Schulen sollen Kindern vor allem Wissen und Orientierung
vermitteln. Doch vielerorts wirkt es so, als müsse das System vor allem eines: nicht
zusammenbrechen. Im vergangenen Schuljahr wurden in Deutschland rund 11,4
Millionen Kinder und Jugendliche unterrichtet. Das entspricht einem Anstieg
von knapp einem Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Mehr Schüler, größere Klassen – das bedeutet mehr Arbeit für die Lehrkraft.
Der Grundschullehrer Markus Hoppe* hat etwa das Gefühl, den einzelnen Kindern in seiner Klasse
nicht gerecht werden zu können. Er ist einer von rund 90 Lehrkräften, die sich
auf unseren ZEIT-Leseraufruf gemeldet haben, was sich an Schulen
verbessern müsste.
“In einer Klasse sitzen Kinder, die
intellektuell sehr fit sind, direkt neben anderen, die völlig den Anschluss
verlieren”, sagt Hoppe. Oft fehle eine gemeinsame Sprache. Es
müsse viel mehr in die Schulen investiert werden, findet Hoppe. Ansonsten sei Inklusion
lediglich ein schönes Wort: “In der Realität werden viele Kinder einfach nur
verwahrt.”
Sonderlich viel Geld ist für Bildung tatsächlich nicht vorgesehen. Nach einer Studie
des Instituts der deutschen Wirtschaft gab Deutschland im Jahr 2023 für
Bildung nur neun Prozent aller Mittel aus – Österreich, die Schweiz und auch
die nordischen Länder investierten deutlich mehr.
Dazu kommt der Personalmangel. Bis
2035 fehlen etwa 49.000 ausgebildete Lehrkräfte, um alle offenen Stellen zu
besetzen. Das hat auch Folgen für Lehrerinnen und Lehrer. “Die zahlreichen Nebenfächer können an meiner
Schule wegen des Personalmangels oft nicht angeboten werden”, sagt Hoppe
beispielsweise. Seine Kollegen und er müssten sich auf Kernfächer wie Mathe und
Deutsch konzentrieren.
Respektlose Schüler, unflexibler Unterricht
Andere Lehrkräfte, die sich bei uns
gemeldet haben, berichten von respektlosen Schülern und Eltern, die ihnen
drohen. Einige Jugendliche würden regelmäßig den Unterricht schwänzen,
Sanktionsmöglichkeiten gebe es zu wenig, sagt eine Berufsschullehrerin.
Ein anderer Lehrer erzählt, wie schwierig es sei, den Kindern den richtigen
Umgang mit künstlicher Intelligenz und sozialen Medien zu vermitteln. Viele
Schüler seien überfordert durch die Inhalte, die da auf sie einprasseln.
Zu wenig Zeit für zu viele Aufgaben – das ist
ein Problem, das einige der Lehrkräfte nennen. Unflexibler Unterricht und
starre Regeln ein anderes. Was die meisten eint, die
sich bei uns gemeldet haben, ist ihre Überforderung im Arbeitsalltag.
Viele von ihnen haben aber auch konkrete Vorschläge, was
man verbessern könnte. Hannah Vorreiter*
erzählt, dass es an ihrer Berufsschule einen sogenannten Reflexionsraum
gibt. Schüler, die sich im Unterricht streiten oder ihn stören, schicke sie
dorthin. In dem Raum befinde sich immer eine Lehrkraft, die sich um die Schüler
kümmert und zwischen ihnen vermittelt. Vorreiter selbst kann sich in der
Zwischenzeit auf ihren Unterricht konzentrieren.
Hier erzählen acht Lehrerinnen und Lehrer, was aus ihrer Sicht an Schulen schiefläuft – und
wie sich das ändern ließe.
“Das Referendariat begünstigt Machtmissbrauch”
Ich bin Referendarin an einer Mittelschule. Ursprünglich habe ich Germanistik studiert und in der Medienbranche gearbeitet, zuletzt freiberuflich. Als Quereinsteigerin erlebe ich im Referendariat einen Kulturschock: Vieles, was ich aus der freien Wirtschaft kenne und auch für gut befinde, gibt es hier nicht. Aus meiner Sicht begünstigt das Referendariat in seiner jetzigen Form Hierarchien und Machtmissbrauch.
