Miss Bialik, die Welt kennt Sie als Sitcom-Star, nicht zuletzt dank „The Big Bang Theory“. Dass Sie nun neben Cate Blanchett oder Adam Driver in einem Film wie „Father Mother Sister Brother“ (jetzt im Kino) mitspielen, inszeniert vom Arthouse-Meister Jim Jarmusch, kommt eher überraschend, oder?
Das können Sie laut sagen. Zumal ich auf eher ungewöhnliche Weise an die Rolle gekommen bin, eigentlich ganz passend zu Jim Jarmusch. Denn er kannte meine Arbeit als Schauspielerin gar nicht, sondern meldete sich bei mir, weil er mich als Moderatorin der Quizshow „Jeopardy!“ gesehen hatte. Er ist ein großer Fan der Show und kam beim Gucken darauf, dass er sich mich gut als Schwester von Adam Driver vorstellen kann. Wirklich eine der vielen unerwarteten Wendungen in meinem Leben. Zumal die Schauspielerei zu dem Zeitpunkt eigentlich keine große Rolle für mich spielte. Nach fast zehn Jahren „Big Bang Theory“, drei Jahren als Hauptdarstellerin der Sitcom „Call Me Kat“ plus „Jeopardy!“ und meinem ersten selbst geschriebenen und inszenierten Film widmete ich mich in den letzten Jahren eigentlich nur noch meinem Podcast „Mayim Bialik’s Breakdown“, in dem ich mich mit mentaler Gesundheit beschäftige.
Aber Sie wussten schon, wer Jarmusch ist?
Na klar, ich bin schon lange Fan. „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ ist mein Lieblingsfilm von ihm. Deswegen war ich aus dem Häuschen, als er sich bei mir meldete. Und nun spiele ich auch noch die Tochter von Tom Waits, dieser absoluten Legende. Ihn kennenzulernen, war ein bisschen, wie einem Einhorn zu begegnen. Sehr besonders und kaum in Worte zu fassen.

„Father Mother Sister Brother“ ist in vielen Momenten auch ein sehr lustiger Film. War das also ein Heimspiel für Sie?
Jims Humor holt mich persönlich voll ab. Seine Filme machen keine Witze, aber sind doch enorm witzig. Damit sind sie oft ganz nah am wahren Leben. Und vieles entsteht natürlich auch erst durch den Schnitt. Mein langjähriger Lebensgefährte sagt immer, dass mir gar nicht klar sei, wie lustig ich häufig nur mit meinen Gesichtsausdrücken bin. Als ich „Father Mother Sister Brother“ sah, wusste ich genau, was er meint. Aber natürlich ist das etwas ganz anderes als das, was ich aus meiner Sitcom-Arbeit kenne. Da habe ich eigentlich gelernt, immer auf den Gag hinzuspielen.
Haben Sie denn jetzt die Hoffnung, der in Venedig prämierte Film könnte Ihnen neue Türen öffnen? Oder haben Sie gar nichts dagegen, im Comedyfach zu bleiben?
Vor allem würde ich ganz gerne in meinem Pyjama bleiben! Ganz im Ernst. Ich stehe vor der Kamera, seit ich elf Jahre alt bin und habe in drei verschiedenen Sitcoms Hauptrollen gespielt. Jetzt bin ich 50 Jahre alt und eigentlich ganz froh, dass ich meinen Podcast habe, mich wieder mit wissenschaftlichen Themen beschäftige und viel Zeit zu Hause im Schlafanzug verbringen kann. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. In Venedig sagte Sofia Coppola zu mir, dass sie meine Perfomance in „Father Mother Sister Brother“ mochte. Definitiv auch etwas, womit ich nie im Leben gerechnet hätte.
Wo Sie gerade Ihre Anfänge als Kinderschauspielerin erwähnen: Was mochten Sie als Elfjährige daran, vor einer Kamera zu stehen?
Ich glaube, es gibt zwei Arten von Schauspielern: diejenigen, denen es um den Applaus geht, und solche, die vor allem die Person hinter der Kamera zufriedenstellen wollen. Ich fiel damals in zweitere Kategorie. Als Kind aus einem mindestens komplizierten Elternhaus ging es mir immer darum, möglichst alle um mich herum glücklich zu machen und jedem Anflug von Unzufriedenheit oder Konflikt entgegenzuwirken.
Ihre heutige Motivation ist sicherlich eine andere, nicht wahr?
Für den Erfolg, die öffentliche Aufmerksamkeit und den Gang über den roten Teppich mache ich den Job immer noch nicht. Dazu bin ich viel zu introvertiert und von solchen Dingen eher überwältigt. Aber heute geht es mir vor allem darum, jemandem wie Jim Jarmusch dabei zu helfen, seine künstlerische Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Natürlich habe ich auch selbst als Schauspielerin meine Ideen, bringe mich ein und stelle Fragen. Doch insgesamt sehe ich diesen Beruf schon als eine Art Serviceleistung, mit der ich mich in den Dienst von jemand anderem stelle.

