Reden wir nicht vom Wetter. Eben erst war es beinahe Sommer, auf der Terrasse unseres Nachbarn brutzelten Würste, Steaks und Klopse, das erste Freibad hat längst geöffnet. Aber reden wir lieber vom Frühling, der in diesem Jahr noch schneller als sonst ohnehin vergeht – aber wenigstens in Sachen Kunst gottlob noch ein paar Tage bleibt. Denn es hat mittlerweile Tradition, dass nach Ostern ein rundes Dutzend der Galerien, die sich zum losen Verbund Frankfurt Mitte zusammengeschlossen haben, nicht nur fast wie beim gemeinsamen Saisonstart allesamt mit neuen Ausstellungen eröffnet.
„Spring View“ ist das wesentlich auf die Kunsthändler rund um die Fahrgasse konzentrierte Format überschrieben. Und dafür zeigen sich die Galerien bei den Vernissagen gern von ihrer besten Seite. Nicht nur, was die Gastfreundschaft betrifft. Gerade auf dem Feld der figurativen Malerei, in Frankfurt seit jeher und in jeder Hinsicht stark vertreten, lassen sich derzeit zahlreiche Entdeckungen machen. Dabei kennt man eine ganze Reihe der ausstellenden Künstler eigentlich schon recht gut, wenn man öfter durch die Galerien der Stadtmitte flaniert. Johannes Rochhausen etwa, dessen Werk Kirsten Leuenroth mit ihrer Galerie seit mehr als fünfzehn Jahren schon vertritt. Anna Nero bei Schierke Seinecke oder auch Janos Schaab, dessen reduzierter Neo-Pop im Programm von Christel Wagner fest verankert ist.
Markante Positionen allesamt, die man auch in ihrem Frühjahrsoutfit wiedererkennt. Und doch lernt man nicht nur eine Malerin wie Sarah Geppert, die sich bei Greulich erstmals überhaupt in Frankfurt vorstellt, man lernt selbst Schaab oder Rochhausen vielleicht nicht völlig neu, doch von einer durchaus überraschend anderen Seite kennen. Dabei ist sich der 1960 in Ungarn geborene Schaab nicht nur in seiner Konzentration auf Linien, Rasterpunkte und auf schwarze versus weiße Flächen doch in jeder Hinsicht erst einmal treu geblieben. Nur dass seine aktuellen Motive nicht „Candice“, „Audrey“ oder „Flowers“ vorstellen. Vielmehr sind die Figuren erst einmal verschwunden.

Jetzt stehen Architekturen im Zentrum seines Interesses. Und ob die Fassade des New Yorker Guggenheim Museums oder die markanten Oberlichter im Garten des Städel: Mit einem Mal erscheint Schaabs Malerei beinahe abstrakt. Unterdessen findet Johannes Rochhausen seine Motive schon seit Leipziger Studienzeiten vornehmlich im eigenen Atelier. Jetzt aber scheint es, als habe sich der Künstler dort nicht mehr bloß vor allem provisorisch, sondern auf Dauer eingerichtet. Sind es nicht mehr vor allem Oberflächen und Texturen, die die gar nicht einmal heimlichen Sensationen seiner Interieurs ausmachen. Und mitunter hängt sogar hier eine Zeichnung, dort ein Bild an der bislang meist behördengrauen Wand.
Die eigentliche Überraschung der „Aufgang“ überschriebenen Ausstellung bei Kirsten Leuenroth, deren Galerie in diesem Jahr ihren 20. Geburtstag feiert, das Bonbon von Rochhausens mittlerweile siebter Soloausstellung an diesem Ort ist aber die Auswahl an in dieser Dichte wohl kaum je gezeigten Kohlezeichnungen. Dabei mochte man durchaus wissen, dass Rochhausen ein großartiger Zeichner ist. Nur zeigen wollte er die Arbeiten auf Papier oder Karton bislang nicht so gern. Und hier ahnt man auch, warum. Nicht nur liegen hier mancherlei kunsthistorische Verweise offen. In den Blicken auf Stifte, Pinsel, Zimmerpflanze oder Arbeitsfläche verlässt er zwar noch immer nicht sein Atelier. Hier aber erweitert das Stillleben als neue, für sein Werk in Zukunft womöglich wesentliche Gattung entschieden sein malerisches Repertoire.

Wie Rochhausen hat auch Anna Nero in Leipzig studiert. Und doch wird man zögern, die Frankfurter Künstlerin der Neuen Leipziger Schule zuzurechnen. Dabei mag man Neros Malerei, mit der die 1988 geborene Künstlerin die neuen Räume von Schierke Seinecke in der Petersstraße bespielt, durchaus figurativ nennen. Insofern die Protagonisten ihrer Malerei jenes Repertoire an wiederkehrenden Formen sind, die Nero zeigt. Kugeln etwa, Stacheln und in Stahl gegossene Dornen oder abstrahierte Fetischformen; und es fehlte in der Tat nicht viel, man möchte auch die stilisierten, kaum mehr als ein Zitat vorstellenden Gesten und Verläufe von Nero entwickelte Figuren nennen.
So weit, so eigen und so kalkuliert. Und doch spürt man vor noch jedem von Anna Neros Bildern, wie es unter den aseptisch kühlen Oberflächen gärt. Ein Gefühl, wie man es auch auf dem Weg zurück in die Fahrgasse und in der Galerie Greulich nicht loswird. Dabei nehmen sich Sarah Gepperts Motive beinahe beschaulich aus. Hier „Klaus wird 40“, dort der Pool oder die Liege in der prallen Sonne, und manchmal wird auf der Terrasse auch gegrillt. Meist sind es Fotografien aus dem eigenen Familienalbum, die der in Pfungstadt lebenden Malerin den Anlass vorstellen für ihre mal vage an Matisse oder auch an David Hockney erinnernden, immer aber flächig aufgefassten Bilder.
Und stets strahlt hier in Scharlachrot, in Sonnengelb und Himmelblau wie aus dem Bilderbuch der Sommer. Der Tisch gedeckt, der Kaffee fertig und der „Brandy 4pm“ schon eingegossen, doch niemand findet sich in diesen Bildern, der die sorgsam vorbereitete Idylle auch genießt. So wird man am Ende „ohne Titel“, „Christa (Menopause)“ oder das nichts als die Füße der Künstlerin in Birkenstocksandalen zeigende „Mutter II“ kaum als harmlos empfinden.
Alle Ausstellungen der Galerien in der Frankfurter Innenstadt sind wenigstens bis 3. Juni zu sehen.
