Wenn ein Autor einen Preis gewinnt, und die Mütter der Opfer eines Genozids protestieren dagegen, dann müsste er sich doch fragen, ob da vielleicht irgendwas schiefgelaufen ist. Denn es ist ja nicht so, dass es dafür einen Präzedenzfall gäbe. Sollte also der erste Impuls des Autors sein, den Genozid infrage zu stellen? Sollte er vielleicht eher das Gespräch suchen? Oder sich entschuldigen, allein schon aus Höflichkeit?
Die Mütter haben sich mit Handke schon seit 1996 herumzuschlagen, als er in einem Bericht aus Serbien in der „Süddeutschen Zeitung“ die Frage stellte, was denn „wirklich passiert“ sei in Srebrenica. „Es gab die Mütter von Buenos Aires, die hatten sich zusammengeschlossen und die Militärdiktatoren gefragt, was mit ihren Kindern geschehen ist“, so Handke weiter. „Aber diese billige Nachahmung ist scheußlich. Es gibt die Mütter von Buenos Aires, und das genügt.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Es gibt aber zum Beispiel auch Kada Hotic, deren Ehemann, Söhne und Brüder in Srebrenica ermordet wurden. Sie war Schneiderin und arbeitete vor Beginn des Krieges in der örtlichen Textilfabrik. „Das Leben war schön damals“, erinnert sie sich im Gespräch mit der Stiftung Remembering Srebrenica. „Wir hatten ein Theater, eine Musikschule und sogar eine Tanzschule. Im Sommer schwammen wir in den klaren Wassern der Drina.“
Als die Serben kamen, „holten sie die jungen Mädchen. Eine Neunjährige haben sie einfach auf der Straße vergewaltigt. Ein Baby weinte, und ein Soldat schrie die Mutter an, ihr Kind solle Ruhe geben. Dann packte er das Baby, schnitt ihm mit einem Messer den Kopf ab und warf den Kopf und den Körper in verschiedene Richtungen. Ein paar Meter weiter war eine Frau in den Wehen. Das Baby fiel einfach aus ihr heraus, weil niemand da war, um ihr zu helfen. Ein Soldat sagte: ‚Hey, ich kann dir helfen‘, und trat das Neugeborene tot mit seinem Stiefel. Es hatte nicht mal einen Namen.“
Der sorgfältig geplante Genozid
Dann wurden die Männer selektiert, alle Bosniaken ab 13 Jahren, mehr als 8300 Menschen, und mit Bussen in die Wälder gefahren, wo sie in Gruppen erschossen und mit schwerem Erdräumgerät in Massengräbern verscharrt wurden – der Ablauf erinnert an jenen der Einsatzgruppen der Nazis im Zuge des „Holocaust by bullets“ in Osteuropa. Das sorgfältig geplante Massaker wurde von den Vereinten Nationen später eindeutig als Genozid klassifiziert.
Über Jahrzehnte hinweg hat Peter Handke diesen Genozid in etlichen Äußerungen relativiert, aber Kritik der Mütter an seinen Relativierungen lässt er trotzdem nicht gelten, sondern reagiert darauf mit weiteren Relativierungen: Sicher, eine Schande sei das gewesen da in Srebrenica, „schreckliche Rache“ der Serben an den „muslimischen Soldaten“, womit er impliziert, das könne kein Genozid gewesen sein, da ein solcher sich gegen Zivilisten richtet, und noch dazu, dass die Opfer angefangen hätten und damit ebenfalls Täter seien – denn warum sollte sich sonst jemand an ihnen rächen?
Die Vorgeschichten der Vorgeschichten der Vorgeschichten
Man müsse immer die Vorgeschichte sehen und die Vorgeschichten der Vorgeschichten in vergangenen Jahrhunderten, bis hin zu den Osmanen und so weiter, und schon hat Handke sein Ziel erreicht: Keiner weiß mehr, wer angefangen hat, also kann man auch niemandem eine Schuld zuweisen, schon gar nicht den Serben.

