
Die Paralympics feiern Jubiläum: 50 Jahre Winterspiele. 50 Jahre, in denen auf Eis und Schnee Mut, Entschlossenheit, Inspiration und Gleichheit vermittelt werden sollen, Werte, für die das Internationale Paralympische Komitee (IPC) stehen will. Doch wenn ab Samstag in Italien mehr als 600 Para-Athleten aus 56 Nationen unter dem Banner dieser Werte gegeneinander antreten werden, ist es auch an der Zeit, an einen anderen Stichtag zu erinnern: den 24. Februar 2024, die Entfesslung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.
Vier Jahre, gekennzeichnet von Zerstörung, Plünderung, Folter und Mord durch russische Streitkräfte, begonnen wenige Tage vor den Winter-Paralympics in Peking. Und rund vier Jahre nach diesem Bruch des olympischen Friedens kann sich Russlands Präsident Wladimir Putin über ein Geschenk freuen: die Teilnahme seiner Para-Athleten auf der größten Bühne des Behindertensports mit Hymne und Flagge. Überreicht wird dieses Präsent durch das IPC, das seine Entscheidung verpackt hat in der Botschaft, das Ganze sei ein Beitrag „zur Entwicklung der internationalen paralympischen Bewegung und ein Beispiel dafür, dass die Rechte von Athleten ohne Diskriminierung aufgrund von Nationalität und politischer Zugehörigkeit geschützt werden müssen“.
Kriegerischer Aggression Paroli bieten
Wer diese Linie teilt und darauf pocht, (Para-)Sport und Politik seien im Falle Russlands zu trennen, verkennt die Realität. Russland hat hartnäckig auf der politischen Bühne für diese Rückkehr gekämpft und versteht auch den Para-Sport als wichtiges Propaganda-Instrument. Auch Events mit Para-Athleten verstärken die Durchhalteparolen für den Invasionskrieg gegen die Ukraine, der weiterhin für Nachschub an versehrten Teilnehmern sorgen wird. Und auf der internationalen Bühne wird jeder Medaillengewinn der Welt Russlands Stärke und Macht vorhalten. Steht der russische Para-Sport fernab der Politik? Mitnichten. Das Großprojekt des Russischen Paralympischen Komitees „Wir sind zusammen. Sport“ hat Hunderte Veteranen der russischen Invasion gefördert – Menschen, die aktiv am unsäglichen Leid der ukrainischen Bevölkerung beteiligt waren und nun Kaderplätze im Para-Sport erhalten.
Angesichts dieser Entwicklungen darf die Para-Sportwelt, die ein Selbstverständnis für politischen und gesellschaftlichen Wandel im Dienste eines friedlichen Miteinanders propagiert, nicht stumm zuschauen, sondern muss kriegerischer Aggression Paroli bieten.
Eine Handvoll Länder – etwa Polen, die Niederlande und nach zu langem Zögern auch Deutschland – haben sich aus Solidarität mit der Ukraine, die Deutschen auch mit Verweis auf Mut und Entschlossenheit, zum Boykott der Eröffnungsfeier der Paralympics entschlossen. Es ist zumindest ein kleines Zeichen des Widerstands. Doch es bedarf weitaus mehr.
Denn während der Bruch des olympischen Friedens vor vier Jahren eine laute Welle von Auflehnung nach sich zog, die bis heute nachhallt, ist so etwas im Falle des Angriffs der USA und Israels auf Iran nicht zu erkennen. Die Kriege unterscheiden sich durchaus in vielen Bereichen. Tatsache ist, dass der Welt auch vor Beginn dieser Paralympics ein Krieg aufgezwungen wurde, in dem schon jetzt viele Zivilisten gestorben sind und der für noch mehr Versehrte sorgt und sorgen wird. Das IPC sieht das und bleibt still. 1976 wurden in Schweden die ersten Winter-Paralympics eröffnet. 50 Jahre Winter-Paralympics sollten eine positive Botschaft in die Welt tragen. Doch diese droht unterzugehen, wenn Trump und Putin mitfeiern dürfen und zugleich Tod und Zerstörung zelebrieren.
