Am Samstagabend landeten zwei Flugzeuge aus Iran in Istanbul: eines aus Teheran, ein anderes aus Maschhad. Die F.A.Z. hat zwölf der ankommenden iranischen Passagiere am Flughafen über die Lage vor Ort befragt. Sie sprachen über Tote und Verletzte, über Kommunikation ohne Internet, die Rolle des früheren Kronprinzen Reza Pahlavi und die Hoffnung, dass die Proteste diesmal erfolgreich sein könnten.
Seit Donnerstagabend ist das Internet in Iran weitgehend abgeschaltet. Nur wenige Informationen dringen aus dem Land. Laut den Berichten der Passagiere waren am Freitagabend trotz der harschen Drohungen des iranischen Führers Ali Khamenei und der Revolutionsgarde noch mehr Menschen auf die Straße gegangen als zuvor.
Nach den Schilderungen der Befragten gingen Sicherheitskräfte teils mit roher Gewalt gegen Demonstranten vor. Neben Schlagstöcken, Tränengas und Schrotkugeln war von scharfer Munition und Scharfschützen die Rede. Menschenrechtsorganisationen und andere Medien berichteten über mehr als 200 Tote allein in zwei Städten.
Eine Ärztin aus Teheran berichtet am Flughafen, dass der 17 Jahre alte Cousin ihrer Freundin nach einem Bauchschuss verblutet sei. Vorher sei er in drei Krankenhäusern von Wachleuten abgewiesen worden. Die Kliniken hätten die Anweisung, Menschen mit Schussverletzungen sofort der Polizei zu melden. Sie habe in der Nacht zum Samstag einen befreundeten Chirurgen gefragt, ob er sich zu Hause um den verletzten Mann kümmern könne. Seine Antwort: Er habe bereits 50 Verletzten in deren Privathäusern Kugeln aus dem Körper entfernt. „So hat er es gesagt. Ob die Zahl stimmt, wissen wir natürlich nicht.“
217 Tote allein in sechs Teheraner Krankenhäusern
Viele Angehörige würden davor zurückschrecken, Verletzte ins Krankenhaus zu bringen – aus Angst, dass die Verletzten dort festgenommen werden und aus Angst, dass ihnen im Falle des Todes der Leichnam vorenthalten werde. Bei früheren Protesten mussten Angehörige zum Teil einen Monat warten, weil erst die Kugeln aus dem Leichnam operiert wurden, um Beweise zu beseitigen. Außerdem mussten Angehörige teilweise hohe Strafen zahlen, mit der Begründung, dass die Getöteten öffentliches Eigentum beschädigt hätten.
Die Ärztin sagt, mehrere befreundete Mediziner hätten ihr berichtet, dass sie Verletzte nicht nur mit Schrotkugeln im Körper, sondern auch mit scharfer Munition behandelt hätten. „Es ist das erste Mal, dass wir das in Teheran in diesem Ausmaß sehen“, sagte sie. Persönlich wisse sie von acht Getöteten, sechs davon in ihrem Heimatdorf in einem anderen Teil des Landes.
Es werde direkt auf die Halsschlagader gezielt
Die in Amerika ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists in Iran sprach am Samstag von 116 Toten seit Beginn der Protestwelle. Der britische Sender BBC berichtete unter Berufung auf Krankenhauspersonal in zwei Kliniken von mindestens 70 Toten in der Stadt Rascht und 38 Toten in Teheran. Die Zeitschrift „Time“ zitierte einen Arzt mit der Aussage, allein in Teheran seien in sechs Krankenhäusern mindestens 217 Tote gezählt worden.
