Wenn der wichtigste Mann in der National Basketball Association (NBA) ein Machtwort spricht, kann das mitunter weitreichende Konsequenzen haben. So wie vor zehn Jahren, nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt. Da zwang Adam Silver als frisch gebackener NBA-Commissioner den langjährigen Eigentümer der Los Angeles Clippers zum Verkauf des Teams. Der Grund? Dessen rassistische Einstellung gegenüber schwarzen Sportlern ließ sich nicht länger vertuschen. Und sie hatte einen massiven Protest prominenter Spieler ausgelöst.
Die Strafaktion wirkte nicht nur angemessen, sondern wie eine gute Entscheidung. Denn mit Steve Ballmer, dem ehemaligen Chefmanager des Tech-Konzerns Microsoft, der die Franchise für die damalige Rekordsumme von zwei Milliarden Dollar (derzeit rund 1,7 Milliarden Euro) erwarb, gab es seither keine größeren Probleme. Abgesehen von einem kleineren Verstoß des Teams gegen die Regeln der Liga in Sachen finanzielles Fairplay, was leise mit einer sechsstelligen Geldbuße aus der Welt geschafft wurde. Und von Ermittlungen in einem ähnlichen Fall wenige Jahre später, die im Sande verliefen.
Silver und das „Steve-Ballmer-Problem“
Doch seit ein paar Monaten hat Silver ein „Steve-Ballmer-Problem“, wie das Online-Wirtschaftsmagazin Bloomberg Businessweek im Oktober feststellte, als sich erste Anschuldigungen darüber erhärteten, wie die Clippers eine zentrale NBA-Regel umschifft hatten.
Der reichste Teambesitzer im amerikanischen Profisport (Privatvermögen: geschätzt umgerechnet rund 120 Milliarden Euro) hatte demnach einen Weg gefunden, die Salary-Cap-Bestimmungen auszuhebeln, die die Spielergehälter deckeln und für Leistungsparität sorgen sollen. Auf diese Weise, so der Vorwurf, konnte er dem besten Clippers-Profi Kawhi Leonard für einen Drei-Jahres-Vertrag zusätzlich zum erlaubten Maximalentgelt von 103 Millionen (rund 88,9 Millionen Euro) weitere 28 Millionen Dollar (rund 24 Millionen Euro) zustecken. Eine Bonusleistung, um das Wettrennen mit anderen NBA-Teams um dessen Dienste zu gewinnen.

Vielleicht wäre die Sache nie ans Licht gekommen, wenn nicht der New Yorker Journalist und Video-Podcaster Pablo Torre im Rahmen von beharrlichen, mehrmonatigen Recherchen wichtige Dokumente und Zeugenaussagen zusammengetragen hätte, die die bislang ungetrübte kollegiale Beziehung zwischen Ballmer und Silver sowie den 29 anderen NBA-Teams auf eine Probe stellen.
Doch Torre publiziert seit September sukzessive einen Beleg nach dem anderen dafür, wie die Clippers eine komplexe Transaktion einfädeln, finanzieren und verschleiern konnten, bei der Leonard mit Hilfe eines Werbevertrags mit einem Team-Sponsor bezahlt wurde. Eine Abmachung, die Torre aufgespürt hatte und an der vor allem zwei Dinge ins Auge sprangen: Die Werbepartnerschaft war öffentlich nie bekanntgegeben worden. Und sie verlangte vom Basketballer keine Gegenleistung für das viele Geld (sowie ein Aktienpaket im Wert von rund 17,2 Millionen Euro).
Nur eine Schutzbehauptung?
Einen weiteren Verdachtsmoment hatte Ballmer persönlich geliefert, als er 2021 (mit 50 Millionen Dollar, rund 43 Millionen Euro) und 2023 (mit weiteren zehn Millionen) zum größten Investor dieser Firma wurde – einem Gutschriftenmakler im Geschäft mit Klimakompensationszertifikaten namens Aspiration.
Nachdem Torre im September erstmals über seine Nachforschungen berichtete, bestritt Ballmer in einem Interview mit dem Fernsehsender ESPN, seiner bisher einzigen öffentlichen Stellungnahme zu dem Thema, nicht nur jedwede Detailkenntnisse des Sachverhalts. Ballmer beschrieb sich als Opfer der Machenschaften von Aspiration.
Dessen zwei Chefmanager hatten wenige Monate zuvor gegenüber der ermittelnden Staatsanwaltschaft zugegeben, dass sie das Unternehmen – auf betrügerische Weise – um 250 Millionen Dollar (rund 215 Millionen Euro) gebracht hatten, was Anfang 2025 in den Konkurs führte.
