Es ist Sommer 1994, Kurt Cobain ist schon ein paar Monate tot, und Beatrice, eine der Hauptfiguren in Paulina Spiechowiczs Roman „Wenn alles brennt“, konnte den Tod ihres Lieblingsmusikers beweinen. Im Gegensatz zu ihren eigenen Verlusten, um die sie nicht trauern kann.
Beatrice, 16, und ihr Bruder Kamil, 17, sind am Strand von Ostia bei Rom aufgewachsen, in der Villa ihrer wohlhabenden Mutter Viola. Sie sind Kinder einer gescheiterten Ehe. Der Vater ist ein von der Flucht aus der Sowjetunion geprägter Pole, die Mutter eine alkoholkranke Italienerin. Die Geschwister haben zu viel Leid erfahren.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nach einem „Vorfall“, der erst später klarer wird, in dessen Folge aber der Mutter das Sorgerecht entzogen worden war, leben die Geschwister ein Jahr in Warschau bei ihrem Vater und seiner neuen Familie. Als die Handlung von „Wenn alles brennt“ einsetzt, sind die beiden Geschwister gerade für den Sommer nach Italien geflogen. Die Irritationen um Liebe, Eifersucht, gestörte Familienverhältnisse und Sehnsucht nach dem Ankommen im eigenen Leben entfalten sich ab jetzt vor malerischer Kulisse.
Die italienische Autorin Paulina Spiechowicz, Jahrgang 1983, bedient sich damit eines Motivs, das literarisch, filmisch und musikalisch seit Jahrzehnten ein Klassiker in der Coming-of-Age-Genre ist: Intensive Gefühle im heißen Sommer. Das bekannteste Beispiel ist wahrscheinlich „Bonjour Tristesse“ von Françoise Sagan aus dem Jahr 1954, in dem die junge Cécile im vor Hitze flirrenden Südfrankreich eine Intrige mit tödlichem Ausgang startet. Jüngere Beispiele sind der Film „Call me by your Name“ oder der Hit der deutschen Mainstream-Pop-Band Jeremias, deren Fans den Refrain mitsingen: „Du und ich und der Sommer, wir machen Liebe zu dritt“.

In „Wenn alles brennt“ wird schon auf den ersten zwei Seiten deutlich, dass die jungen Figuren mit dem Feuer spielen. „Gleißendes Leuchten“ spiegelt sich, Beatrice sieht „die Intensität des flammend roten Lichts“, es lodert immer wieder. Wäre das Buch Schullektüre, selbst der untalentierteste Deutschschüler könnte hier Feuer als Leitmotiv ausmachen. Leider holpert es sprachlich da: „Im Rückspiegel sah Beatrice das Gesicht ihrer Freundin vorne am Steuer, deren sinnliche Züge das Gesicht entflammten“.
Das bleibt eine Schwäche des Romans. Überladene Sprachbilder, die vor lauter Pathos nicht ganz hinhauen. Noch dazu sind die jungen Frauen stets sinnlich und die jungen Männer animalisch, selten werden die konkreten Emotionen der Teenager spürbar, weil sie mit Schlagworten aufgebauscht werden: „Die Dunkelheit verschlang sie, genau wie die elektrisierende Atmosphäre der Nacht, voller Lust auf Leben und Trubel.“ Oder: „Die Unmöglichkeit, Kind sein zu dürfen, hatte ihre Klauen unabwendbar auch nach seiner Jugend ausgestreckt und sie auf erschreckend ähnliche Weise scheitern lassen“.
Die Katastrophe eines misslungenen Lidstrichs
Aber dann gibt es auch wieder andere Szenen, in denen die jugendliche Überdramatisierung, in der kleinste Dinge mit größter Theatralik aufgeladen und gut erzählt werden. Etwa, wenn Beatrice ihr Lidstrich misslingt und das für ein paar Sekunden eine Katastrophe ist. Mehr von diesem minutiösen Erleben und weniger große Schlagworte hätten dieser Roman gutgetan.
Beatrice und Kamil versuchen bei ihrer Mutter einen Alltag zu finden, der ihnen zwar vertraut ist, aber nicht mehr ihr gehört. Im Strandbad der Mutter kellnern neue Leute, mit einer von ihnen, der älteren Ludovica, freundet Beatrice sich an. In ihr findet Ludovica eine Freundin und ein Vorbild. Eine wilde, intellektuelle Studentin: Genau das will Beatrice sein. Und Ludovicas Freund Pawel der Partner, den Beatrice auch gern hätte. Kamil wiederum wird von seiner alten Clique, „dem Rudel“, wieder aufgenommen. Er hat nur ein Problem: Nico, der Einzige, der ihn nie akzeptieren konnte und nur „den Polen“ nannte, wird aus dem Knast entlassen und verliebt sich prompt in Beatrice.

