Von Bertolt Brecht heißt es, er habe auf die Frage nach dem Buch, das ihn im Leben am meisten beeindruckt habe, die Bibel genannt. Als Dramatiker erkannte er eben eine starke Geschichte, wenn er eine sah, sowenig er als Marxist und Atheist wohl mit ihrem religiösen Gehalt anfangen wollte. Aber tatsächlich, immer wenn die hohen christlichen Feiertage näher rücken, Weihnachten und Ostern, mögen auch Glaubensferne darüber nachsinnen – oder inzwischen Kirchenferne sich wieder daran erinnern –, was das eigentlich für eine Erzählung ist, von der dann in den Gotteshäusern die Rede ist. Eine Erzählung über eine Geburt und einen Tod, welche die ihr innewohnende Botschaft so ingeniös transportiert und eine derartige missionarische Wucht entfaltet hat, dass ein staubiger Außenposten des Römischen Reichs der Ausgangspunkt einer Weltreligion wurde.
Eine der zahllosen Verfilmungen des Neuen Testaments, des Lebens Jesu von Bethlehem bis Golgota, führt die Kraft des Narrativen schon im Titel: „Die größte Geschichte aller Zeiten“, im Original „The Greatest Story Ever Told“, war ein amerikanischer Monumentalfilm von 1965 mit dem schwedischen Schauspieler Max von Sydow in der Hauptrolle, von dessen Auftritt dort vor allem die unglaublich blauen Augen in Erinnerung bleiben dürften.
Natürlich folgte das 199 Minuten lange Werk den Evangelien, die unmittelbare Vorlage jedoch war – auf dem Umweg über sechs Dreißigminüter fürs Radio – der Roman eines Redakteurs der amerikanischen Zeitschrift „Reader’s Digest“, und deren Geschäftsmodell bestand ja darin, Bücher gekürzt und auf die wesentlichen Handlungsstränge komprimiert unters Volk zu bringen.
Jesus wählt in Predigten oft das Minidrama des Gleichnisses
Hier also war offenbar jemand am Werk, der es verstand, eine umfängliche Geschichte volkstauglich zu machen. Nun, da Filme in Kino und Fernsehen wegen ihres verführerischen Vermögens, die Realität nachzuahmen, zur dominanten Kunst unserer Zeit geworden sind, von Millionen rezipiert und auf allen Kanälen debattiert, und Serien die Sehgewohnheiten prägen, fallen einem die narrativen Strategien der Bibel umso mehr ins Auge. Ist man erst einmal dafür sensibilisiert, sieht man die erzählerischen Techniken, die im 1. Jahrhundert offenbar ebenso verfingen, wie sie es heutzutage bei dem Streamingdienst HBO tun, an allen Ecken und Enden.
Dass Erzählungen gerade bei der Verbreitung einer Religion so effektiv sind, liegt daran, dass sie intuitiv verständlich sind; sie verflüssigen Abstraktes, indem sie Haltungen auf Figuren und Handlung herunterbrechen und zur Identifikation einladen. Im Übrigen beherrscht niemand die narrative Kunst besser als Jesus, der in Predigten oft die erzählökonomisch knappste Form wählt, das Minidrama des Gleichnisses.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Man muss den Vergleich ja nicht zu weit treiben, aber es ist zum Beispiel schon auffällig, dass der Beginn der greatest story ever told, die Weihnachtsgeschichte, ein ums andere Mal eine Art Was-bisher-Geschah präsentiert, wie es heutigen Freunden des streaming und binging vertraut ist.
Immer wieder ist in den Evangelien davon die Rede, das erzählte Geschehen um das Kind im Stall sei die Erfüllung einer früheren Prophezeiung, sozusagen die Fortsetzung einer früheren Staffel. „Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat“, heißt es im Matthäusevangelium der (aktuellen) Lutherbibel. Und dann die Details der Handlung! Das Göttliche kommt in die Welt in Gestalt eines Kindes, das – wie man heute sagen würde – prekären Verhältnissen und einer unkonventionellen Familienstruktur entstammt, von der sehr reellen mörderischen Bedrohung durch die Besatzungsmacht ganz zu schweigen. Es ist der ideale erzählerische Auftakt und das ideale Sinnbild für eine Religion, welche Nächstenliebe und Barmherzigkeit lehren wollte und den Advent eines Reichs Gottes versprach, und das einer Leserschaft, die unter der Fremdherrschaft der Römer und den Härten einer Klassengesellschaft ächzte.
