Vielleicht haben Sie schon vom Skandal im deutschen Skibergsteigen gelesen. Es geht um Laktattests, viele Blutentnahmen mit mutmaßlich mangelnder Hygiene und um die Frage, wann sportwissenschaftlicher Ehrgeiz in etwas kippt, das nicht nur medizinisch, sondern auch strafrechtlich relevant wird. Funktionäre haben Athleten bluten lassen: 60 Einstiche innerhalb weniger Stunden. Der Vorwurf der Körperverletzung steht im Raum. Irgendwo zwischen Trainingssteuerung und Nadelkissen ist die Sache entglitten. Das Wort, um das sich alles dreht, ist ein vertrautes: Laktat. Aber was genau ist das?
Mein erster Marathon liegt lange zurück. Ich erinnere mich nicht an jedes Detail, aber an das Wesentliche. Es war mir eine Lehre in vielerlei Hinsicht. Vier Monate Vorbereitung hatte ich investiert und nichts dem Zufall überlassen. Ich besorgte mir verschiedene Trainingspläne und nahm am Ende den, der mir am seriösesten schien. Dann ließ ich Laktat messen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das funktioniert so: Man läuft auf einem Band, immer schneller, und jemand sticht einem ein paar Mal in den Finger. Erfreulicherweise deutlich weniger als 60 Mal. Am Ende bekommt man Zahlen. Meine aerobe Schwelle lag bei Puls 140. Darunter: sauber, effizient, Fettstoffwechsel. Darüber: Sauerstoff-Schuld, die man später bezahlt. Der Coach sagte: Bleib immer im aeroben Bereich, dann bist du auf der sicheren Seite. Also 140. Nicht mehr. Ich nahm das ernst. Vier Monate trainierte ich nach Puls. Ich war ein Mensch mit einem Plan.
Und dann: ein Anflug von Panik
Dann kam der Marathon. Eine Massenveranstaltung, irgendwo zwischen Oktoberfest und Karnevalsumzug. Am Start zigtausend Menschen in kurzen Hosen, dicht gedrängt. Musik. Scheppernde Lautsprecher, aus denen unverständliche, aber offenbar motivierende Sätze dröhnten. Ich war nervös. Ich schaute auf die Uhr: Puls 160! Ich hatte noch keinen einzigen Schritt gemacht, aber mein Körper hatte die Situation bereits bewertet und war zum Ergebnis gekommen: erhöhte Bedrohung, Mobilisierung, keine Rückfragen.
Ein Anflug von Panik. 42,195 Kilometer! Offenbar hielt mein Körper das Ganze für keine gute Idee. Was hätte eine Blutprobe in diesem Moment gezeigt? Wahrscheinlich, dass mein Körper schon unterwegs war – ohne mich.
Endlich setzte sich die Karawane in Bewegung. Und der Puls blieb, wo er war. Bei 160. Ich war im falschen Bereich, im falschen Film. Der Sympathikus hatte die Regie übernommen – jener Teil unseres Nervensystems, der leider nicht unterscheiden kann, ob wir gerade vom Säbelzahntiger gejagt werden oder am Start eines Marathons stehen. Irgendwo um Kilometer 18 präsentierte mein Körper die erste Rechnung.
Aber irgendwann lief es dann doch. Kein Flow, aber auch keine Panik mehr. Puls 140. Ich kam ins Ziel. Die Zeit: solide. Nichts, worüber man schweigen müsste, aber auch nichts, was man ungefragt erwähnt. Die Laktatmessung hatte korrekte Werte geliefert. Der Trainingsplan war schlüssig.
Allerdings galt er nur unter Bedingungen, die beim Stadtmarathon nicht vorgesehen sind: keine scheppernden Lautsprecher, keine zehntausend Atemgeräusche. Und vor allem kein Sympathikus, der daraus die falschen Schlüsse zieht. Die Moral von der Geschicht? Am Ende ist der Sportler doch kein Datensatz, sondern ein Mensch. Vermutlich gilt das auch für Skibergsteiger.
