Auf 60 Jahre Psychiatrie-Geschichte blickt Norman Sartorius zurück. Er arbeitete für die WHO, bildete junge Psychiaterinnen und Psychiater aus und setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Patienten ein. Sartorius sagt: Noch immer muss sich vieles in der Psychiatrie ändern. Vor allem die Familien von Menschen mit psychischen Erkrankungen sollten mehr unterstützt werden.
DIE ZEIT: Herr Sartorius, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag in der Psychiatrie?
Norman Sartorius: Sehr klar. Es war 1961, drei Jahre zuvor hatte ich in Zagreb meinen Doktor in Medizin erhalten und sollte nun für meinen Facharzt in der Psychiatrie arbeiten. Zu dieser Zeit wurde Schizophrenie noch mit Insulin behandelt. Man dachte, die Unterzuckerung verändere den Stoffwechsel im Gehirn. Wenn den Patienten Insulin verabreicht wurde, fielen sie in eine Art Koma. Wenn sie aufwachten, schrien sie, als seien sie außer sich. Das war das Erste, was ich auf der Station hörte, ein entsetzliches Geräusch.
