Yayoi Kusama darf als letzte lebende Pop-Artistin von Weltrang gelten. Die Kombination aus einer Japanerin und der scheinbar uramerikanischen Pop-Art ist dabei nicht gerade gängig. Die heute 96-jährige mit meist grellrot gefärbten Haaren aber hatte ihr Studio schon seit 1957 in New York, ohne je Epigonin zu sein. Auf ihre späten Tage genießt sie in allen großen Museen weltweit mit ihren versailleshaften Spiegelsälen und Rieseninstallationen Social-Media-Starruhm.
Mit der schlicht „Yayoi Kusama“ benannten, enorm aufwendig inszenierten Retrospektive feiert das Kölner Museum Ludwig nun mit dreihundert Werken aus achtzig Jahren – viele davon aus ihrem eigenen Museum in Tokio – sein fünfzigjähriges Bestehen. Das abgelutschte „Jedes Kind kennt . . .“ trifft auf Kusamas Mirrored Rooms, Polka Dots und ebenfalls punktierte Kürbisse zu. Selbst in – von Europa aus gesehen – hinteren Winkeln der Welt wie Kasachstan betritt man das dort vergangenes Jahr eröffnete erste Museum für zeitgenössische Kunst und findet sich in einem ihrer größten Spiegelkabinette wieder. Doch gibt es in Köln viel mehr Seiten an ihr zu entdecken als die in den letzten Jahren beinahe zu Tode instagrammierten Motive.

Die Sammlung des Ludwig-Museums scheint dabei prädestiniert für Kusama, gehörte doch bereits 1976 zum Gründungskonvolut von Irene und Peter Ludwig eine große Arbeit der Künstlerin. „Compulsion Furniture“ (“Triebmobiliar“) von 1966 entstammt der Frühzeit der Pop-Art; die surreale Landschaft aus Alltagsgegenständen wie Töpfen und einem goldenen Penis-Schuh besitzt sowohl etwas Warholeskes als auch mit weichen Elementen etwa von den „Soft Sculptures“ Claes Oldenburgs. Wie Oldenburgs Frau Coosje van Bruggen zugab, kam Kusama mit ihren schaumstoffgefüllten Penissen (vom Freund Donald Judd mitgenäht) allerdings ihrem Gatten zuvor. Das ist wohl die wichtigste Erkenntnis, die der Schau zu entnehmen ist: Bei allen künstlerischen Entwicklungen war die Japanerin stets vorn dabei, mehrfach erkennt man beim Blick auf die Etiketten und die dort verzeichneten Jahreszahlen, dass Kusama auch als Vorreiterin oder gar Erfinderin der jeweiligen Stile gelten darf.
In ihren Visionen überziehen seit mehr als achtzig Jahren Punkte alles
Der klare chronologische Aufbau der Schau hilft, das buchstäblich vom ersten Bild an nachzuvollziehen. Die früheste ausgestellte Zeichnung stammt von 1934, da ist sie fünfzehn und überzieht ein Haus mit blauem Dach und rosafarbenen Wänden mit Punkten wie von einem radioaktiven Fallout. Fünf Jahre später entsteht „o.T.“, ein berührendes Selbstbildnis, ebenfalls mit Punkten übersät. Mit etwa zehn Jahren hatte Yayoi Kusama zum ersten Mal Halluzinationen: Punkt- und Netzmuster wie auch Pflanzen legten sich vor ihrem inneren Auge über alles, auch ihren Körper. Auslöser war wohl traumatisierender psychischer Stress, verursacht durch die eisige Mutter, die sie ihrem oft fremdgehenden Vater hinterherspitzeln ließ und sie in den ohnehin engen Verhältnissen der Geburtsstadt Matsumoto von der Kunst abbringen wollte – früh sollte sie verheiratet und traditionelle Frau am Herd werden.

Die Punkteschauer als Visionen haben sie bis heute nicht verlassen, doch lernte Kusama, sie in Kunst zu verwandeln. „Ohne meine Kunst hätte ich garantiert Suizid begangen“, bekannte sie einmal. Gut ein Dutzend präzisester Zeichnungen und Ölbilder des Frühwerks, häufig mit Punktregen, zeigen äußerst lebendige Kastanienblätter (1948) oder organisch sich windende Strukturen, die von ihrem andauernden Dialog mit der Natur zeugen – im Wortsinn, denn die Pflanzen sprechen mit ihr. Dies sollte jedoch nicht pathologisiert werden, denn auch Kandinsky verwandelte seine Synästhesie in große Kunst.