Am Ende der Erfolgsgeschichte, dessen Christen in diesen Tagen gedenken, ist aus dem schutzlosen Kind der geschundene Mann am Kreuz geworden. Die Passion sei „das zentrale Narrativ der Geschichte des Christentums“, schrieb der amerikanische Neutestamentler Raymond Brown. Jesus macht das ganz große Versprechen der Religion – dass der Tod nicht das Ende ist – durch seine Person anschaulich. Und damit die Kreuzigung als stellvertretendes Opfer für die Sünden der Menschheit theologisch plausibel wird, muss dieser Opfergang demonstrativ und drastisch ausfallen.
Der Verräter kommt aus dem inneren Kreis
Bevor es tatsächlich dazu kommt, fällt ein systematisches foreshadowing auf, wie Literaturexperten sagen würden, eine in diesem Fall sehr deutliche Vorschau auf die folgenden Episoden, wenn Sie so wollen. Bezeichnenderweise erfolgt diese nicht durch ein allwissendes voice-over wie im Kino, sondern durch die zentrale Gestalt der Geschichte selbst: Jesus. Denn kaum haben er und die Jünger sich zu dem gesetzt, was sich als das letzte Abendmahl erweisen wird, kündigt er an: „Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.“ Womit zugleich klar ist: Der Verräter wird kein Unbeteiligter sein, sondern einer aus dem inneren Kreis.
Man müsste fast sagen: Dass angekündigt wird, wie die Geschichte weitergeht, nimmt ihr ein wenig die dramatische Spannung – nur dass somit das Augenmerk umso kräftiger auf das Glaubensdrama unter den Jüngern gelenkt wird. Denn, wie Matthäus sagt, „sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln zu ihm zu sagen: Herr, bin ich’s?“ Auch die Loyalisten kennen also offenbar den Zweifel; sie sind sich ihrer eigenen Loyalität nicht gewiss. Dass Judas die Frage ebenfalls stellt, ist natürlich Heuchelei; der Deal, den er mit den Hohepriestern gemacht hat, Jesus für 30 Silberstücke auszuliefern, ist da schon erzählt. Und Jesus outet ihn ja: „Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten.“ Aber Jesus ist jemand, der seine Mission kennt, und die Einsamkeit des Weges, den er gehen muss, und seine stille Entschlossenheit wird in vielen Episoden betont. Bei Johannes sagt er zu seinem Verräter: „Was du tust, das tue bald!“
Petrus, der Angeber, und der Moment der Schwäche
Aber es ist so eine Sache mit dem Verrat. Es gibt den großen wie bei Judas, und es gibt den kleinen. Ausgerechnet Petrus, in der Gruppe um Jesus ja offenbar so etwas wie der Zweite Mann, erlebt in seinem Bekenntnis einen eklatanten Moment der Schwäche. Während die Jünger sich beim Abendmahl selbst prüfen, ob sie nicht am Ende jener Verräter sein werden, den Jesus angekündigt hat, erhebt Petrus sich über die übrigen: „Wenn sich auch alle an dir ärgern, so will ich doch mich niemals ärgern“, sagt er und klingt wie ein Angeber. Jesus antwortet: „In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Petrus eskaliert sein Versprechen noch: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen.“ Doch genau das tut er später, als er im Hof des Hohepriesters als einer der Wegbegleiter von Jesus erkannt wird: „Ich kenne den Menschen nicht“, insistiert er, und das ist auch eine Art Verrat. Und eine Warnung vor dem Hochmut für jeden Jünger jedweder Religion.