Der Münchner Augentraumatologe Amir-Mobarez Parasta, der eng mit zahlreichen iranischen Ärzten in Kontakt steht, geht von einer weit höheren Totenzahl aus. „Ich fürchte, dass es viel mehr sind, als wir denken.“
Im Unterschied zu 2022, als es vor allem Verletzungen mit Schrot- und Gummigeschossen gab, seien nun vermehrt Kriegswaffen im Einsatz. „Diesmal ist die Tötungsabsicht klar erkennbar“, sagt Parasta. Oft werde direkt auf Kopf und Hals geschossen. Der Münchner Arzt führt das auch darauf zurück, dass die Sicherheitskräfte wegen der großen Menschenansammlungen in der Minderheit seien und deshalb von Gebäuden aus in die Menge schössen, um direkte Konfrontation zu vermeiden.
Er habe Videos gesehen, in denen direkt auf die Halsschlagader gezielt worden sei, offenbar, um den größtmöglichen Schockeffekt in der Menge zu erzielen. Viele Ärzte hätten ihm schon am Donnerstag vor der großen Eskalation berichtet, sie seien am Rande ihrer Kapazitäten.

Parastas Aussagen decken sich mit den Schilderungen der Passagiere am Flughafen. Ein Mann aus Karadsch sagt, sein Vater habe beobachtet, dass auf dem Dach des dortigen Nika-Einkaufszentrums am Freitag Scharfschützen positioniert gewesen seien. Sie hätten auf vermeintliche Rädelsführer gezielt, die zuvor von der Polizei mit Farbe markiert worden seien.
Eine Frau aus Maschhad sagt, eine Bekannte von ihr sei durch einen Schuss auf den Kopf getötet worden. Eine andere erzählt, sie sei wegen einer Panikattacke in eine Klinik gegangen. Dort habe ihr eine Krankenschwester von einer Person erzählt, die durch Schrotkugeln im Auge verletzt worden sei. Bei den Protesten von 2022 hatte es so viele Augenverletzungen gegeben, dass Menschenrechtler davon ausgingen, dass Demonstranten gezielt blind gemacht werden sollten. Die Oppositionswebsite Iranwire berichtete am Sonntag unter Berufung auf Ärzte über mehr als 500 Augenverletzungen.
Die Solidarität in der Bevölkerung mit den Protesten scheint groß zu sein. Mehrere der Befragten erzählen, dass Anwohner flüchtenden Demonstranten Zuflucht in ihren Wohnungen und Tiefgaragen gewährt hätten und dass Verletzte dort behandelt worden seien. Zugleich bestätigen die Befragten, dass es Angriffe auf staatliche Einrichtungen gegeben habe. Eine Frau aus Maschhad hat in ihrer Straße beobachtet, wie Demonstranten eine Polizeistation angriffen. Ein Mann sah vom Balkon, dass eine Menschenmenge auf das Gebäude des iranischen Staatsfernsehens in Maschhad zustürmte.
Staatsmedien, die weiterhin Zugang zum Internet haben, zeigten Bilder von ausgebrannten Autos und Motorrädern von Sicherheitskräften. Auch zahlreiche Gebäude sollen in Brand gesetzt worden sein. Darunter Filialen der Supermarktkette Refah, die im Ruf steht, zum Wirtschaftsimperium der Revolutionsgarde zu gehören. Es kursierten Bilder von Brandschäden an mehreren Moscheen und Heiligenschreinen. Die Angriffe sind offenbar Ausdruck der Verachtung für den Klerus, der das Land seit 1979 mit Unterstützung der Revolutionsgarde beherrscht. Es gibt aber auch prominente Geistliche, die das Regime scharf kritisieren.
Staatsmedien berichten von getöteten Sicherheitskräften
Der Machtapparat verschärfte am Wochenende abermals den Ton. Statt von „Aufrührern“ ist nun durchgehend von „Terroristen“ die Rede. Generalstaatsanwalt Mohammad Movahedi Azad sagte, jeder Demonstrant werde als „Feind Gottes“ betrachtet, ein Straftatbestand, der mit dem Tod bestraft werden kann.