Nach einem Unterrichtsbesuch gibt es beispielsweise in unserem Seminar ein Vieraugengespräch mit der Seminarleitung. Das Gespräch wird protokolliert. Eine gemeinsame Abstimmung zum Inhalt ist nicht vorgesehen. Es wird erwartet, dass der Referendar den Text einfach unterschreibt.
Wir bleiben auch sehr im Unklaren darüber, wie es um unsere Bewertung steht. In den zwei Jahren des Referendariats sammeln wir Noten an, von denen einige schon zum Ende des ersten Jahres feststehen. Allerdings werden alle Noten erst am Ende des Referendariats bekannt gegeben. Das führt nicht dazu, dass man mit einem guten Gefühl unterrichtet.
In meinem alten Beruf zählten nur Fleiß und gute Arbeit. Wer gute Ergebnisse ablieferte, machte Karriere. Von den Vorgesetzten wusste man, dass sie tolle Arbeit machen, und respektierte sie dementsprechend. Bei den Führungskräften im Schulsystem ist es für mich oft nicht nachvollziehbar, warum jemand auf einer bestimmten Position ist.
Es gibt auch kaum Möglichkeiten, Kritik zu üben – schließlich ist die Stelle, bei der man sich beschweren könnte, auch meist die, die Referendarinnen beurteilt. Wer Kritik übt, riskiert, sich zu schaden. Für dieses System will ich nicht arbeiten. Deshalb werde ich auf jeden Fall an einer Privatschule unterrichten. Da kann ich offener darüber sein, was ich wirklich denke.
“Unsere Schüler brauchen Einzelfallbetreuung”
In unserer Schule hat ungefähr jeder dritte Jugendliche eine diagnostizierte Lern- oder Entwicklungsstörung, häufig mit sozialen Auffälligkeiten. Unsere Schülerinnen und Schüler bräuchten eine Einzelfallbetreuung, Hilfe bei der Ausbildungssuche und Verhaltenstrainings. Wir Lehrer sind damit überfordert, wir wurden nicht dafür ausgebildet. Unsere Sozialarbeiter können gelegentlich Einzelnen helfen, aber die Anzahl überfordert auch sie. Die Stellen müssten mindestens verdoppelt werden, um zumindest denen zu helfen, bei denen noch Hoffnung besteht.
Wegen Vandalismus und regelmäßiger körperlicher Auseinandersetzungen bräuchten wir auch Sicherheitspersonal. Toiletten wurden mit Fäkalien beschmiert, in Toilettenbürstenhalter wurde uriniert, und auf dem Schulhof kommt es circa einmal im Monat zu Handgreiflichkeiten zwischen Schülern. In der Vergangenheit waren wir zu zweit als Pausenaufsicht, jetzt nur noch allein. Dadurch kann ich in solchen Fällen nur die Polizei rufen.
Wir Lehrkräfte haben kaum Möglichkeiten, Fehlverhalten zu sanktionieren. Das Handyverbot ist eine Grauzone, und Hausverweise sind schwierig. Die Schülerinnen und Schüler kommen oft aus schwierigen Elternhäusern mit psychischen Erkrankungen, Suchtproblemen, Arbeitslosigkeit oder gelegentlich sogar kriminellen Strukturen, in denen der schulische Erfolg nicht gefördert wird. Für die Eltern ist es oft wichtiger, dass die Kinder im eigenen Betrieb mitarbeiten und dort für Einnahmen sorgen, als dass sie am Unterricht teilnehmen. Bei einigen Familien fällt auch erst auf, dass ihre Kinder nicht mehr zur Schule gehen, wenn die Kindergeldzahlungen eingestellt werden.
Es gibt viele hervorragende Ausbildungsbetriebe im Handwerk. Aber manche Betriebe nutzen Azubis leider als billige Hilfskräfte aus. Auch gegen Arbeitszeitregeln wird oft verstoßen. So kommt es, dass manche Auszubildende bis zu zwölf Stunden am Stück arbeiten müssen. Die intelligenteren mit etwas Unterstützung im Leben suchen sich im Zweifel einen neuen Betrieb, aber jene, deren Aufenthaltsstatus an den Ausbildungsvertrag bei einer Firma gekoppelt ist, ertragen das alles, um nur nicht abgeschoben zu werden.