In New York hat sie nach hartem Start bald Ausstellungen, da ihre monumentalen Infinity-Net-Gemälde wie „The Pacific Ocean“ von 1958 – Courbets Wellenbilder in aus dem Flugzeug von Japan in die USA gesehene abstrakte Linien übersetzt – großen Erfolg haben. Sie füllt die Gazetten mit kalkulierten Exotismen und provokanten Performances, viele davon im mit weichen Penissen behängten Outfit, andere in einem leviathanischen Gewand, in das bis zu zwanzig Menschen passen. Sie kreiert Mode. Ab 1969 gibt sie das Künstlermagazin „Orgy“ im Flower-Power-Stil heraus. Ihre Happenings kündigt sie in wohlformulierten Pressemitteilungen an, in einem der ausliegenden Briefe beruft sie sich bei ihren künstlerischen Freiheitskämpfen explizit auf die Statue of Liberty, die sie bei der Übersiedlung begrüßt hat. Nie bleibt sie aber bei bloßer Provokation stehen, vehement bezieht sie politisch Stellung gegen den Vietnamkrieg oder Nixon und für gleiche Rechte der Homosexuellen.
Die meditativ gemalten Millionen von Punkten retteten ihr das Leben
1973 kehrt sie nach Japan zurück, weist sich in eine Klinik in Tokio mit Studio zur Tagarbeit gegenüber ein und verarbeitet ihre Ängste in rastlosen Bildserien wie auch einem Dutzend schonungslos offener Romane und Gedichten, die wie „Violet Obsession“ vielsagende Zeilen wie „Veilchen kommen aus der Tischdecke“ enthalten. Noch das grüngrundig wogende „Sprouting“ von 1992 verkörpert ein unausgesetztes Sprießen und das zyklische, potentiell unendliche Wachsen und Vergehen alles Organischen. Was für die meisten Betrachter eher wie Tentakel oder Flammen wirkt, sind für Yayoi Kusama „Bäume“. Kusamas wundersamstes Bild in Köln aber bleibt „Repetitive Vision of Floral Pistil“: Mit seinen Tausenden sorgsam gemalter Punkte in Ranken und Blütenformen changiert es permanent zwischen Blumen im Freien, Amöben im Mikrobereich und Zellen, die im Körperinnern herumschwimmen. Auch diese punktierten Blüten kommen ohne halluzinogene Hilfsmittel auf den Betrachter zu und verkriechen sich dann wieder in den Hintergrund.

Obwohl das Auge im Lauf der Ausstellung gelernt hat, die Punkte zunehmend plastisch zu sehen, freut man sich dennoch unbändig auf die drei eigens fürs Ludwig eingerichteten dreidimensionalen Monumentalräume. Der verspiegelte gelb-schwarze Saal mit seinen Tentakeln überwältigt mit seinen mehr als zehn Metern Raumhöhe und den unendlichen Spiegelungen, vor allem in dem wie in einer Matroschkapuppe eingestellten, sechs mal sechs Meter messenden „Mirrored Room“ im Zentrum. Eine Begegnung der dritten Art ist die in Schwarzlicht getauchte Rekonstruktion eines kombinierten Schlaf- und Wohnzimmers „I’m Here, But Nothing“ von 2000, in dem auf violetten Wänden Hunderte von fluoreszierenden Klebepunkten (auch auf einem Kitschbild des Kölner Doms) aufgebracht sind, die sich nach Kurzem auf den Betrachter zubewegen und real werden. Der Weg dorthin führt an einer Auswahl aus dem inzwischen auf siebenhundert Stücke angewachsenen Bilderzyklus „My Eternal Soul“ vorbei, die in ihrer Farbigkeit und den Punktketten formal an jahrtausendealte Aborigineskunst Australiens erinnert.
Sublimer als der letzte Teil der Schau auf der Museumsterrasse könnte die Rückbindung an das erste Werk Kusamas in Köln nicht sein: Drei je 1200 Kilogramm schwere Pflanzen winden sich vor der Kulisse des Doms und halten untereinander wie auch mit der von steinernen Kriechblumen, Lilien und Fialen überzuckerten gotischen Kathedrale innige Zwiesprache. Ein kubisch-futuristischer „Teezeremonie“-Raum daneben schimmert außen silbern und ist im Innern erneut vollverglast und punktiert. Er ist betretbar und überbrückt als meditative Stoa und west-östlicher Diwan Fernost und die neue Welt, indem er allen, der Künstlerin wie den Betrachtern, Seelenruhe schenkt.
