
Die Regelmacher der Formel 1 fühlen sich bestätigt: War doch unterhaltsam, der Große Preis von Australien. Erfolgreiche Attacken gleich beim Start der Saisonpremiere in Melbourne nach der größten Reform in der Geschichte dieses Sports. Das Überholen scheint nicht mehr so tückisch zu sein wie in den vergangenen Jahren.
Die kleineren, leichteren Boliden wirken agiler, angenehmer zu fahren. Und schließlich stürzte Mercedes die Formel-1-Choreographen für Spannung nicht sofort in die nächste Krise. Die befürchtete Solotour der Silberpfeile von Mercedes blieb aus. Ferrari bot Paroli. Nicht nur in Maranello wird aufgeatmet. Die Formel 1 wähnt sich auf Kurs.
Vor dieser Bilanz von der Sause durch den Albert-Park erscheinen die Reaktionen typisch. Die Gewinner frohlocken und fühlen sich sehr wohl nach der Regelreform. Die „Verlierer“ wie Weltmeister Lando Norris als abgeschlagener Fünfter und der viermalige Champion Max Verstappen trotz seiner Aufholjagd (von Rang zwanzig auf sechs) beklagen den Verlust der Formel-1-DNA. Hätten sie das auch bei einem Erfolg getan? Vermutlich nicht. Wer jammert schon im Moment des Sieges, wenn es gilt, den Moment zu genießen oder wenigstens den Sponsoren nicht die Party zu verderben?
Keine Chancengleichheit im entscheidenden Moment
Dennoch ist die Kritik nicht allein Ausdruck einer Enttäuschung in Melbourne. Zumindest Verstappen formulierte früh und konsequent sein Missfallen ohne Rücksicht auf die Mächtigen der Formel 1. Er steht damit keinesfalls allein im Kreis der Piloten. Aber nicht jeder fühlt sich so frei und stark zu sagen, was er denkt. Das wird sich nach dem ersten Eindruck vom Auftritt in Melbourne kaum ändern. Obwohl sich beim zweiten Hinsehen die teils gefeierte Sause der Formel 1 als konstruiert entpuppt.
Warum kam es sofort zu den so leicht wirkenden, aufregenden Überholmanövern an der Spitze, den Führungswechseln zwischen Mercedes und Ferrari? Weil, systembedingt, der Überholende Energie verliert und der Hintermann dank eines anderen Energiemanagements und der Überholhilfen wie dem Boost-Knopf mehr Power nutzen konnte. Im spannendsten Moment herrscht also keine Chancengleichheit, wenn es Spitz auf Knopf kommt, wenn die Fahrer etwas riskieren müssen, um voranzukommen.
Überholen erscheint – für die weltbesten Piloten – nun fast simpel. Damit aber verlieren diese Manöver an Bedeutung, wie in Melbourne zu sehen war. Nach dem Hin und Her wurde das Rennen wegen einer Fehlentscheidung recht früh „in der Box“ entschieden.
Fahrer wie Verstappen werden sich mit dem Effekt so einer Regelreform innerlich kaum abfinden. Aber Grundlegendes wird der beste Pilot der Gegenwart nicht ändern. Denn die Gesellschaft fordert längst Kicks in immer kürzeren Abständen. Dem gehorcht die Formel 1. Und sei es nur zur Show.
