An Kulturbaustellen herrscht in Berlin kein Mangel. Das Pergamonmuseum soll nach aktuellem Stand erst 2037, vielleicht aber auch erst 2040 wieder vollständig geöffnet sein. Das Deutsche Historische Museum hat seit acht Jahren keine Dauerausstellung, weil sich die Sanierung des Zeughauses immer weiter verzögert; erst nächstes Jahr will die verantwortliche Baubehörde einen Plan für die Arbeiten vorlegen. Der ehemalige Museumskomplex in Dahlem wartet seit Jahrzehnten auf die Sanierung; ihr Finanzbedarf wird auf eine Viertelmilliarde Euro geschätzt. Das Alte Museum auf der Museumsinsel muss grundsaniert werden, weil der Westteil des Gebäudes absackt, aber ein Termin ist noch nicht in Sicht. Und das sind nur die Häuser, für die der Bund verantwortlich ist, das Land Berlin hat noch eine Reihe weiterer Problemfälle im Portepee.
Die Achillesferse der „Scheune“ ist ihre Abschottung
Die größte und – vom Milliardengrab Pergamonmuseum abgesehen – teuerste aller Kulturbaustellen jedoch ist das Museum Berlin Modern, früher auch „Museum der Moderne“ genannt, am Kulturforum hinter dem Potsdamer Platz. Der jetzige Standort direkt an der Potsdamer Straße wurde nach heftigen Debatten über einen Umzug der Gemäldegalerie und die Nutzung der dann frei werdenden Flächen für die klassische Moderne gewählt. Fast ebenso heftig wurde über den Siegerentwurf des Schweizer Stararchitektenbüros Herzog & de Meuron diskutiert, die „Scheune“, wie das breite und wuchtige Gebäude mit seinem Satteldach nicht nur unter Berlinern heißt. 2014 stellte der Haushaltsausschuss des Bundestages 200 Millionen Euro für den Neubau bereit, mittlerweile sind die Kosten auf geschätzte 487 Millionen gestiegen.
Die Achillesferse der „Scheune“ aber ist nicht ihre Plumpheit, sondern ihre Abschottung. Wie Mies van der Rohe Nationalgalerie und Hans Scharouns Philharmonie sollte das neue Museum ohne Verbindung zu den anderen Häusern am Kulturforum entstehen, als „Solitär“, wie es in der Ausschreibung hieß. Deshalb musste der Bau mittels einer Betonwanne sechzehn Meter tief in die Berliner Erde gesenkt werden, um alle Funktionsbereiche eines autonomen Museumsbetriebs aufnehmen zu können. Und durch ebendiesen Tiefbau droht dem Projekt jetzt die Havarie.

Im jüngsten der halbjährlich fälligen Bauberichte, die der Kulturstaatsminister dem Haushaltsausschuss vorlegt, meldet die Behörde von Wolfram Weimer „ausgeprägte Feuchteschäden“ in dem vor fünf Monaten fertiggestellten Rohbau, die „insbesondere in den Untergeschossen“ aufgetreten seien. Mit anderen Worten: Der Boden der Betonwanne steht unter Wasser. Ob die Schäden durch Regen oder das Eindringen von Grundwasser entstanden sind, sollen „vertiefende Analysen“ und „gutachterliche Stellungnahmen“ erweisen, bis dahin halten sich BKM und Preußenstiftung bedeckt. Unter der Hand aber hört man nichts Gutes: Von drohendem Rechtsstreit und von Schimmelbefall ist die Rede, ein Wort, das auf Museumsleute wie ein Elektroschock wirkt.
Die drei großen Mäzene des Hauses sind bereits gestorben
Die „terminlichen Auswirkungen“ des Wassereinbruchs könnten „noch nicht belastbar eingeschätzt“ werden, heißt es in dem Bericht, welcher der F.A.Z. vorliegt, aber mit „einem mehrmonatigen Terminverzug“ sei zu rechnen. Eine „vertiefte Betrachtung weiterer Bauzustände“ und ein „baubegleitendes Mess- und Monitoringkonzept zur Luftfeuchte“, wie sie jetzt vorgesehen sind, kosten mit Sicherheit Zeit. Für das Modernemuseum bedeutet das, dass die geplante Eröffnung im Jahr 2029 wohl nicht zu halten ist und ins nächste Jahrzehnt verschoben werden muss. Die drei großen Mäzene des Hauses, die Sammler Marx, Marzona und Pietzsch, sind inzwischen gestorben, und auch von den politischen Initiatoren des Projekts ist keiner mehr im Amt. „Berlin Modern“ ist bereits ein Stück Vergangenheit.
Es kann aber noch schlimmer kommen. Falls die Betonwanne, wie manche befürchten, tatsächlich undicht ist, droht dem Bauvorhaben womöglich ein jahrelanger Stillstand. Den ursprünglich favorisierten Neubau gegenüber der Museumsinsel verhinderte 2013 ein Gutachten, das die Kosten wegen der hohen Risiken des Tiefbaus schon damals auf eine halbe Milliarde Euro bezifferte. Am Kulturforum ist dieser Betrag jetzt ebenfalls erreicht, und durch die Beseitigung der Feuchteschäden wird er gewiss überschritten werden. Der Kulturstaatsminister sollte sich beeilen, alle Beteiligten inklusive des Haushaltsausschusses, der am heutigen Mittwoch tagt, zum Handeln zu drängen. Es sind solche Projekte, an denen sich der Erfolg seiner Amtsführung entscheidet, nicht die Skandälchen, die er im Wochenrhythmus produziert.
