Als Frankreich überraschend den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2030 erhielt, war vor allem Präsident Emmanuel Macron begeistert. „Sie können uns vertrauen. Wir werden da sein“, sagte der Franzose und fügte hinzu. „Warum? Weil wir die Olympischen Spiele lieben.“ Doch von Liebe für die Winterspiele ist in der Bevölkerung bislang wenig zu spüren. Überall in den französischen Alpen, von den Hochsavoyen bis an die Seealpen, laufen Umweltverbände und Bürgervereine gegen die Planungsvorhaben Sturm. Viele Bürger fühlen sich überrumpelt. Tatsächlich wurde erst spät, im Juli 2024 beschlossen, dass Frankreich vom 1. bis 17. Februar 2030 die Winterspiele ausrichten darf.
Das höchste Verwaltungsgericht, der Conseil d’État, hat jetzt ein Machtwort gesprochen. In einem Urteil vom 3. April verweigern die hohen Verwaltungsrichter eine öffentliche Debatte über die Bauvorhaben, wie sie von den Klägern gefordert worden war. Das Bürgerkollektiv JOP 2030 hatte unter Berufung auf die Umweltcharta in der französischen Verfassung verlangt, Einsicht in die Bauprojekte zu erhalten, um darüber debattieren zu können. Die Kläger befürchten irreversible Schäden der ohnehin gefährdeten Alpenflora und -fauna. Auch der erwartete Wasser- und Energieverbrauch stößt auf Kritik.

Doch das höchste Verwaltungsgericht urteilte, eine umfassende öffentliche Konsultation sei nicht notwendig. Sportministerin Marina Ferrari begrüßte die Entscheidung, da sie „unverzichtbare Rechtsklarheit“ schaffe und erlaube, die Baufristen bis 2030 einzuhalten. Das Bürgerkollektiv beklagt hingegen Demokratieverweigerung. „Mit diesem Urteil wird den Bürgern der Mund geknebelt. Es ist ein schwerer Schlag gegen die partizipative Demokratie“, sagte Delphine Larat, Mitbegründerin des Bürgerkollektivs JOP 2030
Ein Gerangel zwischen den Regionen
Auch vor der Entscheidung zur Ausrichtung der vierten Olympischen Winterspiele auf französischem Boden haben keine Bürgerabstimmungen stattgefunden. Nach den Austragungsorten in Chamonix (1924), Grenoble (1968) und Albertville (1992) sollen die Wettbewerbe in vier Jahren über zwei Regionen verteilt stattfinden. Das führt zu Gerangel zwischen der Mittelmeerregion Provence-Alpes-Côte d’Azur (Paca) und der Alpenregion Auvergne-Rhône-Alpes. Die Entfernungen zwischen den Austragungsorten erschweren zudem die Planungen.

Derzeit belastet ein Machtkampf zwischen dem neuen Bürgermeister von Nizza, Éric Ciotti, und dem Präsidenten der Mittelmeerregion Paca, Renaud Muselier, die Vorbereitungen. Die ehemaligen Parteifreunde bekriegen sich in den Medien, denn Ciotti hat nach seinem Wahlsieg Ende März bereits beschlossene Planungen über Bord geworfen.
Nizza soll Austragungsort für Eiskunstlauf, Eishockey, Curling und Short Track sein und ein Olympisches Dorf sowie ein Medienzentrum beherbergen. Das aktuelle Projekt sieht vor, das Fußballstadion der Allianz Riviera vorübergehend für Eishockey zu überdachen und daneben eine Eishalle sowie das Olympische Dorf zu bauen. Doch Ciotti hat den „finanziellen Wahnsinn“ der Pläne beklagt und einen Alternativvorschlag vorgelegt. Laut Schätzungen würden sich die Kosten für den Umbau der Allianz Riviera, die Entschädigung des Konzessionsnehmers und für die Neubauten auf 266 Millionen Euro belaufen.
Auf dem Niveau einer „Juniorenweltmeisterschaft“?
Für Ciotti ist es nicht zumutbar, dass der lokale Fußballclub OGC Nizza für mehrere Monate auf sein Stadion verzichten muss. Der neue Bürgermeister schlägt stattdessen vor, die bestehende Jean-Bouin-Eishalle zu renovieren und die städtische Messehalle in einen modernen Sportpalast umzuwandeln, der zur ständigen Heimat der lokalen Eishockeymannschaft Aigles de Nice werden könnte. Zudem schwebt Ciotti vor, kein neues Athletendorf zu bauen, sondern die frühere Polizeikaserne Auvare für die Sportler zu renovieren.
Nach 2030 könne das Gebäude dann in ein Studentenwohnheim umgewandelt werden. „Das Alternativmodell wurde am Schreibtisch zusammengebastelt und entspricht in keiner Weise den internationalen Kriterien“, kritisierte Regionalratspräsident Muselier. Ciottis Vorschläge seien auf dem Niveau einer „Juniorenweltmeisterschaft“, so Muselier.
Aber die Zeit drängt. Am 15. Mai tagt die Vergabekommission, bis dahin müssen sich die Akteure auch in Nizza geeinigt haben. Der Präsident des olympischen Organisationskomitees, der ehemalige Freestyle-Skifahrer Edgar Grospiron (Spezialität: Buckelpisten) ist durch andauernde Personalquerelen geschwächt. Eine Rücktrittsserie hat das Organisationskomitee erschüttert. Nach dem Ausscheiden von drei Führungskräften hat auch Generaldirektor Cyril Linette wegen „unüberwindbarer Meinungsverschiedenheiten” mit Grospiron aufgegeben.
Der ehemalige Leiter der Sportredaktion bei Canal Plus und Generaldirektor der Sportzeitung „L’Équipe“ galt als gewiefter Organisator. In der verzweifelten Lage nach dem Rücktritt Linettes wurde Präfekt Michel Cadot aus dem Ruhestand geholt und mit der Interimsleitung beauftragt. Cadot trug maßgeblich zum Erfolg der Olympischen Sommerspiele 2024 bei.
Grospiron hat eingestanden, dass „Alarmstufe Rot“ herrsche. Einen Rücktritt, über den in der Presse spekuliert wurde, schließt er aber aus. Die offizielle Karte mit den Austragungsorten der Wettkämpfe ist indessen noch immer nicht veröffentlicht. Die Zweifel, ob die Organisatoren die Fristen einhalten können, wachsen täglich.
