Hatte Herman Melville doch recht? Können Wale Schiffe versenken, indem sie sie im wilden Furor mit ihren Köpfen rammen? Verhaltensforscher waren lange Zeit skeptisch. Aber neue Beobachtungen zeigen, dass etwas dran sein könnte.
Pottwale (Physeter macrocephalus) sind eindrucksvolle und merkwürdige Lebewesen zugleich: Ihre Clicks, mit denen sie auf Jagd gehen und sich verständigen, sind die lautesten Geräusche in der Tierwelt. Wahrscheinlich ist dies dank ihres enormen, vor dem Gehirn liegenden Spermaceti-Organs möglich, das so groß ist, dass der Kopf der Wale ein Drittel des gesamten Körpers einnimmt. Das Speramceti-Organ ist es auch, welches Pottwale im 19. Jahrhundert bei Menschen zur begehrten Beute machte: Es ist mit einer zähen, weißen, an Sperma erinnernden Masse gefüllt, dem sogenannten Walrat, welche sich hervorragend als Lampen- und Schmieröl eignet und zu Kerzen und anderen Alltagswaren verarbeitet wurde.
Wegen dieses Walrats wurden unzählige Pottwale mit Harpunen gejagt. In der rund 200 Jahre dauernden Ära des Walfangs gehörten sie neben Grönland-, Glatt- und Blauwalen (beliebt wegen ihrer Barten und des Blubbers) zu den begehrtesten Walen.

Bei der Waljagd kam es vor allem in den ersten Jahren zu vielen Unfällen: Um die Wale zu erlegen, wurden kleine Boote von den großen Schiffen ausgesetzt, die Harpuniere warfen ihre Lanzen von Hand aus. Verhakte sich die Waffe im Wal, zog dieser das Boot an der Harpunenleine oft Kilometer weit hinter sich her, bis er ermüdete und die Walfänger das Tier endgültig erlegen konnten. Erst die Erfindung der Harpunenkanone um 1900 herum machte die Jagd für Menschen sicherer. Nun konnten die Wale vom Schiff aus erlegt werden.
Aus den gefährlichen Jahren der Handharpunen stammt eine Geschichte, die den Walfang und das Image der Pottwale bis heute prägt: der Untergang des Walfängers Essex. Das amerikanische Schiff war 1819 von Nantucket aus in See gestochen und zum Fang in den Pazifik aufgebrochen. 1820 spürte es eine Gruppe Pottwale auf, mitten im Nirgendwo, 500 Seemeilen westlich von Galapagos.
Fangboote wurden ausgesetzt, die Jagd sollte beginnen. Normalerweise reagieren Pottwale, die sich bedroht fühlen, mit dem sogenannten Margeriten-Verhalten: Vor allem Pottwalweibchen mit ihren Jungen schwimmen in einem Kreis, Kopf an Kopf zusammen, ihre Schwänze weisen nach außen. Für Walfänger war dies praktisch, sie konnten relativ einfach viele Wale auf einmal erlegen.
Das Schicksal der Essex
Doch der Essex war kein so leichter Fang beschert: Stattdessen drehte einer der Pottwale ab und steuerte direkt auf den Dreimaster zu. Er rammte und versenkte ihn.
Der Erste Offizier Owen Chase, damals 21 Jahre alt, erinnerte sich später an das Ereignis: „Plötzlich kam Bewegung in den Wal. Kraftvoll peitschte seine 20 Fuß breite Schwanzflosse das Wasser, und mit leichtem Hin und Her steuerte er erst langsam, dann immer schneller mit seinem plumpen, fassähnlichen Kopf auf die Backbordseite zu und rammte unser Schiff.“ Das Tier sei „wie von Sinnen vor Wut und Rachegelüsten“ gewesen. Der Wal sei dann unter dem Schiff hindurchgetaucht und auf der anderen Seite wieder an die Oberfläche gekommen.
Es sei der mit Abstand größte Pottwal gewesen, den Owen bis dahin gesehen habe, schreibt er. „Ein Bulle von 85 Fuß Länge und annähernd 80 Tonnen Gewicht. Ich sah ihn jetzt doppelt so schnell auf uns zuschießen, wie von Sinnen vor Wut und Rachegelüsten.“
Der Untergang der Essex fand später Eingang in die Weltliteratur: Er inspirierte Herman Melville zu „Moby-Dick“.