Und das ist auch gut so, denn: „Die Frage nach der Schuld teilt die Welt, sie lässt keinen Platz mehr für das Fragen nach Gründen, sie löst alles auf in Reiz und Reaktion und kennt nichts dazwischen, sie weiß nichts vom Recht im Unrecht und vom Unrecht im Recht“, so Handke 2010 im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“. „Das ist so schwierig, dem kann man nur durch die Fiktion gerecht werden, es geht nicht historisch oder journalistisch.“ Dasselbe müsste man dieser Kinderlogik zufolge dann aber auch über den Holocaust sagen.
Handkes Botschaft ist: Es gibt keine Fakten, es gibt nur Gefühle, es gibt keine historische Wahrheit, sondern nur ein fluides Spektrum aus fiktionalen Alternativen. Und mit jedem Framing ist Handke seiner Zielsetzung näher, alle störenden Tatsachen wegzusprengen, auf dem Weg in „das sonore Land“, wo nur noch Peter Handkes erfundene Geschichten Bestand haben.
Protest „von Mutter zu Mutter“ gegen den Nobelpreis 2019
Auch im Oktober 2019 übten die Mütter Kritik an Handke, als ihm der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde. Sie appellierten an die schwedische Königin Silvia, ihm den Preis wieder abzuerkennen, „von Mutter zu Mutter“, und kündigten einen Protest in Stockholm an, wo Handke Anfang Dezember im Konzerthuset vor der Schwedischen Akademie seine Nobelpreisrede halten sollte.

Dort am Podium sprach er kein Wort zum Thema Serbien, sondern begann einfach damit, aus seinem Drama „Über die Dörfer“ vorzulesen. Das Werk markiert den Schlusspunkt seiner goldenen Dekade von etwa 1970 bis 1981, in der Handke ein paar originelle und auf karge Weise schöne und sogar festliche Meisterwerke schrieb, „Die linkshändige Frau“ zum Beispiel oder „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, für die er den Nobelpreis verdient hatte, ganz ohne Zweifel.
„Über die Dörfer“ ist stellenweise lyrische, fast hypnotische Prosa, evokativ wie ein Kindergottesdienst, aber ganz offen im Evozierten. Man kann sich die Lesung auf Youtube ansehen: Handke trägt mit leiser Stimme vor, durchaus mit Selbstergriffenheit, die aber nicht lächerlich, sondern menschlich wirkt, sein Vortrag ist würdig und schön.
Lebensprojekt Bagatellisierung eines Völkermords
Als Kontrastprogramm hatte er zuvor allerdings wieder mal eine alternative Lesart des Völkermordes von Srebrenica eingeführt, der kein Völkermord, sondern ein „Brudermord“ gewesen sei, um sein Lebensprojekt der Bagatellisierung dieses Völkermordes weiter voranzutreiben. Einem amerikanischen Reporter, der ihn um eine Klarstellung seiner Haltung zu Srebrenica gebeten hatte, gab Handke die pubertäre Höhö-Antwort, ihm sei Toilettenpapier mit einer „Kalligraphie der Scheiße“ darauf lieber als „solche leeren und ignoranten Fragen“.
Aber wie schon gesagt, in seiner Rede fand sich kein Wort zum Thema Serbien. Drinnen am Podium sprach Handke über seine Mutter, deren Suizid ihm die Geschichte für seinen ersten Bestseller lieferte, während die Mütter von Srebrenica sich draußen in der Kälte ihre Mäntel enger um die Schultern zogen und Transparente hochhielten, auf denen „Read my lips, Peter Handke: Genocide“ zu lesen war.
Eine massive Welle der Ablehnung
Mit ihrer Kritik an Handke waren die Mütter nicht allein, im Gegenteil: Nie zuvor war einem Nobelpreisträger eine so massive Welle der Ablehnung entgegengeschlagen, angefangen mit Jennifer Egan vom amerikanischen PEN-Zentrum: Seit 1948 habe man sich „dem Kampf gegen die Verfälschung der Tatsachen verschrieben“, ließ Egan verlauten, und lehne daher ab, „dass ein Autor, der auf beharrliche Weise umfassend dokumentierte Kriegsverbrechen in Zweifel zieht, für seinen sprachlichen Einfallsreichtum gefeiert werden sollte“.
