Am vergangenen Samstag, als in Caracas amerikanische Spezialeinheiten Venezuelas Präsidenten Maduro festnahmen und außer Land brachten, machte der offizielle Fotograf des Weißen Hauses gut 2000 Kilometer weiter nordwestlich im amerikanischen Mar-A-Lago ein paar sehr interessante Fotos. Sie zeigen Donald Trump, wie er zuhause in seiner Ferienresidenz in einem improvisierten „Situation Room“ am Bildschirm verfolgt, was sich in diesen Momenten in Venezuela abspielt.
Im Vordergrund sieht man Pete Hegseth, den, wie es ja neuerdings heißt, Kriegsminister, der einmal in seinen Laptop schaut und einmal mit Feldherrengeste auf einen Bildschirm zeigt und dabei aussieht, als wolle er gerade mit seinem Finger auf etwas schießen; hinter ihm steht, etwas skeptisch mit verschränkten Armen, John Ratcliffe, der CIA-Chef, manchmal ist auch Außenminister Marco Rubio im Bild, vor allem aber, mit fast unnatürlich leuchtendem Haar und offenem weißen Hemd auf einem goldenen Stuhl sitzend, Donald Trump. Die vier Männer posieren wie nicht sehr überzeugende Darstellungen der vier Kardinaltugenden der „Politeia“ – Hegseth als stürmische Andreia, die Tapferkeit, CIA-Chef Ratcliffe als Sophia, der Kluge, Rubio als Verkörperung der Sophrosyne, der Besonnenheit – und Trump käme dann ausgerechnet die Rolle der Dikaiosyne, der Gerechtigkeit zu.
Alle tragen blaue Anzüge und weiße Hemden, was ihnen etwas leicht Ulkiges gibt, als seien sie das halb geglückte Ergebnis eines Geschäftsleute-Klonversuchs. Trump schaut mit entschlossen zusammengekniffenen Augen mal auf den außerhalb des Bildes liegenden Bildschirm, mal einfach so in die Gegend – denkt man. Über seinem golden leuchtenden Haar öffnet sich der schwarze Vorhang des improvisierten Raums wie ein Ehrenbaldachin oder ein Tabernakel, was ihm zumindest für geübte katholische Augen etwas seltsam Heiliges gibt. Erst wenn man das Bild genauer anschaut, sieht man, dass dort, wo Trump hinschaut, ein Bildschirm steht, auf dem die Twitter-X-Suchanfrage „Venezuela“ zu sehen ist: Nicht nur die Festnahme, auch die Twitter-Reaktionen auf die neuesten Meldungen zu Venezuela werden genau verfolgt.
Vier Männer in einem improvisierten Zelt
Mit der Übertragbarkeit von Militäreinsätzen in Echtzeit ist ein neues Genre von Bildern entstanden, die Präsidenten nicht mehr als aktiv handelnde Helden, sondern dabei zeigen, wie sie an Bildschirmen eine Aktion verfolgen. In einem der dramatischsten Momente der Geschichte des 20. Jahrhunderts, als die Welt im Moment der Kuba-Krise im Herbst 1962 kurz vor einem Atomkrieg stand, machte der Fotograf des Weißen Hauses, Cecil Stoughton, eine berühmte Serie von Bildern, die Präsident John F. Kennedy zeigt, wie er zu Generälen spricht. Die Botschaft dieser Bilder war klar: Die Generäle hören zu, der Präsident tritt als aktiver Held auf und sagt als oberster Befehlshaber der Nation, was zu tun ist. Dieses Bild des aktiv handelnden Politikers wird abgelöst durch das eines machtvollen Betrachters seines eigenen politischen Werks.

Im Zeitalter der totalen Bildüberwachung sind nicht mehr Krone, Zepter, Thron oder Zeremonialschwert die Insignien des absoluten Herrschers, sondern der Screen, auf dem selbstgemachte Weltpolitik läuft: Das eigene politische Handeln kommt dem Präsidenten als Film entgegen, den er als Regisseur geopolitischer Actionplots inszeniert und jetzt abnimmt.
Das ist ein vielleicht historischer Satz
Berühmt sind die Bilder, die Präsident Obama zeigen, wie er im Mai 2011 am Bildschirm in Echtzeit die Tötung von Osama Bin Laden in Pakistan verfolgt. Diese Bilder liefern eine eigentümliche Mischung aus Sehen und Nichtsehen: Man sieht jemanden, wie er etwas sieht – aber das eigentliche historische Ereignis, das er sieht, sieht man nicht. Man muss denen glauben, die man sieht, sie bestimmen das, was später als Realität gilt.