Unsere Schule kann solche Probleme nicht allein lösen. Wir brauchen bereits in der allgemeinbildenden Schule mehr Unterricht in Politik und Sozialkunde, um den Kindern zu vermitteln, wie unsere Gesellschaft und der Rechtsstaat funktionieren. Außerdem sind massive Investitionen noch vor dem Kindergarten nötig, um Kinder aus belasteten Strukturen rechtzeitig aufzufangen. Wenn die Jugendlichen erst mal in der Berufsschule sind, können wir nur noch bei einigen sehr mühsam etwas reparieren. Der entscheidende Faktor ist weiterhin das Elternhaus. Das kann und darf sich unsere Gesellschaft nicht länger leisten.
“Viele Kinder werden einfach nur verwahrt”
Ich unterrichte seit sechs Jahren an einer Grundschule, an die Kinder aus bildungsnahen und bildungsfernen Stadtteilen kommen. Inklusion ist für die Grundschulen ein schönes Wort, aber in der Realität werden viele Kinder einfach nur verwahrt. Wir haben Kinder mit massivem Förderbedarf in den Regelklassen, aber keine Möglichkeiten, sie zu unterstützen. Uns fehlen Lehrkräfte, Sozialarbeiterinnen und Schulhelfer. Das Personal wird nur eingesetzt, um den Unterricht aufrechtzuerhalten, dringend nötige Sprachförderstunden fallen als Erstes weg.
Das Ergebnis ist eine extreme Spreizung: In einer Klasse sitzen Kinder, die intellektuell sehr fit sind, direkt neben Kindern, die völlig den Anschluss verlieren. Oft fehlt sogar eine gemeinsame Sprache. Viele beherrschen weder Deutsch noch ihre Muttersprache fließend.
Hinter diesen Sprachbarrieren verbergen sich oft tiefe Abgründe: Fluchterfahrungen oder Traumatisierungen durch häusliche und sexualisierte Gewalt. Jede Einschulung ist für mich wie eine Blackbox. Ich stehe vor fast 30 Kindern, und in ihren Akten fehlen oft die relevanten Berichte. Dann weiß ich weder über ihren sprachlichen Hintergrund Bescheid noch darüber, ob sie jemals eine Kita besucht haben.
Die Unterstützung von staatlicher Seite ist mangelhaft. Wenn ich für diese Kinder Förderstunden beantrage, werden sie oft mit dem Argument abgelehnt, es gebe keinen Anspruch. Doch zwischen den Zeilen wird mir signalisiert, dass schlicht das Geld fehlt.
Auch der Kinderschutz stößt bei uns an der Schule an Grenzen. Ich erlebe Kinder, die massiver Gewalt ausgesetzt sind. Jugendämter können erst reagieren, wenn es “schlimm genug” ist, wie sie uns sagen. Die Flut an Fällen ist dort so groß, dass sie nicht allen helfen können.
Wir machen uns etwas vor. Die Lehrpläne an den Grundschulen orientieren sich an den Altersstufen, nicht aber an den Kompetenzen der Kinder. Lehrerinnen und Lehrer sind gezwungen, Stoff zu unterrichten, den ein Großteil der Klasse kognitiv oder sprachlich gar nicht erfassen kann. Ich wünsche mir ein System, das sich an den Fähigkeiten der Kinder orientiert, anstatt sie starr durch Klassenstufen zu schleusen.
Die Verantwortlichen im Schulsystem müssten den Mangel ehrlich einräumen. Weil wir zu wenige Lehrkräfte sind, können wir an meiner Schule viele Nebenfächer oft nicht anbieten. Wir müssen uns auf Kernfächer wie Mathe und Deutsch konzentrieren. Dabei bräuchte es eigentlich sogar eine Doppelbesetzung, das würde sofort helfen. Zwei Fachkräfte pro Klasse: eine Person, die den Unterrichtsinhalt vermittelt, und eine zweite, die sich gezielt um die sozialen und kognitiven Defizite der Kinder kümmert.
“Für viele meiner Kollegen ist der Schüler der Feind”
In Texten schreien Lehrer oft um Hilfe – weil viele ihrer Schülerinnen und Schüler kaum Deutsch sprechen, weil das Internet schlecht ist oder die Schulen alt sind. Dabei sind oft die Lehrer selbst ein großes Problem.
Viele suchen bei ihren Schülern nur nach Fehlern. Sie setzen voraus, dass die Kinder schon alles können. Und wenn eines mal länger braucht, wird es gleich als dumm hingestellt. Bei einem Kind mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche sehen viele Lehrende gar nicht, dass es in anderen Fächern stark ist. Dabei kann niemand in allen Fächern gut sein.
