
Im ersten Europapokal-Achtelfinale seit 13 Jahren war es die womöglich schwerste Aufgabe im laufenden Wettbewerb, mit der es der VfB Stuttgart in der diesjährigen K.o.-Runde der Europa League zu tun bekam. Der FC Porto, 30-maliger portugiesischer Fußballmeister, steht derzeit an der Tabellenspitze der Primeira Liga, vier und sieben Punkte vor den ewigen Rivalen Sporting und Benfica aus der Hauptstadt Lissabon, und zählt zu den klaren Titelfavoriten auch in der laufenden Europa-Kampagne.
Diesen Anspruch untermauerte das Team von Trainer Francesco Farioli auch im Hinspiel am Donnerstagabend, das der FC Porto nach Treffern von Terem Moffi (21. Minute) und Rodrigo Mora (27.) 1:2 für sich entschied; für den VfB hatte Deniz Undav (40.) verkürzt, der vermeintliche Ausgleich durch Angelo Stiller (70.) wurde nach Intervention des Videoassistenten zurückgenommen.
Erst zehn Gegentore mussten die Portugiesen in der heimischen Liga hinnehmen, in bislang 25 Spielen. Diese herausragende Quote ist vor allem das Resultat aus einem klar verordneten Defensivkonzept, das die Mannschaft unter Farioli nicht selten nahe an der Grenze zur Perfektion umsetzt. Seine Mannschaft arbeitet in der Regel intensiv gegen den Ball, mit einer Pressinglinie, die oft weit in der gegnerischen Hälfte liegt, hoch stehenden Verteidigern und intensiver Laufarbeit in und zwischen den Räumen.
Jubel und Zeitspiel erzürnen die Stuttgarter Fans
Für den VfB wurde genau das nach einer offen gestalteten Anfangsphase schnell zum Problem. Ein Problem, das der derzeitige Bundesligavierte nicht in den Griff bekommen sollte. Innerhalb von sieben Minuten traf erst William Gomes an die Latte, dann Moffi zum 0:1 und schließlich Mora zum 0:2. Allen drei Situationen waren Ballverluste des VfB vorangegangen, der keine Lösungswege fand für die Aufgaben, die sein Gegner ihm in diesen Momenten stellte.
Dass im Anschluss an die beiden Tore der Portugiesen die bis dahin prächtige Stimmung im mit 60.000 Zuschauern ausverkauften Stadion gleich mehrmals zu kippen drohte, lag daran, dass beide Torschützen nach ihren Treffern aufreizend vor dem VfB-Anhang in der Heimkurve jubelten und nicht wenige Situationen im Anschluss den Anschein nach einem kaum verhohlenen Zeitspiel erweckten – nach nicht einmal einer halben Stunde. Der Auftritt des FC Porto schmeckte den Stuttgartern bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht.
Dass der Rückstand zur Halbzeit dann nur ein Tor betragen sollte, war schließlich Ausdruck eines Willens, sich von dieser Intensität auf den Rängen nicht zu einer Übereifrigkeit auf dem Rasen verleiten zu lassen. Der VfB behielt die Ruhe und belohnte sich für seine Beharrlichkeit. Nach einem Vorstoß von Nikolas Nartey landete der Ball nach einigem Hin und Her vor den Füßen des Stuttgarter Angreifers Deniz Undav, der im großen Durcheinander den Überblick bewahrte und seine zuletzt ohnehin starke Form mit seinem bereits 20. Pflichtspieltreffer in dieser Saison unterstrich.
VfB in der zweiten Halbzeit zu harmlos
Der FC Porto, Champions-League-Sieger 2004 und Europa-League-Sieger 2011, beschäftigte die Stuttgarter auch nach dem Wechsel, verlagerte seinen Offensivschwerpunkt immer mehr auf schnelles Umschalt- und Konterspiel. Damit kam die VfB-Defensive um den starken Innenverteidiger Jeff Chabot aber gut zurecht.
Die Elf von Trainer Hoeneß wollte das Spiel nun an sich reißen, dem Schwung aus der Schlussoffensive in der ersten Hälfte weitere Tore folgen lassen. Das gelang dann auch nach 70 Minuten, als Angelo Stiller nach einem Freistoß und einer Abwehraktion von Porto-Torhüter Diogo Costa aus kurzer Distanz zum vermeintlichen 2:2 traf. Nach Ansicht der Videobilder nahmen die Unparteiischen um Schiedsrichter Donatas Rumsas den Treffer aufgrund einer vorangegangenen knappen Abseitsstellung von Tiago Tomás aber zurück.
Abgesehen von einem Distanzschuss von Chris Führich (82.), der wie die Versuche von Finn Jeltsch (44.) und Nartey (45.+2) zu harmlos geriet, war Stillers Abschluss die einzig wirklich zwingende Offensivaktion der Stuttgarter in den zweiten 45 Minuten. In der Schlussphase suchten sie ihr Heil dann doch zu häufig in zu schnellen Abschlüssen, verpassten immer wieder die Momente, in denen ein weiterer Pass möglicherweise aussichtsreicher gewesen wäre.
So blieb es am Ende beim 1:2, als der Schlusspfiff ertönte und die Spieler des FC Porto sich erleichtert in die Arme fielen. Wenige Augenblicke zuvor hatte VfB-Torhüter Alexander Nübel mit einer Parade noch dafür gesorgt, dass die Stuttgarter zwar mit einer Niederlage in das Rückspiel in der kommenden Woche gehen, die Hypothek jedoch nicht zu groß erscheint, um die internationale Reise möglicherweise doch noch zu verlängern.
Es wäre ein bemerkenswerter Erfolg. Dass der VfB Stuttgart, der vor drei Jahren noch den Bundesligaabstieg in der Relegation verhinderte, seitdem Meiterschaftszweiter, Champions-League-Teilnehmer und DFB-Pokalsieger wurde, zuletzt in einem Europapokal-Viertelfinale stand, liegt bereits ganze 28 Jahre zurück.
