sei er, erzählt die 58 Jahre alte Frau, die ihn seit zwei Jahren kennt. Als Ortsvorsteher wurde er im Kampf gegen die Vermüllung der Stadt einmal körperlich attackiert.
„Ich selbst sehe mich als sozialen Kleber“
Ein Wegbegleiter sagt, Höptner wolle den eigenen Aufstieg wohl nicht überbetonen, weil das oft impliziere, dass man sich von dort, wo man herkommt, wegbewege. Und das tue er nicht. Höptner selbst erzählt, er habe Freunde, die in großen Unternehmensberatungen arbeiten, ebenso wie Freunde, die gerade ihre Lehre abgeschlossen haben – und solche, die noch nicht wissen, wohin mit sich. „Ich selbst sehe mich als sozialen Kleber, ich kann eigentlich gut mit allen Menschen.“ Pragmatisch nach Lösungen suchen, danach strebe er. Und es kommt offenbar auch beim Wähler an.
Höptner geht davon aus, dass auch Menschen, die sonst AfD wählen, für ihn votierten. In Ludwigshafen I erreichte die Partei am Sonntag 22,1 Prozent der Zweitstimmen, bei den Erststimmen lag sie etwas darunter. Als Ortsvorsteher habe er ständig vermitteln müssen, zwischen Bürger und Bürger, Verwaltung und Bürger und auch mal zwischen Verwaltung und Verwaltung, wenn sich für ein Problem niemand zuständig fühlt. Seit zehn Jahren pfeift Höptner als Fußballschiedsrichter, es ist dasselbe Spiel: Verständnis zeigen, Gegensätze verstehen, vermitteln, mittendrin sein, aber nicht auf eine Seite fixiert. Nebenbei absolviert er noch bis Mitte März einen freiwilligen Wehrdienst. Man müsse ja seinen Beitrag leisten in Zeiten wie diesen.
Deutschland beschreibt Höptner als Land, in dem vieles gut funktioniere. Geschäfte wie dm und Rossmann, wo auf der Welt gebe es so was schon? Er sei dankbar für die Umstände, in denen er lebe, beschreibt sich als „Mensch mit Migrationshintergrund, der dieses Land sehr wertschätzt“. Fördern und fordern, Leistungsgesellschaft, diese Ideale hätten ihn – neben Merkel – zur CDU gebracht. In mancher Hinsicht wirkt der Weg, den Höptner gegangen ist, anachronistisch. Wie seine Eltern ist er gläubig, ist Messdiener in der katholischen Kirche. Mit der CDU identifizierte er sich früh. Er engagiert sich seit Jahren in Vereinen. All jene Institutionen, deren schleichenden Niedergang Soziologen seit einigen Jahrzehnten diagnostizieren, bilden die Leitplanken im Leben dieses jungen Mannes.
Für ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung, auf das er sich während des Studiums beworben hatte, wurde Höptner abgelehnt. Viele junge Christdemokraten bahnen ihren Karriereweg über die parteinahe Stiftung, die Junge Union oder andere Netzwerke. Bei Höptner ist es anders, er kommt nicht aus der Parteistruktur, sondern aus der Kommune. Er hält das für einen Vorteil. Der Partei hat Höptner selbst angeboten, die Kandidatur im scheinbar aussichtslosen Wahlkreis Ludwigshafen I zu übernehmen.
Jetzt ist er drin im Landtag und möchte sich für das Wohl von Ludwigshafen einsetzen. Schlecht will er seine Heimatstadt zwar nicht reden, aber dass sich dort vieles zum Besseren ändern muss, das sieht er sehr genau. „Wir müssen Städte wie Ludwigshafen als Land viel stärker unterstützen“, sagt er. Das gehe in einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz nur mit starken Abgeordneten, die genau darauf den Fokus legten. Gerne möchte er sich um Bildung, Sport und Ehrenamt kümmern. Das seien seine Themen. Als Wunsch an die Fraktionsspitze will Höptner das aber nicht verstanden wissen. Erst mal müsse er sich hier ja einfinden, und vorschnell Ansprüche zu stellen, das liegt ihm fern.