Für viele meiner Kollegen ist der Schüler in erster Linie der Feind. Und die Eltern sind der noch größere Feind. Manche halten ihren Unterricht nach dem immer gleichen Schema, weil das schon immer so gemacht wurde. Viele Lehrkräfte kommen aus Lehrerdynastien. Sie haben nie eine andere Perspektive mitbekommen, sondern übernehmen das, was von Generation zu Generation übertragen wurde.
Ich bin Arbeiterkind, habe einen Hauptschulabschluss gemacht und mich von da an weiter nach oben gearbeitet. Im Referendariat hat man mich das spüren lassen. Ein Fachleiter sagte zu mir, ich könne das Schulsystem ja gar nicht verstehen, weil meine Eltern keine Lehrer sind.
Heute versuche ich, anders zu unterrichten. Ich schaue weniger auf die Fehler, sondern darauf, was ein Schüler oder eine Schülerin alles kann. Mir geht es darum, die Kinder in ihren Fähigkeiten zu bestärken und kleine Fortschritte zu feiern. Das wird mir allerdings nicht leicht gemacht – man hat immer wieder versucht, mich ins System zu drücken. Andere Meinungen oder andere Unterrichtsstile sind nicht erwünscht. Man soll sich nicht über die Kolleginnen und Kollegen beschweren. Und viele geben dann auch nach, man will ja zum Kollegium dazugehören. Man braucht schon einen verdammt starken Charakter und ein hohes Berufsethos, um durchzuhalten.
Das könnte sich ändern, wenn das Studium besser auf den Beruf vorbereiten würde. Wer in der Uni gut abschneidet, ist noch lange kein guter Lehrer. Die meisten Referendare wissen ganz genau, was ihr Fachleiter von ihnen erwartet – aber nicht, wie sie auf ihre Schülerinnen und Schüler eingehen sollen. Und das kompensieren sie dann durch autoritäres Auftreten gegenüber den Kindern und Jugendlichen und psychischen Druck. Deshalb sollten Lehrkräfte auch viel mehr beobachtet werden. Die Supervision könnte die Schulaufsicht übernehmen oder eine unabhängige Kommission. Der Klassenraum darf auf keinen Fall ein undurchdringbares System sein, in dem der Lehrer die absolute Machtperson ist.
“Fehlzeiten werden mit gefälschten Attesten begründet”
Auch nach Jahrzehnten im Beruf liebe ich meine täglichen Aufgaben. Meine Arbeit ist spannend, weil wir an der berufsbildenden Schule verschiedene Bildungsgänge haben: Klasse 1 der Berufseinstiegsschule für Schülerinnen und Schüler, die keinen Hauptschulabschluss haben, aber noch schulpflichtig sind. Klasse 2 für alle, die ihren Hauptschulabschluss nachholen möchten.
Die Altersspanne meiner Schüler ist breit, von 15- bis zu 50-Jährigen auf dem zweiten Bildungsweg. Wir unterrichten nur auf Deutsch. Bei sprachlichen Hürden arbeiten wir mit dem sogenannten Deutschfuchs-System, mit dem Schüler die Sprache lernen können. Geflüchtete, die mehrere Jahre unterwegs waren und kaum schulische Grundlagen mitbringen, haben häufig Schwierigkeiten im Unterricht. Einige sind Analphabeten oder kennen nur andere Schriftsysteme wie die arabische oder kyrillische Schrift.
Leider erlebe ich mittlerweile viel häufiger als früher, dass sich Schüler und Schülerinnen respektlos oder aggressiv verhalten. Meistens haben wir Probleme mit männlichen Schülern, oft auch aus Deutschland, aber insbesondere mit Einwanderern der zweiten und dritten Generation. Deren Eltern sprechen kaum Deutsch, sie bleiben in ihren kulturellen Kreisen. Das erkenne ich daran, dass auch die Kinder nicht fehlerfrei Deutsch sprechen. Ich erlebe regelmäßig Cybermobbing, rassistische Bemerkungen und Gewaltbereitschaft. Beispielsweise hatte ich in der vergangenen Woche wieder eine Diskussion: Was ist Rassismus, was ist Beleidigung? Inklusive der Frage, ob es rassistische Beleidigungen gibt.