Eine Interpretation, die vordergründig sogar von der Gläubigerliste untermauert wurde. Auf ihr standen die Clippers sowie die mit ihr liierte GmbH, die deren neue Arena unweit des Flughafens Los Angeles gebaut hat, ganz oben – mit ausstehenden Forderungen von 30 (rund 25,8 Millionen Euro) beziehungsweise zehn Millionen Dollar (rund 8,6 Millionen Euro).

Sechs Monate später wirkt Ballmers Aussage eher wie eine Schutzbehauptung. Und das nicht nur, weil Mitte März aus der Chefetage der NBA durchsickerte, dass aufgrund der von Silver in Auftrag gegebenen unabhängigen Ermittlungen einer New Yorker Anwaltskanzlei eine Geldbuße von 30 Millionen Dollar (rund 25,8 Millionen Euro) und der Entzug von drei Erstrunden-Draft-Picks für die Clippers im Gespräch sind.
Pablo Torre hatte nur wenige Tage vorher auf einer mit prominenten Referenten besetzten Sportfachkonferenz am Massachusetts Institute of Technology im Bostoner Vorort Cambridge die neunte Folge seiner Clippers-Recherchen veröffentlicht. Sie enthüllte erstmals die Kopie der eidesstattlichen Erklärung eines Aspiration-Insiders aus dem Jahr 2023, die die Strafverfolgungsbehörden auf den Plan gebracht hatte.
Der Schriftsatz charakterisierte unter anderem die dubiose Dreiecksbeziehung zwischen den Clippers, Kawhi Leonard und dem Team-Sponsor als Komplott, „um die Salary-Cap-Regeln der NBA zu unterlaufen.“ Eine Aussage, die für die NBA den Stellenwert einer sogenannten „Smoking Gun“ haben dürfte – eines eindeutigen Beweises.
Von einer Strafe für Leonard ist bislang nicht die Rede
Der selbstbewusste Journalist, der in seiner Podcast-Serie „Pablo Torre Finds Out“ (deutsch: Pablo Torre findet es heraus) schon mehrere Skandale im amerikanischen Sport aufgedeckt hat, erlaubte sich bei der Gelegenheit eine Showeinlage auf Kosten von Adam Silver. Er ließ das fragliche Dokument am Morgen heimlich auf der Bühne unter jenen Stuhl kleben, auf dem der NBA-Commissioner anschließend in einer eigenen Session Platz nehmen und über ganz andere NBA-Themen reden würde.
Und das während er – sinnbildlich und ahnungslos – auf dem beweiskräftigsten Stück Papier der Clippers-Affäre saß. Kurz bevor Torre etwas später am selben Ort seine eigene Präsentation beendete, ließ er einen Mitarbeiter den Umschlag aus seinem temporären Verweilort hervorholen und dessen Inhalt vortragen.
Es wird interessant sein, wie Silver mit dieser Art von Bloßstellung umgeht, wenn er demnächst den ligaeigenen Ermittlungsbericht vorstellt. Die Bühneneinlage von Cambridge vertiefte auf jeden Fall den Eindruck, dass er sich schon länger nicht mehr energisch genug einmischt, wenn jemand aus dem Kreis der Teambesitzer die Integrität der Liga untergräbt. Von den 29 anderen Teams gab es übrigens bislang keine offiziellen Verlautbarungen zu dem Komplex, obwohl sie als Rivalen im Kampf um Erfolg auf allen Ebenen jeden Grund dazu hätten.
Auch von einer Strafe für Kawhi Leonard, dessen Onkel als sein Repräsentant nachweislich die treibende Kraft auf der Suche nach lukrativen Nebengeschäften war, ist bislang nicht die Rede. Und das, obwohl er, als der Skandal publik wurde, eindeutig auf eine Vernebelungstaktik setzte, anstatt wenigstens die eindeutig belegten Fakten zu bestätigen.
Er kritisierte die Enthüllungen als „Clickbait-Journalismus“ und tat sie als Verschwörungstheorie ab. Vermutlich sieht er sich selbst so wie Ballmer als Opfer: Er steht nämlich mit seiner GmbH „KL2 Aspire LLC“ und ausstehenden Forderungen von sieben Millionen Dollar (rund sechs Millionen Euro) an vierter Stelle auf der Gläubigerliste im Konkursverfahren von Aspiration und muss diese Summe vermutlich in den Wind schreiben.