Wie dramatisch der festgehaltene Moment ist, erkennt man allein an Körperhaltung und Gesichtsausdruck: Viel wurde darüber geschrieben, dass Hillary Clinton bei der Tötung Osamas entsetzt die Hand vors Gesicht schlug. Diese nach emotionalem Kontrollverlust klingende Lesart gefiel ihr aber überhaupt nicht, und sie gab zu Protokoll, dass sie bloß niesen musste.

Wie Historiengemälde tragen Bilder von entscheidenden Situationen der Weltgeschichte erheblich zum Bild eines Politikers bei. Das Foto von Obama, der nachdenklich am Rand sitzt, prägte sein Image als Teamplayer, der zuhört und mit dem Machismo präsidialer Selbstinszenierungen brach, an die Trump mit seiner Selbstvergoldungspsychose wieder anknüpft. Aber die Art, wie sich Trump inszeniert, hat nicht nur mit klassischer Imagepolitik zu tun.
Trump ist jemand, der sich selbst in Bildern denkt, der Realität schon immer durch den Filter von Kameras wahrgenommen und Realitäten über Bilder produziert hat. „Es war, wie eine Fernsehserie zu schauen“, sagte Trump nach Maduros Verhaftung. „Ihr hättet das Tempo und die Action sehen müssen!“ Das ist ein vielleicht historischer Satz: Erlebt der Präsident die Realität als TV-Serie mit sich selbst als ihrem Helden? Schon 1990 beschrieb er seine Yachten und Gebäude als „Requisiten für die Show … Die Show heißt ‚Trump‘ und ist ausverkauft.“
Sind wir in der zweiten Staffel von „Game of Trump“, in der eine Ungeheuerlichkeit die nächste jagt und die erschreckte Restwelt zum Bingewatching zwingt? Der Journalist James Poniewozik schreibt, ein Fernsehkritiker könne Trump besser als ein Psychologe erklären; Trumps Erfolg liege daran, dass „er wie eine Fernsehkamera“ denke: „Das Fernsehen war sein Seelenverwandter.“
Trump inszeniert sich als Herrscher einer Renaissance des Westens
Während Obama sich als Bürger im Wehrstand inszenierte, tritt Trump auch in den neuen Bildern als goldglänzender Herrscher auf, dem Lichtregie und Tabernakel etwas von einer religiösen Verkündigungsszene geben. Auf dem Arm seines Kriegsministers steht tätowiert „Deus Vult“, der Schlachtruf der Kreuzfahrer.
Es mag ein Zufall sein, dass in Mar-A-Lago die Gardine halb offen stand und ein Dreieck aus Licht über Donald Trump bildete, das sein Haar unwirklich golden erscheinen lässt; aber wenn es ein Zufall war, hat ihn der Fotograf gut genutzt: Trump sitzt umringt von Beratern vor den tabernakelhaften schwarzen Stoffbahnen, als seien sie alle legitime Nachfahren von Papst Leo X. aus dem berühmten Porträt von Raffael.
Diese fast religiöse optische Aufladung von Trump ist vielleicht kein Zufall in einer Zeit, in der die Kriegsrhetorik in den Vereinigten Staaten selbst immer religiösere Züge annimmt; in der bekennende Christ und Apokalyptiker Peter Thiel die Vereinigten Staaten als Wall gegen das Böse und den neuen Antichristen bezeichnet und auch Palantir-Chef Alex Karp in seinem Buch über die „Zukunft des Westens“ ein KI-Wettrüsten wie im Kalten Krieg zwischen China und „dem Westen“ beobachtet, der sich dank einer Symbiose von Tech-Industrie und Staat durchsetzen müsse oder plattgemacht werde. Trump macht aus alldem einen Actionfilm mit sich in der Hauptrolle und unabschätzbaren gepolitischen Folgen.
Eines von Trumps neuen Porträts im Profil erinnert an die Darstellung von Franz I. auf der von Benvenuto Cellini gestalteten Medaille – jenem König, der sich ganz Europa untertan machen wollte. Hier, verrät die Präsidialikonographie, kommt ein neuer Renaissanceherrscher, ein Religionsführer des heiligen Westens, der bisher geltende Regeln umschreibt wie ein zu lahmes Drehbuch. Die dritte Staffel mag man sich nicht ausmalen.
