
Es kann gut sein, dass Israels Oberstes Gericht das neue Gesetz zur Todesstrafe kippen wird. Aber auch dann wäre der Schaden schon angerichtet. Das Land ist einen weiteren Schritt gegangen auf dem langen Weg in die Düsternis einer militarisierten, mitleidlosen Gesellschaft.
Der rassistische Charakter des Gesetzes ist offensichtlich. Die Bestimmung, dass in den besetzten Gebieten Palästinenser für terroristische Morde gehenkt werden müssen, Israelis aber nicht, wird nicht verschleiert – sie steht buchstäblich so im Text. Auch die Formulierung, dass in Israel für Morde die Todesstrafe verhängt werden kann, wenn das Ziel die „Verneinung der Existenz des Staates Israel“ war, dient klar dazu, Juden davon auszunehmen. Während Polizeiminister Itamar Ben-Gvir und seine Kollegen am Montagabend Champagnerflaschen herausholten, nachdem die Knesset „sein“ Gesetz mit absoluter Mehrheit verabschiedet hatte, reichte die erste Menschenrechtsorganisation schon eine Petition dagegen ein.
Selbst wenn das Gericht ihr stattgibt, ändert das aber nicht viel an der Sachlage. Denn in der Praxis ist die Todesstrafe für Palästinenser, denen Terrorakte vorgeworfen werden, längst in Kraft. Es braucht dafür kein Gerichtsurteil und keinen Henker: Soldaten oder bewaffnete Zivilisten übernehmen die Aufgabe einfach selbst. Immer wieder gibt es Berichte von Palästinensern, die erschossen worden sind, weil sie Angriffe durchgeführt oder geplant haben sollen. Die Faktenlage ist dabei oftmals nicht eindeutig.
„Der Finger sitzt zu 110 Prozent locker am Abzug.“
Man darf dabei nicht vergessen, dass Terrorattacken von Palästinensern gegen Zivilisten sowie Angriffe auf das israelische Militär keine Einbildung sind. Sie geschehen indessen seltener als früher – die Besatzungsmacht herrscht im Westjordanland mit eiserner Faust. Der Umgang der Soldaten mit echten oder vermeintlichen Gefahren hat sich dabei jedoch immer weiter von nachvollziehbaren Standards entfernt.
Steine werfende Jugendliche; Autos, die aus der Sicht der Soldaten zu schnell auf einen Checkpoint zufahren; Passanten, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind – alles Bedrohungen und daher mögliche Ziele für „Eliminierung“. Selbst ein sehr nüchterner palästinensischer Analyst sagt, bei israelischen Soldaten „sitzt der Finger zu 110 Prozent locker am Abzug“.
Folgen hat das kaum noch. Als 2016 der Soldat Elor Azaria einem am Boden liegenden Attentäter einen Kopfschuss verpasste, löste das in Israel noch Empörung aus. Aber schon damals war die Unterstützung für Azaria beträchtlich, er saß letztlich neun Monate im Gefängnis.
Heute ruft so etwas bei vielen Israelis nicht einmal mehr ein Schulterzucken hervor. Es muss schon, wie am 15. März in der Stadt Tammun, ein palästinensisches Ehepaar mit zwei Kindern von einer Undercovereinheit im Auto erschossen werden, damit das überhaupt Beachtung findet. Als eine Moderatorin im israelischen Fernsehen über den Vorfall sprach, erntete sie jedoch einen Shitstorm.
Das Todesstrafengesetz nimmt diese Stimmung auf. Die Oppositionsabgeordnete Aida Touma-Sliman wies darauf hin, dass Ben-Gvir vor der Parlamentswahl in diesem Jahr „liebend gerne eine Hinrichtung sehen würde“. Sollte das Gesetz am Obersten Gericht scheitern, könnte er wiederum gegen die „linken“ Richter Front machen. Für die Ultrarechten ist es eine Win-win-Situation: Entweder wird der Abbau des Rechtsstaats vorangetrieben – oder die Entmenschlichung der Palästinenser.
