Der letzte Anlauf von Wladyslaw Heraskewytsch auf eine Teilnahme am Skeleton-Wettbewerb bei diesen Olympischen Spielen begann am Freitagmorgen um kurz nach neun und endete mit der Bestätigung seines Ausschlusses um 17 Uhr. Die Ad-hoc-Kommission des Internationalen Sportschiedsgerichtes (CAS) wies den Einspruch des Ukrainers ab.
Er war am Donnerstag ausgeschlossen worden, weil er sich geweigert hatte, ohne seinen Helm zum Skeleton-Wettbewerb anzutreten, auf dem 22 getötete –krainische Sportler abgebildet sind. Den Ausschluss, das sagte Kirsty Coventry, die Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), auf einer Pressekonferenz am Freitag, hat die Internationale Bob- und Skeletonföderation IBSF ausgesprochen. Das IOC habe dafür gesorgt, dass Heraskewytsch seine Akkreditierung behalten darf, die Spiele nicht verlassen muss. Eine Arbeitsteilung, die verhindert, dass Coventry einen Sportler nach Hause schicken muss.
Auf welcher Rechtsgrundlage wurde entschieden?
Wladyslaw Heraskewytsch hatte auf seiner Pressekonferenz im Konsulat der Ukraine in Mailand am Donnerstagabend gesagt, er wisse nicht, auf welcher Rechtsgrundlage er ausgeschlossen worden sei. In dem mit „Decision“ („Entscheidung“) überschriebenen Dokument der IBSF wird nicht ausgeführt, ob Heraskewytsch mit dem Tragen des Helms im Wettkampf gegen Regel 50 der Olympischen Charta oder gegen Regel 40 derselben verstoßen hat.
Das Tragen des Helms, sagt das IOC, stehe nicht im Einklang mit der Charta und den Richtlinien für Aussagen von Sportlern bei Olympischen Spielen („Guidelines on Athlete Expression“), auf die in Regel 40.2 der Charta Bezug genommen wird. In der Pressemitteilung des CAS vom Freitagabend heißt es, Heraskewytschs Intention mit dem Helm zu starten, verletze die Richtlinien. Diese seien proportional.
Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystem und teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.
IOC-Sprecher Mark Adams hatte seit Mittwoch die Linie vertreten, ein Tragen des Helms verstoße gegen Regel 40 wegen Heraskewytschs zum Ausdruck gebrachter Intention der Erinnerung an verstorbene Sportler. Dass er Tage zuvor einen Bruch der Regel 50, die politische Meinungsäußerungen untersagt, angeführt habe, sei ein Fehler gewesen.
Die IOC-Präsidentin verstärkte Adams Behauptung am Freitag, als sie wiederholt auf die Richtlinien für Aussagen der Sportler verwies. Nach Informationen der F.A.Z. bezog sich das IOC in der CAS-Anhörung darauf, während der Ukrainer unter anderem erklärt haben soll, er sei für die „Ankündigung“, den Helm präsentieren zu wollen, disqualifiziert und vorher nicht verwarnt worden.
Bei Olympischen Spielen gilt mitnichten gleiches Recht für alle
Regel 40.2 sollte ursprünglich das Vermarktungsmonopol des IOC absichern. Sportlerinnen und Sportlern sollte untersagt werden, eigene Sponsoren im Umfeld der Olympischen Spiele zu bedienen. Rechtshistorisch hat diese Regel nichts mit Heraskewytschs Ansinnen zu tun.
Zudem hatte sich das IOC 2017 gegenüber dem Bundeskartellamt verpflichtet, die Regel auf deutsche Sportler nicht mehr anzuwenden, soweit Sanktionen im Sport betroffen sind. Hätte ein deutscher Sportler Heraskewytschs Helm getragen, hätte es schwierig werden können für das IOC, ihn vom Wettkampf auszuschließen. Gerade mit Regel 40 also gilt bei Olympischen Spielen mitnichten gleiches Recht für alle.

Unabhängig von der Entscheidung der CAS-Richterin Annett Rombach allerdings steht Heraskewytsch der Gang vor ordentliche Gerichte zu. Die Spiele werden in Italien ausgetragen, es gilt das Recht der Europäischen Union und damit europäisches Kartellrecht.
Welche juristischen Fragen ein Verfahren lange nach Ende der Spiele aufwerfen könnte, gehört zu den spannenderen Gedankenspielen dieser Tage. Europäische Gerichte hatten die von Monopoldenken und Besitzstandswahrung geprägte Sichtweise der Sportverbände in den vergangenen Jahren wiederholt und immer stärker hinterfragt.
Freiheitsmedaille vonPräsident Wolodymyr Selenskyj
Derweil hat die Disqualifikation längst konkrete Folgen: Heraskewytsch sagte am Donnerstagabend, es hätten weit mehr Augen die Menschen auf dem Helm gesehen, von ihrem Schicksal erfahren, als seine Läufe geschaut hätten, hätte er starten dürfen. In Deutschland führt die Debatte zu widersprüchlichen Haltungen im deutschen Sport. Der Deutsche Olympische Sportbund übernahm die Position des IOC. Athleten Deutschland kritisierte den Ausschluss scharf, der Landessportbund Hessen schrieb von einer „unverständlichen, inkonsequenten und politisch unsensiblen“ Entscheidung.
Heraskewytsch freute sich, dass die Ukraine „supervereint“ hinter ihm stünde. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat ihm die Freiheitsmedaille verliehen. Ob der Sportler das im Sinn hatte oder nicht, er hat mit seiner gemalten Erinnerung an die Opfer des Krieges eine Kampagne geschmiedet, die einem geschundenen Land eine Menge positiver Schlagzeilen einbringt. Die ukrainischen Politiker wissen, warum sie Heraskewytsch dankbar sind.
Von der F.A.Z. am Rande seiner Pressekonferenz gefragt, ob das IOC ihn nicht verstehen könne oder wolle, sagte er: „Der Fehler ist nicht damals und in dem Sinn auch nicht heute gemacht worden. Ich will an die Opfer erinnern. Der Fehler ist 2014 in Sotschi passiert. Das IOC und die ganze Welt waren Putins Gast. Und dann hat er am Schluss der Spiele die Krim annektiert und den Krieg im Donbass begonnen. Damals hätten alle anders reagieren müssen im Sport. Das war der Fehler. Diese Spiele von Sotschi 2014 – sie waren so gesehen wie die Spiele von 1936.“
Zu Beginn der Woche hatte Annalena Baerbock, Präsidentin der Vollversammlung der Vereinten Nationen, im Interview mit der F.A.Z. an den Missbrauch der Spiele 1936 und die politische Verantwortung des Sports erinnert. Auf die Frage der F.A.Z. an Kirsty Coventry, ob sie anerkenne, dass das IOC mit seinen Spielen etwa 1936 in Berlin oder 2014 in Russland Mitverantwortung trägt für die Propaganda, die Diktatoren damit trieben und treiben, sagte sie: „Nein.“
