
Wäre die Fußball-Bundesliga ein Labor, hätten sich ihre progressiven Kräfte vielleicht schon etwas früher genau diese Versuchsanordnung für ein überfälliges Projekt ausgedacht. Für eine Beförderung, die unter anderen Voraussetzungen ein sehr riskantes Wagnis wäre, das nicht einmal bei den Andersdenkern des FC St. Pauli jemals ernsthaft in Erwägung gezogen wurde.
Marie-Louise Eta wird für die verbleibenden fünf Spieltage der Saison beim 1. FC Union Berlin zur ersten Cheftrainerin einer Männermannschaft in der Bundesliga. Wahrscheinlich wird sie in den nächsten Tagen medial belagert und beobachtet wie ein exotisches Wesen, und die Gefahr, dass irgendwelche Sexisten Spott und Verachtung verbreiten, ist akut. Aber Union Berlin bietet gute Voraussetzungen für diesen großen Schritt.
Der Klub hat die Trennung von Steffen Baumgart zwar mit der zunehmenden Abstiegsgefahr begründet, aber der Druck ist anderswo erheblich größer. Sehr wahrscheinlich wird den Berlinern ein weiterer Sieg aus den restlichen fünf Spielen reichen, um in der Liga zu bleiben, die Erfolgswahrscheinlichkeit ist hoch.
Als vor einigen Monaten in Bremen über eine Beförderung der Frauen-Trainerin Friederike Kromp zur Chefcoachin des Männerteams spekuliert wurde, wählten die Verantwortlichen lieber Daniel Thioune, nachdem sie Horst Steffen entlassen hatten. Zu ungewiss ist immer noch, wie ein Stadion, das mediale Umfeld und eine mit Männergedanken, Männersprache und alten Klischees angefüllte Fußballerkabine auf eine Frau als Chefin reagieren, wenn es richtig ernst wird.
In der Bundesliga wird weibliche Expertise kaum wertgeschätzt
Bei Eta ist das etwas anders. Die 34 Jahre alte Dresdnerin war vor zwei Jahren schon einmal als Assistentin Teil des Trainerteams der Männermannschaft, stand dort auf dem Übungsplatz, war eine Autorität, konnte Anweisungen geben. Das hat gut funktioniert. Die Verantwortlichen haben also einen halbwegs verlässlichen Eindruck davon, was passieren wird. Insofern gibt es keinen Klub und keine Trainerin, deren Verbindung eine günstigere Grundlage für dieses Wagnis bietet, das im besten Fall tatsächlich bleibende Veränderungen bewirkt.
Wenn Eta halbwegs erfolgreich ist, wenn ihre Fähigkeiten sichtbar werden und vielleicht sogar irgendwann ihr Geschlecht vergessen wird, weil sie arbeitet wie andere Erfolgstrainer auch, dann wird der Berliner Weg sogar über Deutschland hinaus wahrgenommen werden. Denn eine Frau als Chefcoach gab es noch in keiner großen Liga des Kontinents.
Zum Gelingen beitragen können aber auch die Berliner Spieler, die rasch einen Zustand der Alltagsnormalität finden müssen. Genau wie die Zuschauer und die Reporter, deren Neugier auf die erste Frau in einem bislang exklusiven Männerraum bestenfalls möglichst schnell einem echten Interesse an Etas Facharbeit weichen wird.
Schade nur, dass nach Saisonende offenbar wieder ein Mann übernehmen soll und Eta von ihrem derzeitigen Hauptjob bei der U-19 zum Frauen-Team des 1. FC Union wechselt. Aber vielleicht erleichtert sogar dieser Umstand den mutigen Schritt der Berliner, der kein endgültiger Durchbruch ist, aber immerhin ein Fortschritt im Kampf gegen festgefahrene Denkmuster und gegen die beharrliche Weigerung der Menschen in der Männer-Bundesliga, weibliche Expertise wertzuschätzen.
