
Denen, die vor dem Kandidatenturnier der Weltmeisterschaft im klassischen Schach als Favoriten gehandelt wurden, hat Matthias Blübaum etwas voraus. Anders als die Amerikaner Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura und der Inder Rameshbabu Praggnanandhaa hat der erste deutsche WM-Kandidat seit 1991 seine Begegnungen mit Dschawochir Sindarow ungeschlagen überstanden. Doch nach seinem zweiten Remis gegen den den Rest des Feldes dominierenden Usbeken ließ Blübaum kein gutes Haar an sich: „Ich habe gespielt wie ein Clown.“
Seine Stellung habe er gehasst und sogar schon überlegt, ob es nicht besser gewesen wäre, aufzugeben. Er kämpfte dann doch weiter. Als Sindarow den Abtausch der Damen zuließ, weil er seinen Angriff unterschätzte und das resultierende Endspiel für sich überschätzte, verteidigte Blübaum akkurat, bis sie den Punkt teilten.
Wer dem 28 Jahre alten Lemgoer je beim Streamen von Onlinepartien zugeschaut hat, kennt seine Anfälle von Selbstgeißelung. Auf seinem Twitch-Kanal nennt er sich „KeinSehrStarkerSpieler“. Mit diesen Worten ist sein Großmeisterkollege Arkadij Naiditsch einmal über ihn hergezogen. Blübaum fand das Etikett wunderbar ironisch.
Kein Klassenunterschied am Brett
Als er am Tag nach dem Sindarow-Remis mit der F.A.Z. sprach, gab er Entwarnung. Nein, man muss sich um ihn keine Sorgen machen: „Nach einer Partie brauche ich immer eine halbe bis eine Stunde, dann bin ich okay.“ Wenn er sich einmal durch den Partieverlauf geklickt und die Züge und Bewertungen des Computers gesehen habe, stelle er meistens fest, dass sein Spiel besser gewesen sei, als es sich am Brett angefühlt habe. Den meisten Spielern geht es umgekehrt, die Software zeigt ihnen Fehler, deren sie sich noch gar nicht bewusst waren.
Blübaum ist größer als seine Rivalen, seine kantige Frisur und der ungewohnt wirkende Anzug unterstreichen das noch. Wenn er während der Partie seine Nerven beruhigen will, geht er im vom Publikum nicht einsehbaren Ruhebereich spazieren oder studiert dort die Stellung auf dem Monitor statt am Brett.
Als einziger der acht Kandidaten und acht Kandidatinnen legte er das Halsband mit der Akkreditierung im Turniersaal nicht ab. Von Schacholympiaden und Europameisterschaften ist er es so gewohnt. Auf Einladungsturnieren, wie sie seine Kollegen überwiegend spielen, sind Halsbänder unüblich.
Doch am Brett ist kein Klassenunterschied zu bemerken. Zusammen mit Alexei Jessipenko, beide auf Platz 32 der Weltrangliste, ist er mit der niedrigsten Elozahl 2698 gestartet. Während der Russe nie anderswo als am Tabellenende lag, teilt Blübaum Platz vier.
Sindarow hat einen Lauf
Nur eine der bislang zehn Partien hat er verloren – nicht so sehr wegen schwacher Züge, sondern weil er Fabiano Caruana direkt in die vorbereitete Variante lief. Eine Nebenvariante, die eigentlich noch nie jemand gespielt habe. Am Brett entdeckte Blübaum zwar die Pointe, ein Springeropfer aus heiterem Himmel, doch einen soliden Ausweg fand er da schon nicht mehr.
Nach der ersten Turnierhälfte schien Caruana als Einziger Chancen zu haben, Sindarow einzuholen, doch dann verlor der Amerikaner zweimal in Folge. Mitgefühl mit seinem einzigen Bezwinger zeigte Blübaum nicht. Jeder sei mit seinem eigenen Resultat beschäftigt.
Er hatte erwartet, dass ihn seine Gegner schärfer angehen. Regelmäßig bekomme er Nebenvarianten vorgesetzt, frühe Abweichungen, in der Hoffnung, sich besser auszukennen als er. Aber es sind eben nicht die kritischen Hauptlinien, und in den meisten Fällen fand er sich gut zurecht. Dass seine Gegner kaum etwas gegen ihn riskieren und ihm damit auch nicht die erhofften Chancen verschaffen, selbst einmal zu gewinnen, erklärte Blübaum mit dem Turnierstand.
Sindarow habe so einen Lauf, dass fast alle anderen ihre Chancen, WM-Herausforderer zu werden, abgeschrieben hätten. Eigentlich ist Anish Giri der einzige Verfolger. Mit einer Niederlage gestartet hat sich der Niederländer durch drei Siege, einschließlich dem gegen Caruana, vorgearbeitet; und er hofft nun auf Schützenhilfe des Amerikaners, der an diesem Samstag mit Weiß auf Sindarow trifft. Dass Giri selbst in der vorletzten Runde gegen Sindarow mit Weiß auf Gewinn spielen muss, versteht sich ohnehin.