Um Konflikte zwischen Schülern zu bearbeiten, haben wir ein Instrument, das gut funktioniert: den Reflexionsraum. Wenn Schüler den Unterricht durch Beleidigungen oder Bedrohungen stören, schickt die Lehrkraft sie mit einem Laufzettel, auf dem der Vorfall und die Personen stehen, in diesen Raum. Dort befindet sich sechs Stunden täglich eine Lehrkraft, sie trennt die Parteien und bespricht den Fall, bis eine Lösung gefunden ist. Reicht eine Entschuldigung nicht, folgen weitere Schritte, etwa ein Elterngespräch oder eine Klassenkonferenz.
Mich stört, dass die Regeln unserer Schule oft nicht beachtet werden. Es ist ungerecht gegenüber den Schülern, die sich anstrengen. Einige melden sich fünf Minuten vor Beginn per WhatsApp vom Unterricht ab, Fehlzeiten werden mit gefälschten Attesten begründet.
Übergriffe und Bedrohungen erleben wir auch von Eltern. Ein Vater hat beispielsweise eine Kollegin am Telefon bedroht, weil die Schule das unentschuldigte Fehlen der Tochter dem Landkreis gemeldet hatte und ihm dadurch ein Mahnverfahren und Kindergeldkürzungen drohten. Er sagte, die Lehrerin sei “wohl seine Freundin” und sie würde ihn “bald richtig kennenlernen”. Das empfinde ich als heftige Drohung.
Wir brauchen eine klare Ansage auch von der regionalen Landesschulbehörde, was akzeptiert wird und was nicht. Eine ärztliche Bescheinigung sollte beispielsweise von einem niedergelassenen Arzt im Landkreis kommen müssen und nicht aus Internetquellen. Fehlzeiten sollten echte Konsequenzen haben, bis hin zu Kürzungen von Kindergeld oder Sozialleistungen. Und wenn wir Lehrkräfte bedroht werden, brauchen wir spürbare Maßnahmen zu unserem Schutz.
“Ich finde es viel zu früh, in der Grundschule Noten zu geben”
Vieles im Schulsystem ist veraltet und schadet den Kindern nur. Warum werden die Schülerinnen und Schüler dazu gedrillt, nach dem Pausengong im 45-Minuten-Takt zu lernen? Warum müssen sie sich an meiner Schule nach der Pause in Zweierreihen aufstellen? Das hat etwas Militärisches.
Außerdem finde ich es viel zu früh, in der Grundschule Noten zu geben. Die Kinder verstehen in der vierten Klasse noch nicht, dass eine Note nur ihre Leistung bewertet und nicht ihre Persönlichkeit. Da sollte sich unser Schulsystem Länder wie Schweden zum Vorbild nehmen – dort gibt es bis zum Ende der achten Klasse keine Noten. Es ist auch wenig sinnvoll, schon in der Grundschule Diktate zu schreiben. Die Rechtschreibung ist bei Kindern erst Ende der sechsten Klasse abgeschlossen.
Ein anderer Punkt: Jungen und Mädchen sollten nicht im gleichen Alter eingeschult werden. Viele Jungen sind zwar körperlich stark entwickelt, aber kognitiv noch nicht so weit wie der Durchschnitt der Mädchen. Deshalb werden viele Jungen von Anfang an zu Schulversagern erklärt. Eigentlich bräuchten sie aber nur ein Jahr mehr, in dem sie spielen und sich entwickeln könnten.
Ich würde mir wünschen, dass wir Lehrkräfte viel mehr Zeit für die Kinder haben, um individuell auf sie einzugehen. Das ginge, wenn sich beispielsweise zwei von uns gleichberechtigt die Klassenleitung teilen würden.
Es gibt genügend Schulleiter, die Ideen haben und etwas bewegen wollen. Oft scheitern sie an formalen Vorgaben. Man sollte ihnen die Möglichkeit geben, den Unterricht in ihrer Schule flexibler zu gestalten.
“Niemand hat eine Vision, wie es mit dem Bildungssystem weitergehen soll”
An einer staatlichen Schule habe ich nur im Referendariat gearbeitet, das war an einer relativ modernen, gut digitalisierten Schule. Trotzdem habe ich mich als Berufsanfängerin nur bedingt ernst genommen gefühlt. Ich hatte überhaupt keine Deutungshoheit darüber, was guter Unterricht ist. Bei Unterrichtsbesuchen wurde nicht anerkannt, mit wie viel Mühe ich die Stunden vorbereitet habe. Mir wurde immer wieder gesagt: “Wir machen das hier so, wie wir es immer machen.”