Der Schriftsteller Aleksandar Hemon schrieb, in Anbetracht der Gräuel, die Handke geleugnet habe, müsse sich der Wert von dessen literarischer Arbeit wie ein Kadaver in Säure auflösen. Peter Handke sei ein Autor „aus dem Zweigespann der Dichter und Henker“, so kommentierte der Philosoph Slavoj Žižek: „Unpolitisches Nachsinnen über die komplizierte Natur der Seele und der Sprache ist der Stoff, aus dem ethnische Säuberungen gemacht sind.“
Persona non grata in Sarajewo und im Kosovo
In Sarajevo wurde Handke zur Persona non grata erklärt, wie auch im Kosovo, und der albanische Staatschef Edi Rama gab zu Protokoll, er hätte nie gedacht, dass er wegen eines Nobelpreises einmal das Gefühl haben würde, „kotzen zu müssen“.
Was war geschehen? All das wegen eines Literaturpreises? Woher kam die nahezu universelle Ablehnung? Ihren Anfang nahm die ganze Misere vor fast genau 30 Jahren, im Januar 1996, als Handke in der „Süddeutschen Zeitung“ seinen schon erwähnten Text mit dem Titel „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ veröffentlichte. Auf den ersten Blick handelt es sich dabei um eine Art Reportage von einer serbischen Reise, die Handke im Spätherbst 1995 unternahm, dem Wesen nach aber um das Urdokument seiner Werkphase als Propagandist, das wenig später auch in Buchform bei Suhrkamp erscheinen sollte.
Mit der Swissair nach Belgrad
Nur wenige Monate nach dem „Rachemassaker“ von Srebrenica flog Handke mit der Swissair nach Belgrad, um auf seinem Weg durch Serbien dann erst mal die Vorgeschichte des Bosnienkriegs zu reflektieren: „Wer war der erste Aggressor?“ So fragt er sich. „War derjenige, der einen Krieg provozierte, derselbe wie der, der ihn anfing? Und was hieß ‚anfangen‘? Konnte auch schon solch ein Provozieren ein Anfangen sein?“
Handke macht sich Gedanken über das Volk der bosnischen Muslime, um nonchalant anzufügen: „Wenn die serbokroatisch sprechenden, serbischstämmigen Muselmanen Bosniens denn nun ein Volk sein sollten.“ Die Implikation ist klar: Was kein Volk sei, könne naturgemäß auch keinem Völkermord zum Opfer fallen.
„Beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist“
Seine Route führt ihn über Valjevo im Westen Serbiens nach Bajina Bašta an der bosnischen Grenze. Die äquivalente Route heute wäre ein Flug nach Moskau und dann eine Reise nach Kursk und Belgorod an der Grenze zur Ukraine. Handke fährt über die Dörfer, und schon hören wir die Hundepfeife, schon ist klar, dass seine Seelenheimat Serbien eben doch eine Rolle spielte bei seiner Stockholmer Lesung aus „Über die Dörfer“, in dem es heißt: „Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen. Beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird.“
1974 geschrieben, klingt das wie ein Projektentwurf für seine „Winterliche Reise“, auf der Handkes Mission zu sein scheint, zu einer von „bösen Fakten“ unbefleckten Erkenntnis vorzudringen, zu seiner eigenen poetischen Wahrheit über die serbischen Kriegsverbrechen, und dabei vor authentischen Kulissen weiter an seiner Inszenierung als Prophet, Zweifler, Guru und Seher zu arbeiten.

Wie in Abgrenzung zu Truman Capote, der das Genre des „non-fiction novel“ erfand, einen faktentreuen Tatsachenbericht also, der wie ein Roman geschrieben ist, hat Peter Handke mit seinem serbischen Œuvre das Genre der „fictional nonfiction“ ins Leben gerufen, also den Tatsachenbericht, der stellenweise frei erfunden ist.
Seine Mission scheint es zu sein, mit blumigen Beschwörungen rückständiger Landstriche sowie ihrer Bewohner eine Entlastung der im Nachbarland Bosnien wütenden serbischen Soldateska zu betreiben. Seine Worte evozieren friedfertige Serben-Figuren, die schon im Zuge alltäglicher Aktivitäten wie zum Beispiel dem Betanken eines Automobils als so verwunschen anmuten, dass ihre Befähigung zur Durchführung eines Völkermords wie in Srebrenica als abwegig erscheint.
