Die beiden sitzen nebeneinander in der Pressekonferenz. Eileen Gu, Silbermedaillengewinnerin, lächelt, legt immer wieder leicht den Kopf schräg und findet auf jede Frage die perfekte Antwort. Mathilde Gremaud, Goldmedaillengewinnerin, sieht erschöpft aus, die Mütze sitzt locker auf ihrem Kopf, und sie überlegt kurz, bevor sie eine Antwort gibt. Vielleicht wäre sie gerade gerne woanders, bei ihrer Familie, bei ihren Freunden, den Menschen, die sie unterstützen.
Es ist ohnehin verrückt, was für einen Marsch Olympiasieger nach ihrem Sieg vor sich haben. Sie müssen an zahlreichen Fernsehkameras vorbei, dann durch einen abgesperrten Bereich, die Mixed Zone, und noch mehr Fragen beantworten. Am Ende kommt dann die Pressekonferenz. Vor diesem Marsch oder danach bleibt Zeit, sich zu freuen.
Gu ist die bestbezahlte Sportlerin bei den Spielen
Eine Stunde zuvor sind beide noch durch den Slopestyle-Parcours geflogen. Sie sind über Rails gefahren, haben sich in der Luft überschlagen, Salti gezeigt, ihre Ski überkreuzt und sind sanft auf dem abschüssigen Hügel gelandet.
Beide sind Meisterinnen in ihrem Sport – und doch könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Gu ist bei diesen Spielen die bestbezahlte Sportlerin. Laut „Forbes“ verdient sie 23 Millionen Dollar im Jahr. Sie ist nicht nur Sportlerin, sondern auch Influencerin, Model, studiert in Stanford. Und sie weiß, wie sie sich präsentieren muss.
Gremaud war schon als Kind ein Bewegungstalent, ist sehr heimatverbunden und lädt ihre Kräfte bei ihrer Familie im Schweizer Dorf La Roche auf. Ihr Vater ist Postbote, ihre Mutter Polizistin. Ihr ist anzusehen, wie wohl sie sich gerade fühlt. Sie versucht, das nicht „drinnen“ zu halten, sagt sie.
Nach ihrem zweiten Run rennt Mathilde Gremaud zu ihrem Trainer Dominik Furrer. Er hebt sie hoch, und sie umarmen sich. Davor hatte Gremaud „Oh my god, oh my god“, in eine Fernsehkamera gesagt und war hin und her getippelt. Dann zeigte der Bildschirm 86,98 Punkten an. Ein perfekter Run und die Führung. Sie ist damit besser als Eileen Gu mit 86,58 Punkten.

Nun noch den letzten Run abwarten. Eileen Gu stürzt ganz oben. Unten rufen die Fans trotzdem weiter: „Ailing, Ailing“, wie sie in China genannt wird, das Land, für das sie startet. Sie fährt weiter, springt über die letzten Schanzen und nimmt dabei jedes Mal ihre Beine auseinander. Da weiß Mathilde Gremaud, die noch ihren letzten Run vor sich hat, dass sie Olympiasiegerin ist. Sie fährt oben los, springt in die Luft, nimmt beide Ski zur rechten Seite, macht eine kleine Drehung. Und nimmt dann auch bei jeder Schanze ihre Ski auseinander, ein letzter Funrun.
Brisanter Trainerwechsel
Gremaud ist schon in Peking Olympiasiegerin im Slopestyle geworden. Und diesen Titel wollte sie unbedingt verteidigen. Und zwar gegen Eileen Gu. In China hat sie Gold im Big Air und in der Halfpipe gewonnen. Spätestens da stieg sie zum internationalen Star auf.
Über die Jahre wuchs die Rivalität zwischen den beiden mehr und mehr. Das hat einen gewissen Geschmack, wenn man bedenkt, dass der Trainer von Gremaud zwei Mal kurz vor den Olympischen Spielen zu Eileen Gu wechselte. Erst vor Peking und nun vor den Spielen in Mailand. Misra Noto ist einer der Besten seines Fachs und hatte erst vor der Saison wieder mit Mathilde Gremaud zusammengefunden. Doch noch einmal wird es dazu nicht kommen. „Zwei Mal ist genug“, hatte Gremaud vor den Spielen gesagt.
Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystem und teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.
Der plötzliche Wechsel hatte bei ihr einiges an Druck erzeugt. Ohnehin ist Gremaud eine Athletin, die sich verletzlich zeigt. Immer wieder sprach sie darüber, dass sie zum Ende einer Saison in ein Loch falle. Mit ihrer mentalen Gesundheit beschäftigte sie sich erstmals nach den ersten Olympischen Spielen 2018, als sie in Pyeongchang Silber im Slopestyle gewann. „Je näher ich meinen Zielen gekommen bin, desto schwieriger wurde es“, sagte Gremaud danach.
Als sie in Livigno in der Mixed Zone steht und die Sonne langsam untergeht, spricht sie wieder über die Hochs und Tiefs, die sie begleiten. Der Sport gebe einem viele positive Emotionen. Und doch ziehe er Energie. Sie wolle gerne hier sein, alle Fragen beantworten, lächeln, aber das sei nicht nur einfach. „Ich will ehrlich und authentisch sein und zeigen, wenn ich nicht okay bin“, sagt sie.
„Wir haben eine große Rivalität“
Ein paar Meter weiter nickt Eileen Gu in die Kamera, lächelt und spricht darüber, wie glücklich es sie mache, auch nur ein Mädchen von ihrem Sport zu begeistern. Und darüber, wie froh sie sei, dieses hohe Niveau bei dem Wettbewerb zu sehen, wie toll der Sport sich entwickelt habe. Ihr Auftreten ist professionell, ihre Mimik durchorchestriert. Niemand ist perfekt, und doch macht Gu häufig einen ziemlich perfekten Eindruck.
Wie ist es, sie als Konkurrentin zu haben? Gremaud sagt: „Wir haben eine große Rivalität.“ Sie ist enger mit den anderen Athletinnen befreundet. Und Eileen Gu, die fährt in ihrer eigenen Sphäre. „Ich weiß, dass sie nicht aufgibt. Sie ist immer hier, sie gibt nicht auf, und sie landet immer“, sagt Gremaud. Das nehme Platz in ihrem Kopf ein. Trotzdem versuche sie, bei sich zu bleiben.
Wenn sie vor dem Run oben steht, konzentriert sie sich auf ihre Skischuhe, erzählt sie. Auf jeden Teil ihres Körpers. Sie versucht, den Schnee unter sich zu spüren und Energie aus dem Moment zu gewinnen. Das hat funktioniert. Drei Mal fliegt sie in die Luft. Jedes Mal macht sie zwei Salti und kombiniert die mit dreieinhalb Rotationen um die eigene Achse. Am Ende landet sie perfekt auf beiden Ski. Gremaud sagt: Dieser Moment habe sich angefühlt wie eine Befreiung.
