
Wenn man die Skirennläufer in Bormio fragt, ob sie es schon zu anderen Wettkämpfen geschafft haben, ist die Antwort meist: „Nein.“ Kein Eiskunstlauf in Mailand? Oder wenigstens ein Snowboard-Wettbewerb in Livigno? Weder noch. Immer hört man das gleiche, ob man Marco Odermatt fragt oder Franjo von Allmen: Die Stimmung fühle sich an wie bei einem Weltcup, ein Olympia-Flair komme nicht auf.
Die deutschen Skirennläufer sehen es ähnlich. Anton Grammel sprach sogar davon, dass es nicht einmal einer der bestorganisierten Weltcups sei. Ein kritischer Wink ans Internationale Olympische Komitee (IOC). Das Urteil vom Cheftrainer der Männer, Christian Schwaiger, fiel noch härter aus. Er sagte: Olympia ist ein Stück verloren gegangen.
Es gibt kein Olympisches Dorf in Bormio
Woher kommt diese Lakonie der Skifahrer? Zuerst muss man erklären: In Bormio sind die einzelnen Nationen auf verschiedene Hotels in der Stadt aufgeteilt. Es gibt kein olympisches Dorf. Während der Rennen strömen die Fans zu den Rennen und spazieren danach durch die Stadt. Am Abend sind die Skirennläufer wieder allein.
Ohnehin finden auf der Piste „Stelvio“ nur die Wettbewerbe der Männer statt. Parallel gibt es keine anderen Wettkämpfe. Nur die neue Sportart Skibergsteigen wird noch in Bormio ausgetragen. Aber erst, wenn die Skirennläufer längst abgereist sind.
Medaillen für AIN werden im Medaillenspiegel nicht aufgeführt. Aufgrund der Dopingmanipulationen, eines in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystems und der teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.
Das, was Olympia ausmacht, bleibt dabei auf der verschneiten Strecke: der Austausch mit den anderen Athleten. Das Staunen darüber, was andere Spezialisten können, die Faszination am Detail. Und wer könnte das besser würdigen als andere Sportler, die Menschen, die ebenfalls jahrelang auf diesen einen Moment hinarbeiten und wissen, wie sich diese Alles-oder-Nichts-Situation anfühlt.
Wie niemand sonst können sie Emotionen nachempfinden, sich mit anderen freuen, ihre Niedergeschlagenheit verstehen. Doch die Chance, sich nach dem eigenen Wettkampf anzuschauen, wie jemand anderes um Gold ringt, wird ihnen genommen. Und damit auch die Möglichkeit, den Blick zu weiten, die eigene Sportwelt zu verlassen, in etwas anderes einzutauchen.
Bei vielen kommt keine Olympiastimmung auf
Die Zerrissenheit der Spiele, die auf so viele Standorte verteilt sind, macht das oft unmöglich. Auch Biathleten zirkeln in Antholz allein im Kreis. Philipp Horn bedauerte, dass er keine anderen Disziplinen anschauen kann. Nicht nur die Skirennläufer fühlen sich wie bei einem Weltcup, auch die Biathleten empfinden so.
Im Snowpark in Livigno fällt das Urteil nicht viel anders aus. Bei der Snowboarderin Annika Morgan kam keine Olympiastimmung auf. Neben den Wettkämpfen der Snowboarder finden zwar Freestyle-Ski-Disziplinen statt, Athleten dieser beiden Sportarten treffen sich aber auch bei vielen anderen Wettbewerben in der Saison.
Insgesamt bleiben die einzelnen Sportarten bei diesen Spielen also eher unter sich. Dadurch gibt es keine durchfeierten Nächte mit anderen Sportlern, keine neuen Freunde, keine überraschenden Begegnungen. Dabei sollten die Spiele doch genau dafür die Möglichkeit schaffen. Erinnerungen kreieren, die über das Sportliche hinausgehen.
Doch die fünf Stunden Fahrt zwischen Bormio und Cortina d’Ampezzo oder die 368 Kilometer zwischen Mailand und Antholz kann selbst der olympische Spirit nicht überbrücken.
