Es gibt dieses Bild von den beiden. Sarah Schleper-Gaxiola hebt die linke Faust in die Luft, im anderen Arm hält sie ihren Sohn. Sie trägt ein braunes Kleid, an ihren blauen Helm hat sie eine Blume gesteckt. Der Sohn grinst, das kleine Gesicht hinter der giftgrünen Skibrille versteckt. Sie hat unterwegs angehalten, um ihn aufzugabeln. Das Bild stammt von ihrem Abschied aus dem Skiweltcup 2011. Etwa 15 Jahre später stehen beide auf Skiern – bei den Olympischen Winterspielen.
Als die Läuferin mit Startnummer 43 beim Super-G in Cortina d’Ampezzo das Ziel erreicht, breitet sie die Arme aus, reckt die Fäuste in die Luft, stößt einen Jubelschrei aus. Knapp acht Sekunden Rückstand auf Siegerin Federica Brignone – Rang 26 und somit die Letzte im Klassement des olympischen Teilnehmerfelds. Aber Sarah Schleper-Gaxiola war kurz vor ihrem 47. Geburtstag auf diesem schwierigen Hang bewusst kein Risiko eingegangen. Sie fuhr schöne, runde Schwünge, sie wollte ankommen.
„Es war ein Ziel, das wir schon seit vielen Jahren hatten“
Egal, wie die Rennen ausgehen: Sarah Schleper-Gaxiola und Lasse Gaxiola haben schon jetzt Olympia-Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal tritt ein Mutter-Sohn-Duo bei Winterspielen an. „Es war ein Ziel, das wir schon seit vielen Jahren hatten“, sagte Schleper über den gemeinsamen Olympia-Start in Norditalien. „Sehr emotional“ sei es für beide, dass es nun Wirklichkeit wurde – wenn auch auf unterschiedlichen Pisten.
Und das, obwohl Schleper-Gaxiola ihre Karriere schon beendet hatte. Knapp 15 Jahre zuvor hatte die aus Vail in Colorado stammende Skirennläuferin mit ihrer originellen Tour beim Slalom in Lienz ihren Abschied zelebriert. Es war Ende Dezember.
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Das offene Sommerkleidchen hatte ihr ihre amerikanische Teamkollegin Resi Stiegler geliehen. Darunter trug sie einen Bikini von Julia Mancuso. „Die Mädels haben immer gescherzt: ‚Du musst dein letztes Rennen nackt fahren!‘“, erinnerte sich Sarah Schleper-Gaxiola an die lustige Zeit. „Weil sie wussten, dass ich ein bisschen verrückt bin.“ So verrückt war sie dann doch nicht.
In Bormio stößt sich ihr Sohn Lasse Gaxiola oben ab. Mittlerweile ist er 18 Jahre alt. Er trägt die Nummer 64 von 81 Startern beim Riesenslalom. Er gleitet von Tor zu Tor, seine Ski ruckeln dabei über die unebene Piste. Sein Skianzug ist schwarz-weiß, Zebra-Look. Schwung für Schwung geht es weiter hinab. Auf den letzten Metern macht er sich klein. Er winkt dem Publikum zu.
„Ich hatte so viel Spaß am Skifahren“
Mit vier Jahren hat Gaxiola mit dem Skifahren angefangen. Beigebracht hat es ihm seine Mutter, die ihn nach der norwegischen Skilegende Lasse Kjus benannt hat. „Ich hatte so viel Spaß am Skifahren, dass ich immer weitergemacht habe“, sagt Gaxiola. Aber niemand hatte geplant, dass er einmal professioneller Skirennläufer werden würde, vor allem nicht er selbst. Er wisse noch gar nicht, wie seine Zukunft aussehen soll.
Vor dem Start sei er nervös gewesen, erzählt er nach dem Rennen. Seine Mutter schrieb ihm eine Nachricht: „Nimm einen tiefen Atemzug und schaff es bis unten.“ Schleper-Gaxiola arbeitet schon lange mit Atemtechniken und hat die auch ihrem Sohn beigebracht, er hat sie in sein Skifahren integriert. „Das hilft mir, runterzukommen“, sagt er. In der Nacht sei er trotzdem um vier Uhr aufgewacht.

In Bormio konnte er den Rat seiner Mutter umsetzen und schaffte es nach unten – auch wenn die Piste uneben war und er in seinem Leben noch nie so eine lange Strecke gefahren ist. „Meine Beine haben gebrannt“, sagt er. Trotzdem konnte er in beiden Durchgängen bis unten den Fokus halten. Er erzielt den 53. Rang mit gut 23 Sekunden Rückstand auf den Olympiasieger.
Sarah Schleper heiratete 2007 den Mexikaner Federico Gaxiola. Seit 2014 ist sie mexikanische Staatsbürgerin – das erleichterte der ehemaligen Top-Ten-Fahrerin, die vor allem auf Slalom spezialisiert war und sogar einen Weltcup-Sieg erzielte, die Rückkehr auf die größere Skibühne. Cortina sind bereits ihre siebten Winterspiele. Von Nagano 1998 bis Vancouver 2010 startete sie ambitioniert für Team USA, ein 10. Platz im Slalom von Sestrière 2006 war ihr bestes olympisches Resultat.
In Pyeongchang 2018 gab sie ihr Comeback, erstmalig als Mexikanerin – Platz 41 im Super-G. Seitdem verfolgt sie das Ziel, ihrem neuen Heimatland die Schönheiten des Wintersports nahezubringen. Eine schöne, wenn auch keine leichte Aufgabe: „Ich repräsentiere ein wunderschönes Land, das nicht unbedingt für Wintersport bekannt ist.“ Sohn Lasse konnte sie zumindest mit ihrer Ski-Begeisterung anstecken.
Er liebt es, allein in den Bergen von Colorado Ski zu fahren. „Ich bin dann ganz bei mir selbst, das ist ein spezielles Gefühl“, sagt er. Schon in seiner Kindheit hat ihn das am meisten begeistert. Er erinnert sich, wie er mit Freunden zusammen Ski fuhr. Dann fing er an, an Skirennen teilzunehmen. „Und dann ist es irgendwie passiert, dass ich gut genug war.“ Ihr Sohn scheint damit zu hadern, ob der Weg seiner Mutter auch seiner ist.

Bei der Eröffnungsfeier am vergangenen Freitag trug Sarah Schleper die mexikanische Fahne – als bekannteste der nur fünf mexikanischen Wintersportler. Ihr Programm in Cortina ist ambitioniert. Am Sonntag absolvierte sie den Riesenslalom – souverän im Skilehrerstil. Am Mittwoch startet sie noch im Slalom. „Sie hat eine wirklich positive Energie“, sagt ihr Sohn über sie.
Auch er geht an diesem Montag (10.00 Uhr und 13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) noch einmal im Slalom an den Start. Danach wird er als Erstes seine Mutter anrufen und sein Rennen mit ihr besprechen. Denn an Erfahrung hat sie ihm einiges voraus. „Ich denke, ich fahre immer noch ziemlich gut Ski“, sagt Sarah Schleper über ihr Leistungsvermögen. Und auch sonst fühle sie sich gut: „Meine Haare sind etwas grau, das ist alles.“