Als Teenagerin spielten Sie fünf Staffeln lang die Titelrolle in der Serie „Blossom“, später studierten Sie dann aber Neurowissenschaften. War Ihnen die Lust an Hollywood vergangen?
Ich kann mich nicht beklagen über die Erfahrungen, die ich als junge Schauspielerin gemacht habe. Das waren andere Zeiten als heute; ich durfte immer Kind und Teenager sein. Mir wurden keine ungesunden Diäten verordnet, wir hatten weder künstliche Fingernägel noch falsche Wimpern, und dazu, mir Filler ins Gesicht zu spritzen, drängte mich auch niemand. Es gab weder Handys noch Social Media, und die PR-Maschinerie hinter einer solchen Serie war auch noch kaum existent. Ich erinnere mich allerdings auch noch an das erste Casting nach „Blossom“, wo ich plötzlich in körperbetonter Kleidung kommen sollte und nach meinen Maßen befragt wurde. Vor allem aber merkte ich einfach, dass mich auch andere Dinge interessieren. Als Tochter zweier Englischlehrer aus einem eher akademischen Haushalt wollte ich unbedingt ans College – und war dort dann schnell Feuer und Flamme für mein Studium.
Erwogen Sie eine echte Uni-Karriere?
Oh ja, auf jeden Fall. Ich machte ja sogar meinen Doktortitel und steckte da viel Zeit und Arbeit rein. Aber als ich mein zweites Kind bekam, traf ich die damals in diesen Kreisen eher unpopuläre Entscheidung, der Wissenschaft erst einmal den Rücken zu kehren und zu Hause bei der Familie zu bleiben. Und dann kam irgendwann „The Big Bang Theory“ um die Ecke.
Ahnten Sie da gleich, worauf Sie sich einlassen?
Nicht wirklich, denn ich hatte der Filmindustrie gedanklich tatsächlich den Rücken gekehrt und saß zu Hause mit einem Kleinkind und einem Baby, das noch gestillt wurde. „The Big Bang Theory“ lief schon seit zwei Jahren, aber das war an mir vorbeigegangen. Ich dachte, dass sich hinter dem Titel eine Quizsendung verbirgt. Das Angebot, zum Ende der dritten Staffel als Amy Farrah Fowler einzusteigen, kam unverhofft, und ich war neugierig. Vor allem, weil anders als bei „Blossom“ der Druck nicht auf mir als Hauptdarstellerin lastete, sondern ich Teil eines Ensembles sein konnte. Damit, dass die Serie sich dann aber zur erfolgreichsten Sitcom der Welt entwickeln würde, die bis heute täglich irgendwo im amerikanischen Kabelfernsehen zu sehen ist, rechnete ich allerdings wirklich nicht.
Das muss ziemlich überwältigend gewesen sein!
Schräg ist es schon, bis heute. Wenn ich im Flugzeug sitze, kann ich mir sicher sein, dass jede Menge Leute um mich herum „The Big Bang Theory“ gucken. Und als wir zur Premiere von „Father Mother Sister Brother“ in Venedig ankamen und mein Sohn den Fernseher anmachte, sah er als Erstes seine Mutter Italienisch sprechen. Die Leute kennen mich aus ihrem Wohnzimmer, deswegen passiert es immer mal wieder, dass ich angesprochen werde und man mich umarmen will. Ich weiß auch noch, wie wir mal Familienurlaub in Spanien machten und vor irgendeiner Kirche eine Frau in Tränen ausbrach, als sie mich sah. Aber es ist auch nicht so, dass ich nicht trotzdem immer in den Supermarkt gehen konnte. Ich glaube, ein Filmstar zu sein wie Cate Blanchett, so überlebensgroß und unerreichbar, das ist noch einmal eine ganz andere Erfahrung.
Apropos Wohnzimmer, denn wir haben unser Gespräch ja mit „Jeopardy!“ begonnen: Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie plötzlich eine Quizshow moderierten?
Auch das hat sich eher zufällig ergeben. Als Ende 2020 der Moderator Alex Trebek starb, der die Sendung seit 1984 moderiert hatte, las mein ältester Sohn irgendwo, dass die Produzenten nach prominenten Gastmoderatoren suchen, bevor eine Entscheidung über seine Nachfolge getroffen wird. Er fand, ich sollte mich da mal melden. Ich konnte mir das eigentlich nicht vorstellen, aber setzte meinen Agenten trotzdem darauf an. Und siehe da: Ich durfte nicht nur als Gast moderieren, sondern wurde dann sogar fest engagiert. Obwohl ich parallel auch die Sitcom „Call Me Kat“ drehte. Zwei Jahre lang moderierte ich dann „Jeopardy!“ im Wechsel mit Ken Jennings, bevor man sich für ihn als alleinigen Moderator entschied. Was aber auch okay war, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich auch meinen Podcast schon begonnen, den ich gemeinsam mit meinem Lebensgefährten mache. Und gerade gefällt es mir ganz gut, mich vor allem darauf und auf meine Arbeit als Wissenschaftskommunikatorin zu fokussieren.