Die Brüder im Geiste
Und Handke ist nicht der Einzige, der diesen anzweifelt, das muss man ihm lassen, er hat Brüder im Geiste. Am 30. Jahrestag des Mordens im vergangenen Juli zum Beispiel gaben im Deutschen Bundestag einige Chargen der AfD Relativierungen von sich, die von jenen Handkes kaum zu unterscheiden waren.
So zum Beispiel der Abgeordnete Alexander Wolf, Herausgeber der Liederfibel „Der Schlachtruf“ mit unter anderen dem Hitlerjugend-Lied von Baldur von Schirach, der Wert darauf legte, dass die Serben nur Männer erschossen hätten, sodass man nicht von einem Völkermord reden könne, und darauf hinwies, dass es vor dem Massaker von Srebrenica auch Gräueltaten bosniakischer Milizen gegeben habe.
Die Neuen Rechten sind voll auf Handke-Linie
Auch die Neuen Rechten sind voll auf Handke-Linie: Die Serben seien zum Tätervolk abgestempelt worden, genau wie die Deutschen „nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg“, argumentiert Götz Kubitschek in einem Essay über Handke. „Starrgestellt auf ihre Rolle als Völkermörder, Kriegstreiber, Rassisten, Antisemiten, Wegschauer, Duckmäuser, als widerlegte Nation, als im Kern böses Volk, das umerzogen werden müsse.“ Die Serben wie die Deutschen seien auf „die Rolle der Schuldigen und der Grausamen festgelegt worden“, so Kubitscheks Analyse, der Deutschen Auschwitz sei der Serben Srebrenica.
Wenn man die „Winterliche Reise“ heute liest, exakt dreißig Jahre nach dem ersten Erscheinen, dann liest man die Vorgeschichte des Krieges gegen die Tatsachen, in dem wir heute zu kämpfen haben. Es ist alles schon da: Whataboutism, NATO-Bashing, der Bückling vor Kriegsverbrechern, die Herabwürdigung der Opfer brutaler Übergriffe, die Entwertung von Expertise und Analyse zugunsten von Affekt und Bauchgefühl, Jähzorn gepaart mit Weinerlichkeit sowie einer passiv-aggressiven Opferhaltung und so weiter.
Und natürlich die Klage über gelenkte Mainstream-Medien, während man in einem solchen die Geschichte umschreibt, um Erfundenes in der politischen Debatte salonfähig zu machen und sich völlig frei, wie zuletzt im Kindergarten, eine eigene Phantasie-Realität ausdenken zu können, eine private Wirklichkeit. Mit diesem Bedürfnis ist wohl auch die paranoide Hassrede gegenüber „Journalistenratten“ zu erklären, in die Handke sich in seinen Jahren als Propagandist hineinsteigerte: Es seien „falsche“ Chronisten, die „Wörtergift“ absonderten, um „den Krieg unter die Kunden zu bringen“. Die Journalisten seien „Schlammfedern“, „Übelwoller“, „Hasswortführer“ und „Humanitätshyänen“, die sich zu einer weltumspannenden Kabale verschworen hätten, um das Serbentum zu verleumden.
Die Blaupause
Dazu die Unflätigkeit, diese lustvolle Respektlosigkeit sogar Müttern gegenüber, die ihre Kinder an einen Völkermord verloren haben – alles in allem wirkt Handke in seinem serbischen Modus wie die energetische Blaupause all jener bildungsfern-bauernschlauen Politiker-Darsteller, die unsere Uhren im Westen heute um hundert Jahre zurückdrehen wollen.
Darin ist seine heutige Relevanz zu verorten: Zwei Jahrzehnte vor dem rechtsblauen Mainstream hat Peter Handke einen fundamentalen Antagonismus erspürt, der im Kern darin besteht, den Fakten den Krieg zu erklären und natürlich den Medien, den „Journalistenratten“, auf medientaugliche Weise.
Das Problem ist nur: Wer sich als ein „Contrarian“ inszeniert, dessen eigenwilliger Kopf dazu animiert, jeden Konsens infrage zu stellen, der muss in letzter Konsequenz auch den Standpunkt vertreten, die Erde sei eine Scheibe. Denn mal ehrlich, eine Kugel? Würde man da nicht runterfallen? Ein Ball, und der fliegt um einen anderen Ball, und der ist aus Feuer, ja? Das widerspricht ja wohl dem gesunden Volksempfinden!
