Es ist egal, wer den Ball auf sein Tor schießt – Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, wirklich egal –, wenn der Ball neben sein Tor geht, hält sich der Torhüter Manuel Neuer an ein Protokoll, so streng, als wäre er nicht im Stadion, sondern an Bord der USS Enterprise. Das sieht dann so aus: Er dreht sich um, holt den Ball (oder lässt ihn holen), dreht sich wieder um und bei diesem zweiten Umdrehen wirft er den Ball mit einer Mischung aus Unter- und Seitendrall, sodass der dann im Fünfmeterraum landet und liegen bleibt, bereit zum Abstoß. Könnte der Ball sprechen, würde er wohl sagen: Manu, beam me up!
Dieser Move, mit dem Manuel Neuer den Ball verglichen mit vielen Torhütern gefühlt in Lichtgeschwindigkeit zurück ins Spiel bringt, ist so auffällig, dass es einem sofort aufgefallen ist, als er sich im Bundesligaspiel gegen die TSG Hoffenheim nicht an das Protokoll gehalten hat.
Im Stadion in München führte die Fußballmannschaft des FC Bayern 1:0, als Andrej Kramarić aus Hoffenheim, der kein Messi und kein Ronaldo, aber ein Stürmer mit mehr als 130 Bundesligatoren ist, den Ball aus wenigen Metern aufs Tor schoss. Und er hätte den Ball auch ins Tor geschossen, wenn dort nicht Manuel Neuer einen anderen Manuel-Neuer-Move gemacht hätte.
Er drückte sich mit dem linken Fuß so schnell vom Boden ab, dass er dann mit der rechten Hand so schnell am Boden war, um den Ball zur Seite zu lenken. Dort schoss Bazoumana Touré, der kein Messi, kein Ronaldo und auch kein Kramarić ist, den Ball neben das Tor. Sofort drehte Neuer sich um, nur holte er dieses Mal nicht den Ball und ließ ihn auch nicht holen, sondern formte seine Hände zu Fäusten und schrie: „Jaaa!“

Sechs Wochen ist es her, seit Manuel Neuer das Fußballuniversum hat hören und sehen lassen, dass er mit fast 40 Jahren immer noch die Geschosse abwehren kann, mit denen ein Torhüter im modernen Spiel torpediert wird. Doch in diesen sechs Wochen konnte er vor dem Fußballuniversum auch nicht verstecken, dass er mit fast 40 Jahren einen Körper hat, der durch die Belastungen des modernen Spiels an Grenzen gebracht wird und darüber hinaus.
Er hat erst einen Muskelfaserriss und dann noch einmal einen kleinen Muskelfaserriss in der linken Wade erlitten, das ist die Wade, die ihn nicht erst seit dieser Saison immer wieder stoppt. So hat im deutschen Fußball spätestens in diesen Wochen ein Bild die Form angenommen, die sich schon davor angedeutet hat.
Man darf davon ausgehen, dass der 35 Jahre alte Oliver Baumann Neuers Nachfolger bei der deutschen Nationalmannschaft ist, mindestens für die Weltmeisterschaft. Und man darf davon ausgehen, dass der 22 Jahre alte Jonas Urbig nicht nur Neuers Nachfolger beim FC Bayern, sondern auch Neuers Nachnachfolger bei der Nationalmannschaft werden wird.

So klar, wie sie im März 2026 ist, war die Konstellation im deutschen Tor in den vergangenen Jahren nie. Es gibt keinen neuen Neuer, aber dafür zwei Torhüter, denen die beiden wichtigsten Fußballinstitutionen des Landes zutrauen, der Neuer-Nachfolger zu sein. Und trotzdem ist es in der T-Frage mit dem FC Bayern München und der Nationalmannschaft ein bisschen wie mit der USS Enterprise: Es werden bis zum Schluss Zweifler bleiben, wenn ein Raumschiff, das so lange von James Kirk geführt worden ist, nun von einem Captain geführt werden soll, der nicht James Kirk ist.
In den nächsten Tagen werden nicht nur die Zweifelnden nach Basel und Stuttgart schauen, wo die Nationalelf weniger als drei Monate vor dem Beginn der Weltmeisterschaft gegen die Schweiz (Freitag, 20.45 Uhr, RTL) und gegen Ghana (Montag, 20.45 Uhr, ARD) spielt. Mit dabei sind sowohl Baumann als auch Urbig, den Bundestrainer Julian Nagelsmann das erste Mal nominiert hat. Weil er in dieser Saison als Vertreter von Neuer schon 14 Spiele für den FC Bayern machen durfte, zuletzt am Samstag beim 4:0 gegen Union Berlin. Und weil er, wie Nagelsmann sagte, „eine große Perspektive“ habe. Doch während in Basel und Stuttgart auch über die fernere Zukunft gesprochen werden könnte, wird in München über die nahe geredet.

In der Länderspielpause könnten der FC Bayern und Manuel Neuer darüber entscheiden, ob sie den Vertrag, der am 30. Juni ausläuft, nochmal um ein Jahr verlängern. Der Verein würde sich wünschen, dass das Jobsharing zwischen Neuer und Urbig noch eine Saison weitergeht. Wobei er sich auch wünschen würde, dass der Teilzeit-Neuer dann nicht noch einmal das Gehalt des Vollzeit-Neuers verlangen würde. Und Neuer, so heißt es, komme auch in dieser Saison immer noch mit großem Spaß zur Arbeit, wobei die entscheidende Frage sein dürfte, wie sehr der Spaß gerade darunter leidet, dass er sich in den wichtigsten Wochen der Saison nicht mehr hundertprozentig auf seinen Körper verlassen kann. Worauf Neuer sich verlassen darf: dass die, die beim FC Bayern das Sagen haben, nicht daran zweifeln, dass ein fitter Neuer gut genug ist. Doch wie gut ist er eigentlich noch?
Wenn man diese Frage im Umfeld des Deutschen Fußball-Bundes und der Nationalmannschaft stellt, findet man mehrere Fachleute, die etwas sagen könnten, aber keinen, der etwas sagen will. Nicht, weil sie etwas Schlechtes zu sagen hätten, sondern weil alles, was sie derzeit über Manuel Neuer sagen, gerade Gutes, immer auch ein Statement ist. So ist das eben mit diesem Torhüter, der wohl der größte in der Geschichte dieses Spiels ist. Und so gehört zum Gesamtbild auch, dass auf einen groben Fehler von Oliver Baumann bis auf Weiteres wohl die Frage folgen wird: Hätte Neuer den gehalten?
In dem Bundesligaspiel des FC Bayern gegen Hoffenheim hat es damals aber auch den Beweis gegeben, dass Neuer mittlerweile mehr grobe Fehler macht. Weil er im Strafraum einen Stürmer mit dem Ball überlupfen wollte, aber nicht konnte, hat Andrej Kramarić doch noch ein Tor geschossen. Das hat damals am Ausgang des Spiels (5:1 für den FC Bayern) nichts geändert, vielleicht aber daran, dass es eher früher als später eine Beweislastumkehr geben könnte. Dann würde nicht mehr gefragt werden, ob Neuer den gehalten hätte, sondern: Wäre Urbig das auch passiert?
