
Als Julija Nawalnaja am 16. Februar 2024 auf der Münchner Sicherheitskonferenz nach der Nachricht über den Tod ihres Mannes Alexej Nawalnyj in einem russischen Straflager sprach, beschuldigte sie Russlands Machthaber Wladimir Putin, ihn ermordet zu haben. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später äußerte sie sich am Samstag in München wieder zum Tod des russischen Oppositionsführers. „Natürlich war ich überzeugt, dass das ein Mord war“, sagte sie. „Aber in jenem Moment waren das nur Worte. Jetzt sind diese Worte eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache geworden.“
Davon sind auch die Regierungen Deutschlands, Schwedens, Frankreichs, der Niederlande und Großbritanniens überzeugt. Es stehe fest, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Außenministerien der fünf Länder, dass Nawalnyj vergiftet wurde. Bei Analysen von Proben Nawalnyjs sei das Gift Epibatidin nachgewiesen worden.
Russland weist die Berichte zurück
Angesichts der neuen Erkenntnisse über den Tod des Regimegegners forderten sie, „Russland für seine wiederholten Verstöße gegen das Chemiewaffenübereinkommen und, in diesem Fall, das Übereinkommen über das Verbot biologischer Waffen zur Rechenschaft zu ziehen“. Dazu würden alle zur Verfügung stehenden politischen Hebel genutzt. Eine Sprecherin des russischen Außenministeriums wies die Berichte zurück. Es handle sich um ein Manöver zur „Ablenkung von den dringenden Problemen des Westens“.
In der Erklärung der Außenminister findet sich ein Satz, der über den konkreten Fall hinausweist: „Wir sind überdies besorgt, dass Russland nicht seine gesamten chemischen Waffen vernichtet hat.“ Dazu ist das Land nach dem Übereinkommen über das Verbot chemischer Waffen verpflichtet, das 1997 in Kraft getreten ist.
Russland hat der zuständigen UN-Organisation im September 2017 offiziell mitgeteilt, dass die Vernichtung seines Chemiewaffenarsenals abgeschlossen sei. Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Mitteilung waren indes schon wenige Monate später aufgekommen, als im März 2018 in Salisbury in England ein Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok auf den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal und seine Tochter verübt wurde. Beide überlebten, eine unbeteiligte Britin wurde getötet. Nach Angaben westlicher Geheimdienste setzt Russland auch im Krieg gegen die Ukraine chemische Waffen ein.
Entwicklung des Nervengifts Nowitschok
Epibatidin ist ein Gift, das von einer in Ecuador vorkommenden Froschart produziert wird, aber auch synthetisch hergestellt werden kann. Es kann in kurzer Zeit zur vollständigen Lähmung aller Körperfunktionen, einschließlich der Atmung, führen. In den Neunzigerjahren war es wegen seiner starken schmerzstillenden Wirkung zu einer möglichen medizinischen Nutzung erforscht worden. Wegen der extremen Giftigkeit von Epibatidin wurde das aber nicht weiterverfolgt.
Exilrussische Medien haben darauf aufmerksam gemacht, dass eine Gruppe von Autoren des russischen Instituts für organische Chemie und Technologie im Jahr 2013 einen Artikel über die Synthese des Stoffs veröffentlicht hat. Dieses Institut war seit den Siebzigerjahren auch an der Entwicklung von Nowitschok beteiligt. Das Gift wurde nicht nur beim Anschlag auf Skripal, sondern auch bei der versuchten Tötung Nawalnyjs im August 2020 verwendet.
Wie die „Nowaja Gaseta Jewropa“ berichtet, hat auch der ehemalige Direktor des Instituts, der in den Nullerjahren stellvertretender Chef der Chemiewaffen-Abteilung des russischen Heeres war, zu Epibatidin geforscht.
Zu dem Schluss, dass Nawalnyj mit diesem Stoff vergiftet worden sei, kamen laut dem exilrussischen Investigativportal The Insider mehrere Labore unabhängig voneinander auf der Grundlage von „Biomaterial“ Nawalnyjs, das seine Familie aus Russland herausbringen konnte. Darüber hatte Julija Nawalnaja erstmals im September vorigen Jahres berichtet. Damals sagte sie, Labore in zwei westlichen Ländern hätten die Vergiftung Nawalnyjs bestätigt. Sie nannte damals aber weder die Länder noch den Namen des Gifts.
Magenschmerzen, Erbrechen und Krämpfe
Indirekt unterstellte sie, dass die beteiligten Staaten diese Erkenntnisse aus politischen Erwägungen zurückhielten. „Ich fordere von den Laboren, die die Untersuchungen vorgenommen haben, die Ergebnisse zu veröffentlichen.“ Nun dankte sie am Wochenende den beteiligten europäischen Staaten für die „penible Arbeit, die sie zwei Jahre lang geleistet haben, und für die Aufdeckung der Wahrheit“.
Die russischen Behörden hatten im Februar sofort nach Nawalnyjs Tod von einem natürlichen Tod gesprochen – allerdings in den ersten Tagen widersprüchliche Angaben zur angeblichen Todesursache gemacht. Erst nach einem halben Jahr legten sie sich auf eine Version fest. In einem Dokument, in dem sie die Forderung der Witwe nach einem Strafverfahren wegen des Todes Nawalnyjs ablehnten, hieß es, eine Kombination von zwölf Krankheiten, an denen Nawalnyj gelitten habe, habe zu seinem Tod geführt. Allerdings wies die Auflistung dieser Leiden nach Ansicht von Ärzten, die von russischen Exilmedien befragt wurden, zahlreiche Ungereimtheiten auf.
Schon bald nach seinem Tod hatte es Hinweise auf eine Tötung Nawalnyjs gegeben. Noch einen Tag zuvor war er aus dem Straflager per Video zu einem Strafprozess gegen ihn zugeschaltet worden. Dabei machte er einen körperlich stabilen Eindruck, scherzte und verspottete die russischen Machthaber.
Im September 2024 gelangte The Insider an Dokumente der russischen Justiz, in denen Symptome beschrieben wurden, die mit den offiziellen Angaben zu seiner Todesursache nicht übereinstimmten und Hinweise auf eine Vergiftung lieferten. In diesen Dokumenten war von plötzlichen starken Magenschmerzen, Erbrechen und Krämpfen die Rede. In einer später veröffentlichten Fassung des Dokuments fehlte diese Passage. Und obwohl Nawalnyj während seiner Gefangenschaft ständig per Video überwacht wurde, scheinen Aufnahmen seiner letzten Stunden zu fehlen.
