
Nach der anfänglichen Euphorie über den zwischen den USA und Iran geschlossenen Waffenstillstand ist an den Finanzmärkten am Donnerstag Ernüchterung eingekehrt. Die Zweifel daran, dass die gefundene Verhandlungsgrundlage zu einem dauerhaften Waffenstillstand führt, wachsen allein schon dadurch, dass sich die Formulierungen in Farsi und Englisch deutlich unterscheiden sollen.
„Ein wackeliger Waffenstillstand“, schrieb die Royal Bank of Canada über eine Information an ihre Kunden. Darin stellt die RBC heraus, dass Iran die Waffenruhe durch die Angriffe Israels auf Libanon für verletzt hält und die Straße von Hormus nach wie vor nur für ganz wenige Schiffe passierbar ist. Die Commerzbank transportierte die Auffassung, Libanon sei nicht Teil des Waffenstillstands. „Waffenruhe – ja oder nein“, fragte auch das Frankfurter Bankhaus Metzler etwas ratlos. Folker Hellmeyer, der frühere Chefvolkswirt von Helaba und Bremer Landesbank, fasste für die Netfonds-Gruppe die Stimmung so zusammen: „Brüchiger Status quo des Waffenstillstands nagt an Risikobereitschaft.“
Erstmals seit zwei Wochen sinken die Preise an der Tankstelle
Ein Gradmesser der Risikobereitschaft der Anleger an allen Kapitalmärkten sind derzeit mehr denn üblich die Ölpreise. Am Donnerstag stieg der Preis für die Nordseesorte Brent um zwei Prozent auf rund 98 Dollar. Am Mittwoch allerdings hatte es in Reaktion auf den Waffenstillstand einen Rutsch für Brent von 111 auf 91 Dollar gegeben. Dieser rückläufige Ölpreis kommt nun auch an der Tankstelle an. Erstmals seit zwei Wochen seien sowohl Superbenzin der Sorte E10 als auch Diesel deutlich billiger geworden, hieß es vom ADAC am Donnerstag. Der Preis für einen Liter E10 lag nach Daten des Automobilclubs im bundesweiten Tagesdurchschnitt des Mittwochs bei 2,155 Euro. Das waren 3,3 Cent weniger als am Vortag. Dennoch bleibt der Druck auf die Politiker und das Bundeskartellamt groß, denn der Ärger der Autofahrer über die in Deutschland besonders hohen Spritpreise wird kaum schnell nachlassen. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass 159 Liter Brent vor wenigen Wochen noch 70 Dollar kosteten.
Weitere Gradmesser für die Risikobereitschaft der Anleger sind die als riskant geltenden Aktien und das oft in Krisen bevorzugte Gold. Nachdem der Deutsche Aktienindex Dax am Mittwoch um gut fünf Prozent bis auf 24.163 Punkte sprang, ging es am Donnerstag angesichts der brüchigen Waffenruhe, des wieder gestiegenen Ölpreises und schwacher Konjunkturdaten wieder etwas abwärts. Bis zum Mittag verlor der Dax, angeführt von Kursverlusten bei SAP und den Automobilaktien VW und Mercedes-Benz, rund 1,4 Prozent auf 23.750 Punkte.
Industrieproduktion gesunken, Exporte ziehen an
Neben den geostrategischen Unsicherheiten hielten sich die Anleger am Aktienmarkt an die harten Konjunkturdaten, die am Donnerstag veröffentlicht wurden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ging von Januar auf Februar 2026 die Fertigung im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland um 0,3 Prozent zurück. Immerhin zogen die Exporte im Januar um 3,6 Prozent und im Februar um 2,9 Prozent gegenüber den Vorjahresmonaten an. Allerdings legten auch die Importe zu, sodass Deutschlands Handelsüberschuss im Januar etwas zurückging. Marc Schattenberg, Volkswirt der Deutschen Bank, ordnete die neuen Daten am Donnerstagmorgen so ein: „Unter dem Strich deuten diese harten Daten auf einen eher verhaltenen Jahresauftakt der deutschen Wirtschaft, bereits vor dem Energiepreisschock im März. Nun muss sich erst einmal zeigen, wie lange diese zusätzliche Belastung hoher Energiepreise für die Industrie anhält. Unabhängig davon dürften staatliche Aufträge, ausgehend von den Sondervermögen, im weiteren Jahresverlauf für positive Impulse sorgen.“
Die Kurse, Preise und Renditen an den Finanzmärkten reagieren indes derzeit vor allem auf Nachrichten zur Lage rund um Iran. Der Preis für die Feinunze Gold (31,1 Gramm) lag vor dem geschlossenen Waffenstillstand am Dienstagabend bei 4650 Dollar, sprang dann am Mittwoch auf gut 4800 Dollar und sackte am Donnerstag wieder auf 4730 Dollar ab. Zuweilen ist davon die Rede, dass einige Anleger mit Liquiditätsengpässen Teile ihrer Goldbestände auf den Markt würfen. Es ist aber auch das Gegenargument zu hören, dass sich Anleger aus Angst etwa vor Schieflagen im Privatkreditmarkt mit der „Krisenwährung“ Gold eindeckten.
Andere Marktteilnehmer bringen den Seitwärtstrend des Goldes in den vergangenen Tagen und das Ausbleiben eines stärkeren Preisrückgangs während der allgemeinen Erleichterung am Mittwoch mit der Zinsentwicklung in Zusammenhang. So betrug die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am Donnerstagmorgen 2,97 Prozent. Zu Beginn des Kriegs hatte sie noch bei 2,6 Prozent gelegen. US-Staatsanleihen werfen derzeit sogar eine Rendite von 4,3 Prozent ab. Die hier zu erwartenden Zinseinnahmen veranlassen möglicherweise auch einige Anleger, vom zinslosen Gold in Anleihen umzuschichten.