Nun bin ich an einer Schule in freier Trägerschaft angestellt. Vieles hier sehe ich als Vorbild dafür, was sich an Regelschulen ändern müsste. Bei uns können die Schülerinnen und Schüler beispielsweise selbst entscheiden, an welchen Lernstoffen sie arbeiten möchten und wann sie bereit sind, eine Prüfung abzulegen. Wir versuchen, uns weniger an den Rahmenlehrplan zu ketten. Wir achten eher darauf, dass unsere Schüler in Projekten lernen und den Stoff in der Praxis umsetzen können. Dadurch sind auch die Lehrkräfte besser gelaunt, alle an meiner Schule bringen viele Ideen ein und wirken motiviert.
Generell sind wir sehr offen, was neue Lernformate betrifft. In einer siebten Klasse haben wir beispielsweise eine zusätzliche Stunde Englisch eingeführt, weil die Klasse Förderbedarf hatte. Das konnten wir innerhalb einer Woche umsetzen. Ich würde mir auch für staatliche Schulen wünschen, dass sie eine solche Freiheit haben, Unterricht auch mal anders umzusetzen.
Ich glaube aber, dass gerade die Beamten in den Ministerien den Schulalltag nicht kennen. Vieles würde besser funktionieren, wenn Bildung nicht mehr nur Ländersache wäre, sondern alle an einem Strang ziehen. Momentan hat niemand eine richtige Vision, wie es mit unserem Bildungssystem weitergehen soll.
“Mündliche Noten könnten in einer Art Debattierklub ausgehandelt werden”
In sogenannten Produktionsschulen, die schulpflichtige Jugendliche bei freien Trägern auf die Ausbildung vorbereiten sollen, arbeitet man mit Kompetenztafeln: Hier werden Kriterien wie Pünktlichkeit, Selbstständigkeit, Teamfähigkeit und Mitarbeit für alle sichtbar in den Farben Grün, Gelb und Rot abgebildet. Die Teilnehmenden reflektieren dies selbst und auch in der Gruppe. Im Idealfall beginnt man mit einer Selbsteinschätzung, dann durch die Gruppe und zuletzt durch die Fachkraft. Im Idealfall. Denn viele Schülerinnen und Schüler sind ungeübt darin, ihre Leistungen und Kompetenzen richtig einzuschätzen und auch die der anderen offen und vor allem fair und sachlich anzusprechen.
Warum sollte man das nicht schon früher, nämlich in den allgemeinbildenden Schulen, einüben? In vielen Fächern macht die mündliche Mitarbeit ja oft mehr als 50 Prozent der Gesamtnote aus. Etlichen Schülern werden zwar ihre eigenen mündlichen Noten gut und nachvollziehbar vermittelt, aber eben nur diese. Wird der Sitznachbar bei gefühlt ähnlicher Beteiligung besser oder schlechter bewertet, kann diese gefühlte Ungerechtigkeit ziemlich demotivieren.
Durch einen offenen Austausch wie mit den Kompetenztafeln empfinden Kinder und Jugendliche Beurteilungen womöglich als weniger hierarchisch. Sie sprechen über Wahrnehmungen, bringen gute Argumente für eine Bewertung an, im besten Fall führt das zu einem besseren Demokratieverständnis. Es ist zwar ein anstrengendes Experiment, aber auch ein sehr interessantes: Wenn mündliche Noten von klein auf wie in einer Art Debattierklub ausgehandelt werden – eben an einem Thema, von dem man direkt betroffen ist.
Gerade wenn einen andere einschätzen, zeigt sich oft Erstaunliches: Die Gruppe wird allmählich fairer, denn alle kommen mal in die Rolle sowohl des Bewerteten als auch des Bewertenden. Wer sich zu gut einschätzt, wird korrigiert; wer etwa zu schüchtern ist, erhält womöglich Zuspruch. Die Lehrkraft moderiert und vergibt am Ende auch weiterhin die eigene, fachlich begründete mündliche Note. Die Autorität der Notenvergabe bleibt also bei den Lehrerinnen und Lehrern. Aber womöglich führen Anmerkungen aus der Gruppe auch mal zu Erkenntnissen, die man als Lehrkraft schlichtweg übersehen hat.
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*Die Namen der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner sind zum Schutz vor beruflichen Nachteilen geändert. Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.
