Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen auch anderswo beträchtliche Lücken. Aber bei Tottenham Hotspur passt in diese Lücke das gesamte, über eine Milliarde Euro teure Stadion, das sie 2019 im Norden Londons aus dem Boden gestampft haben. In der hochmodernen Multifunktionsarena wollten sie Meisterschaften und Pokalsiege feiern, eine Ära des Erfolgs einleiten.
Doch statt aus Barcelona, München und Paris könnten nächste Saison Auswärtsfans aus Bristol, Swansea und Lincoln anreisen. Denn sieben Spiele vor dem Ende der Fußballsaison sind die Spurs vom Abstieg aus der Premier League bedroht, ihr Vorsprung vor den Abstiegsplätzen beträgt nur noch einen Punkt.

Und den Anhängern gehen allmählich die Gründe zur Hoffnung aus. In der Liga hat Tottenham im Jahr 2026 noch kein Spiel gewonnen, von 39 möglichen Punkten haben sie nur fünf geholt. Vor der Länderspielpause unterlagen sie Nottingham Forest – einem direkten Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg – im eigenen Stadion 0:3. Schon die vergangene Saison hatten die Spurs nur auf dem 17. Tabellenplatz beendet, in einer Art Paralleluniversum aber immerhin die Europa League gewonnen. Entlassen wurde der damalige Trainer Ange Postecoglou trotzdem.
Knapp ein Jahr später hat Tottenham nicht nur einen, sondern zwei weitere Trainer verschlissen – und die sportliche Lage ist noch einmal bedeutend prekärer geworden. Nach dem Rauswurf von Postecoglou sollte es zunächst Thomas Frank richten.
Der charismatische Däne hat sich in England als Trainer des FC Brentford einen guten Ruf erarbeitet, indem er den vergleichsweise kleinen Verein von der zweiten Liga in die Premier League geführt und dort etabliert hat. Kontinuität, ein klar definierter Charakter und eine besonnene Kommunikation prägten diese Jahre. Anhand dieses Bauplans sollte Frank nun die Spurs weiterentwickeln – nur eben etliche Nummern größer.
Ängstlich und offensiv vollkommen zahnlos
Es misslang. Nach einem vielversprechenden Auftakt störten unbefriedigende Resultate zunehmend die Ruhe. Fans und Umfeld kritisierten Frank für das Fehlen einer erkennbaren spielerischen Identität. Besonders in großen Spielen wie dem 1:4 im Derby gegen den FC Arsenal im November wirkte Tottenham mit fünf Verteidigern auf dem Feld ängstlich und offensiv vollkommen zahnlos.
Schadensbegrenzung als taktische Maxime: Das war nicht der Fußball, den die Fans von ihrer Mannschaft sehen wollten. Dass Frank vor dem Auswärtsspiel in Bournemouth mit einer Arsenal-Kaffeetasse fotografiert wurde, machte ihn beim Anhang nicht gerade populärer. Nach aufeinanderfolgenden Niederlagen gegen Manchester United und Newcastle wurde er im Februar schließlich entlassen.
Mit Tudor nur noch tiefer im Schlamassel
Doch statt besser wurde es danach nur noch schlimmer. Geschäftsführer Vinai Venkatesham und Sportdirektor Johan Lange präsentierten als Interimslösung Igor Tudor. Der hatte in seiner Heimat Kroatien erste Erfahrungen als Trainer gesammelt und später für verschiedene Klubs in der Türkei, Frankreich und Italien gearbeitet, allerdings noch nie in England.
Dem Publikum wurde ein Feuerwehrmann versprochen; einer, der ein Team in der Krise übernimmt, Abläufe vereinfacht und dadurch kurzfristig bessere Ergebnisse erzielt. Ein Retter in der Not. Aber mit ihm rutschten die Spurs noch tiefer in den Schlamassel. Von sieben Spielen verlor Tudor fünf, eins endete unentschieden, nur das Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen Atlético Madrid gewann er.
Das jedoch änderte nichts am Ausscheiden der Spurs, denn das Hinspiel in Spanien hatten sie 2:5 verloren. Dort hatte Tudor überraschend Ersatztorwart Antonín Kinský aufgestellt, der in der Anfangsphase prompt zwei Gegentore verschuldete. Daraufhin wechselte Tudor ihn nach nur 17 Minuten aus und würdigte ihn dabei keines Blickes.

Das Trösten des 23 Jahre alten Schlussmanns überließ er anderen. Statt Dinge zu vereinfachen, machte er sie komplizierter. Statt die Mannschaft hinter sich zu versammeln, brachte er sie gegen sich auf. Rückblickend war Tudors Verpflichtung ein Fehler, den sich Venkatesham und Lange ankreiden lassen müssen.
Ein Fehler, der darüber hinaus die mögliche Fallhöhe des nächsten Trainers von Anfang an steigert. Roberto De Zerbi hat bei Tottenham einen Vertrag bis 2031 unterschrieben, der auch in der zweiten Liga gültig wäre. Der Italiener hat zwei Jahre lang bei Brighton & Hove Albion gearbeitet und dort mit einem attraktiven, offensiven Fußball auf sich aufmerksam gemacht. Manchester-City-Trainer Pep Guardiola bezeichnete ihn zu der Zeit gar als „einen der einflussreichsten Trainer der vergangenen 20 Jahre“. Von Brighton aus wechselte De Zerbi 2024 zu Olympique Marseille, jetzt kehrt er zurück nach England.
De Zerbi muss sich öffentlich erklären
Rein sportlich ist das durchaus reizvoll. Allerdings sind Teile des Spurs-Anhangs unglücklich mit der Personalie. Denn während seiner Zeit in Marseille hatte De Zerbi seinen Spieler Mason Greenwood öffentlich gegen schwere Anschuldigungen verteidigt. Hintergrund waren Ermittlungen der britischen Justiz wegen angeblicher versuchter Vergewaltigung, kontrollierenden und zwanghaften Verhaltens sowie Körperverletzung, die später eingestellt wurden, weil keine realistische Aussicht auf eine Verurteilung bestand.
Unter anderem der Tottenham Hotspur Supporters’ Trust wirft De Zerbi vor, die Angelegenheit verharmlost zu haben. Jetzt erklärte De Zerbi in einer Mitteilung, er habe „das Problem von Gewalt gegen Frauen oder Gewalt gegen Menschen im Allgemeinen“ nicht herunterspielen wollen.
An diesem Sonntag (15.00 Uhr bei Sky) ist Tottenham zu Gast beim Aufsteiger AFC Sunderland, der bis jetzt schon 13 Punkte mehr geholt hat. Es ist De Zerbis erstes Spiel als Trainer der Spurs. Ob er mit seinem taktisch anspruchsvollen Ansatz auch als Feuerwehrmann taugt, bleibt allerdings abzuwarten.
Als er 2022 bei Brighton anfing, gewann er keines seiner ersten fünf Spiele; in Marseille gewann er 2024 zum Auftakt vier von fünf. „In all meinen Gesprächen mit der Vereinsführung war ihre Ambition für die Zukunft klar“, umriss De Zerbi seinen Auftrag in London: „ein Team aufzubauen, das in der Lage ist, Großes zu erreichen“. Fürs Erste aber geht es darum, das Schlimmste zu verhindern.