Man liebt den Verrat, aber hasst den Verräter, sagt man. Die Causa Judas hat eine schier unendliche Geschichte von Wertungen und Wirkungen erlebt, was nicht zuletzt mit dem großartigen Bild von dem Kuss zu tun hat, mit dem er Jesus schließlich für die Häscher identifiziert: Welch ein einprägsam paradoxes Gleichnis für den emotionalen Verrat! In den Evangelien, die ihn recht eindimensional als den geldgierigen Übeltäter schildern, hat Judas eine schlechte Presse; bei Matthäus sagt Jesus: „Wehe dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.“ Will man ihm wenigstens eine Chance auf eine halbwegs faire Bewertung geben, muss man ihn sozusagen den Evangelien entreißen und ihn anders als diese mit kühlem Blick lesen, als Figur mit einer bestimmten Funktion im Konstrukt einer Geschichte. Man wird ihn dann als tragisch sehen müssen, weil er eigentlich keine Wahl hat, und seinen Verrat als notwendige Voraussetzung für das Heilsgeschehen. Wie das brave „Konradsblatt“, die katholische Bistumszeitung für die Erzdiözese Freiburg, vor einiger Zeit schrieb: „Einer musste es tun. Jesus und Judas gehören zusammen – der Verräter liegt im Werkzeugkasten des Heils.“
Eine Legende über Leonardos „Letztes Abendmahl“
Es gibt eine vielsagende Legende über die Entstehung von Leonardo da Vincis berühmtem Wandgemälde „Das letzte Abendmahl“, die der Judas-Erzählung noch einen letzten plot twist verpasst. Diese Legende wird immer wieder zitiert, oft mit Unterschieden in den Details, ihr genauer Ursprung liegt im Dunkeln. Sie widerspricht den gesicherten historischen Fakten, wie sie überhaupt eher der moralisch reduktionistischen Erbauungsliteratur zugehört: Als Leonardo Ende des 15. Jahrhunderts das ambitionierte Werk im Speisesaal des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand anging, sucht er auf den Straßen der Stadt nach Modellen für die Gesichter von Jesus und seinen zwölf Gefährten. Schließlich fehlten nur noch zwei.
Für die Lichtgestalt Jesus fand sich schließlich doch noch eine überzeugende Mailänder Physiognomie, aber Judas blieb noch jahrelang eine Leerstelle. Als Leonardo sich anschickt, diese zu schließen, und glücklich einen passenden Mailänder entdeckt, mit dessen zerquälten Gesichtszügen er seinen Judas nun ausstatten kann, sagt ihm sein Modell: Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt; ich habe dir vor langer Zeit schon einmal Modell gesessen. „Und er zeigt auf die lichte Gestalt Jesu in der Tischgruppe“ – so der narrative Clou der Legende, wie das tapfere „Konradsblatt““ ihn präsentiert. Ein Schock: Das Gesicht des Verräters und des Erlösers sind identisch.
Man sieht hier abermals, das Judas-Problem ist eines der dunkelsten und theologisch komplexesten Themen des Neuen Testaments und darüber hinaus einer der Brennpunkte der christlichen Erzählung, an der sich viele Begriffe abarbeiten lassen: Sünde, Schuld, Freiheit, Gnade, die Frage nach Heil und Verlorenheit, die Spannung zwischen menschlicher Verantwortung und göttlichem Plan. Um nur einige zu nennen.
Das Narrativ der Passion in der Perspektive von Judas bietet keinen einfachen Ausgang. Der Kreis der Vertrauten um Jesus ist eine brüchige Gemeinschaft, deren menschliche Fehlerquote deutlich über null liegt. Doch während dem kleinen Streber Petrus vergeben und er zum Grundstein der Kirche ausersehen wird, mutiert der große Verräter Judas im Laufe der Kirchengeschichte zum idealtypischen Bösewicht und Sündenbock.
Aber immerhin: Er geht seinen Weg konsequent ins Tragische. Aus seinem Zweifel wird Reue, zuletzt Verzweiflung: „Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die 30 Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe gesündigt, unschuldiges Blut habe ich verraten. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging davon und erhängte sich.“
Also keine Hoffnung für Judas? „Wenn ich Jesus Christus wäre, würde ich Judas retten“, ist ein Satz, der Victor Hugo zugeschrieben wird. Vielleicht findet sich irgendwo ein Funke Mitgefühl für den Antihelden und Verständnis für seine tragische Verstrickung in die Komplexität des Lebens. Letztlich war Judas Ischariot auch nur einer von uns.