Diesem Nico in seiner persönlichen Teenage Angst folgt der Roman für einige Kapitel. So plötzlich er Beatrice verfällt, so schnell will er auch sein Leben für sie ändern. An Nicos Geschichte, spürt man beim Lesen schnell, will die Autorin die politische und gesellschaftliche Dimension ihres Romans abbilden. Denn der Dealer ist frisch aus dem Gefängnis gekommen, lebt in einem Armenviertel, die Wohnung ist zu klein für die große Familie, der Vater verzockt alles beim Pferderennen. Nico will sich für Beatrice ändern, kommt doch nicht aus seiner Armut und der Macho-Nummer raus, in der er sozialisiert wurde, und kann mit ihrer Ablehnung nicht umgehen.
Das Comeback der Nineties
Die Liebes- und Selbstbehauptungsprobleme von Kamil und Beatrice funktionieren aus dem gleichen Grund, aus dem solche Coming-of-Age-Geschichten zeitlos sind: Jeder ist zum ersten Mal verliebt. Jeder hat auf einer Party mal das falsche Outfit an oder zu dickes Make-up drauf und denkt, das soziale Leben sei deshalb vorbei. Da sind Beatrice und Kamil keine Ausnahme. Die Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen der Roman spielt, erleben gerade ihr Comeback, als Leser könnten Raver-Eltern und Raver-Kinder die Erfahrungen von Kamil und Beatrice nachvollziehen.
Auch die Grundidee des Romans ist gut: Ein ungleiches Geschwisterpaar, zerrissen von der eigenen Migrationserfahrungen und den unbearbeiteten Traumata der Eltern, das sich weder in dem einen noch in dem anderen Land zugehörig fühlt, will unbedingt erwachsen werden und trauert doch um die verlorene Jugend. Alles in ihnen ist schief, Kamil liebt Rom und hat einen polnischen Vornamen, Beatrice einen italienischen und will gar nicht aus Warschau weg.
Der polnische Migrationshintergrund der Autorin
Die Autorin hat selbst eine polnisch-italienische Migrationsgeschichte: Paulina Spiechowicz wurde in Krakau geboren; als sie vier Jahre alt war, flohen ihre Eltern mit ihr nach Italien, lebten in Flüchtlingsunterkünften. Auch Pawel, der Freund von Beatrices neuer Freundin Ludovica, lebt in einem Lager. Es sind die berührenden Momente in diesem Roman, wenn Pawel dafür arbeitet, in Kanada promovieren zu können, man möchte sofort mehr über ihn und die anderen im Lager erfahren. Genauso berührend, wenn Kamil panische Angst hat, als Pole, als Ausländer zu gelten oder mit den Geflüchteten assoziiert zu werden. Die Familiengeschichte der Großeltern wird nur angedeutet, eigentlich schade, am stärksten ist dieses Buch in den Abgründen der Familie.
Und genau in diesen Passagen baut sich dann auch Spannung auf: Wenn Spiechowicz geschickt andeutet, was der schon erwähnte „Vorfall“ war, was damals passiert sein könnte. Das missbräuchliche Verhalten der Mutter gegenüber Kamil ist beklemmend, sie will ihren Sohn nackt sehen, fordert ihn auf, sie unter der Dusche einzuseifen. Kamil will das nicht und ist gleichzeitig besessen davon, seine Mutter zu retten. Lange ist nicht klar, ob der „Vorfall“ mit diesem Verhalten von ihr zu tun hat. Kamil begleitet sie zur Therapie und schwärmt von der Therapeutin, während er nur erotische Phantasien mit ihr hat, erlebt Beatrice schon eine Ménage-à-trois mit Pawel und Ludovica.
Manche Erzählstränge verlieren sich
Leider verlieren sich manche Erzählstränge oder Motive des Romans. Kamil bringt zu Beginn fast seinen polnischen Stiefbruder um, als der noch ein Baby ist. Er selbst wiederum wird nicht in Therapie geschickt, lebt seine Zwänge und Aggressionen im Zählen, Rechnen und der Kontrolle von Beatrice und seiner Mutter aus. Plötzlich will er ihnen wieder ganz nah sein und von ihnen geliebt werden. Und überhaupt kommt vieles im Roman sehr schnell: „Plötzlich war alles von einer ungeheuren Energie erfüllt. Das war ein merkwürdiger Ort, aber sie fühlte sich unendlich wohl, wie in einem warmen Nest voller Glückseligkeit. Ihr Gesicht wurde umspült von einem Meer aus Farben, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Das Bedürfnis, geliebt zu werden, breitete sich in ihr aus wie Schimmel.“
So unvorhersehbar wechselhaft und intensiv wie die Emotionen der Figuren ist das Wetter. Meist schlägt es in diesem Roman just dann um, wenn eine dieser Figuren einen Stimmungswechsel erlebt. Ostia aber mit seinen Stränden und Pinienwäldern, ist eine passend schöne Kulisse für die Tragik des Sommers, für Nostalgie, für die 1990er-Jahre mit ihren tragbaren Kassettenrekordern und Skateboards. Am Ende eskaliert die Geschichte dann, die Paulina Spiechowicz in ihrem Debüt erzählt. Die Frage, ob das hätte sein müssen, geht einem lange nach.
Paulina Spiechowicz, „Wenn alles brennt“. Roman. Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler. Folio Verlag, 240 Seiten, 25 Euro.