Rekonstruktion der Vorgänge
Der Pottwalexperte Hal Whitehead von der Dalhousie University in Kanada erforscht Pottwale seit Jahrzehnten und hat diese und andere Berichte von Schiffsversenkungen analysiert, bei denen Wale beteiligt gewesen waren. Er glaubt allerdings nicht, dass der Pottwal die Essex initial aus Rache attackiert hat: Wahrscheinlich sei der große männliche Pottwal zunächst versehentlich auf das Boot getroffen, da er beim ersten Zusammenstoß nicht sehr schnell gewesen sei, sagte er in einem Interview mit der Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation. Danach sei der Wal für eine kurze Weile offenbar einfach neben dem Boot. „Er dachte sich wahrscheinlich: ,Was zur Hölle war das?‘, und tauchte wieder ab“, so Whitehead. „Aber danach schien es so, als ob er sauer wurde, umkehrte und mit doppelter Geschwindigkeit zurückkam. Er rammte das ziemlich verottete Schiff an seiner schwächsten Stelle, dem Bug – und versenkte es.“ Vielleicht vermenschliche er die Situation, schränkt der Forscher ein, „aber so interpretiere ich es irgendwie“.
Whitehead fügt auch an, dass er bei den zahlreichen Forschungsfahrten immer wieder die Situation erlebt habe, dass ein Wal auf das Forschungsschiff zugeschwommen sei. Aber die Wale hätten vor einem Zusammenstoß immer abgedreht oder seien abgetaucht.
Ein Unfall, der eskalierte? Lange Zeit war unklar, ob Pottwale ihren Kopf überhaupt als Rammbock einsetzen. Immerhin ist das Organ sehr wichtig für sie, ermöglicht es doch die fokussierte Aussendung der Clicks, mit denen die Tiere in der Tiefsee ihre Nahrung, Tintenfische, orten und mit denen sie untereinander über Tausende Kilometer hinweg kommunizieren.
Doch seit einigen Jahren hat sich das Wissen über Wale enorm erweitert: dank Drohenkameras. Nun berichten Wissenschaftler um Alec Burslem, Luke Rendell und Rui Prieto im Journal „Marine Mammal Science“ von vier Beobachtungen, bei denen Pottwale ihre Köpfe zum Rammen eingesetzt hatten.
Zwischen den Jahren 2020 und 2022 waren vor den Balearen und den Azoren Pottwale gesichtet worden, die einander mit ihren Köpfen rammten. Die Wissenschaftler konnten das Verhalten genau analysieren, als sie die Tiere nicht nur aus der Luft sahen, sondern ihnen auch Ton- und Bewegungsdaten zur Verfügung standen, die von Unterwassermikrofonen und von an einzelnen Tieren befestigten Sonden übertragen worden waren.
Noch viele Fragen offen
In allen drei beobachteten Fällen ging die Aktion von Männchen aus – aber in keinem Fall war es ein großer ausgewachsener Bulle, wie der, von dem der Erste Offizier der Essex berichtete. Alle auf Video aufgenommenen Tiere waren heranwachsende Pottwale gewesen. In einem Fall hatte eines dieser Männchen den Kopf eines Weibchens gerammt.
Es ist unklar, ob Pottwale ihren Kopf häufiger als Rammbock einsetzen. Mathematische Berechnungen zeigen immerhin, dass die dabei entstehenden Kräfte weder ihrem Spermaceti-Organ noch ihrem Gehirn Schaden zufügen dürften. Es ist auch nicht klar, ob das Verhalten eher aus sozialen Gründen erfolgt, ein Paarungsritual ist oder aus Aggression heraus entsteht.
Alec Burslem sagt, die Beobachtung von Wildtieren wie den Pottwalen von Drohnen aus revolutioniere ihre Erforschung. „Es ist spannend, darüber nachzudenken, welche bisher unbekannten Verhaltensweisen wir vielleicht bald entdecken werden und wie weitere Beobachtungen von Kopfstößen uns helfen könnten, Licht in die Funktionen dieses Verhaltens zu bringen.“ Und er betont: „Falls es da draußen Menschen gibt, die über ähnliches Filmmaterial verfügen, würden wir uns sehr freuen, von ihnen zu hören.“