Staatsmedien berichteten in zahlreichen Beiträgen über getötete Polizisten, Milizionäre und Revolutionsgardisten unter anderem in Razavi-Chorasan, Hamedan, Qazvin und Kermanshah. Eine Gesamtzahl wurde nicht genannt. Zählt man die Berichte zusammen, kommt man seit Donnerstag auf mindestens 61 getötete Sicherheitskräfte. Das Staatsfernsehen zeigte Bilder von ihren Beerdigungen, gefolgt von Pro-Regime-Demonstrationen.
Einer der Passagiere am Flughafen bestätigt, dass sich das Vorgehen der Sicherheitskräfte von Donnerstag- auf Freitagabend stark verändert habe. „Am Freitag waren sie deutlich besser vorbereitet.“ Offenbar seien sie am Donnerstag davon überrascht worden, wie viele Menschen dem Protestaufruf von Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten Schahs, gefolgt seien. „Sie dachten wohl, seine Nähe zu Israel habe ihn diskreditiert.“ Unter den zwölf Passagieren war kein feuriger Anhänger des im Exil lebenden Schah-Sohns. Doch alle hielten es für richtig, ihm jetzt zu folgen. „Es gibt niemanden anderen“, sagten sie etwa, er sei „die letzte Option“ oder „das kleinere Übel“.
Pahlavi rief am Samstag die Beschäftigten der Öl- und Gasindustrie sowie Lastwagenfahrer dazu auf, ihre Arbeit niederzulegen. Das würde das Regime wirtschaftlich hart treffen. Für Samstag und Sonntag rief er außerdem zu weiteren Protesten auf. Er behauptete, dass er Berichte erhalten habe, wonach „viele Sicherheitskräfte ihre Arbeitsplätze verlassen oder sich Befehlen zur Unterdrückung der Bevölkerung widersetzt haben“. Eine unabhängige Bestätigung gab es dafür nicht.
Amerika und Iran drohen sich gegenseitig
Pahlavi ist derzeit die führende Oppositionskraft. Anders als 2022 spricht er bisher nicht davon, sich mit anderen Exilgruppen zusammenzutun. Der frühere Kronprinz sagte, er bereite sich auf eine Rückkehr vor, um in Iran zu sein, „wenn unsere nationale Revolution siegreich ist“. Mehrfach berief er sich auf die Versprechen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, den Demonstranten zu Hilfe zu kommen. Trump sei der „Anführer der freien Welt“, schmeichelte er.
Die iranische Führung scheint die Angriffsdrohungen aus Washington ernst zu nehmen. Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf drohte am Sonntag, in einem solchen Fall seien Israel sowie amerikanische Militärbasen und Schiffe in der Region „legitime Ziele“ für Vergeltungsschläge.
Außerdem wiederholte Ghalibaf die Drohung eines Präemptivschlags. „Angesichts deines expliziten Bekenntnisses, militärische Aggression gegen Iran einsetzen zu wollen, sehen wir uns im Rahmen der legitimen Selbstverteidigung nicht darauf beschränkt, nur auf Handlungen zu reagieren. Wir werden auf der Basis klarer Anzeichen einer Bedrohung handeln“, sagte er an Trump gerichtet.
Die Abschaltung des Internets erschwerte es den Demonstranten, sich zu koordinieren. Laut dem Telekommunikationsministerium wurde die Sperre vom Sicherheitsapparat verfügt. Im November 2019 hatte das Regime schon einmal im Schatten einer Internetblockade innerhalb weniger Tage mehr als 320 Demonstranten getötet. Nach Aussagen der befragten Passagiere war es auch nicht möglich, SMS zu versenden, wohl aber Telefonate innerhalb des Landes zu führen. Die Angst, dass die Leitungen abgehört würden, sei aber groß.
Über Starlink-Verbindungen und SIM-Karten, die von Journalisten der Staatsmedien und Mitarbeitern anderer staatlicher Einrichtungen genutzt werden, schienen die Aufrufe Pahlavis dennoch nach Iran zu gelangen. Die Passagiere am Istanbuler Flughafen kannten jedenfalls alle den Wortlaut seiner Verlautbarungen.
