
Libanon habe „uneingeschränkte Bereitschaft“, direkte Verhandlungen mit Israel zu führen. Das kündigte Präsident Joseph Aoun laut libanesischen Medienberichten gegenüber europäischen Botschaftern an. Aoun verknüpfte dies mit einem vierstufigen Aktionsplan. Demnach forderte er die Einstellung der Angriffe, den Rückzug der israelischen Truppen aus seinem Land und die Stärkung der libanesischen Armee.
Doch die Zeiten für Vorbedingungen für Verhandlungen scheinen vorbei zu sein. Auch wenn der Vorstoß des libanesischen Präsidenten vom Montag im Ausland als bedeutend gewürdigt wurde: In Israel erntete Aoun erst mal Schweigen. Und auch aus anderer, entscheidender Richtung kann die libanesische Regierung offenbar weder Geduld noch Unterstützung erwarten: aus Washington. Von dort kommen nach Angaben von Diplomaten klare Signale, Beirut hätte längst mit Verhandlungen beginnen sollen. Und es herrscht demnach ebenso Unmut über die stockenden Bemühungen, die Schiitenorganisation Hizbullah zu entwaffnen.
Frankreichs Diplomaten sind frustriert
Generell ist nicht mehr viel von den internationalen Bemühungen zu hören, den verbissen geführten Schlagabtausch zwischen Israel und den dem iranischen Regime treu ergebenen Hizbullah zu beenden. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat sich zuletzt erfolglos daran versucht. Laut einem Bericht der israelischen Zeitung „Haaretz“ lehnte Israel einen französischen Vorschlag für eine Waffenruhe ab. Die Regierung in Paris habe angeboten, die libanesische Armee bei der Entwaffnung der Schiitenorganisation zu unterstützen, heißt unter Berufung auf eine mit den Details vertraute Person. Die israelische Regierung habe den Vorschlag aber zurückgewiesen. Sie sei entschlossen, das Problem selbst zu lösen und die Hizbullah ein für alle Mal zu zerschlagen.
Aus Frankreich kommt eine ähnliche Darstellung. In Paris heißt es, Telefonate Macrons mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu am vergangenen Donnerstag und an diesem Dienstag seien unerfreulich verlaufen. Netanjahu, der aufgrund seines Ärgers über die französische Anerkennung eines palästinensischen Staates seit mehreren Monaten nicht mehr mit Macron gesprochen hatte, habe keinerlei Verhandlungsbereitschaft erkennen lassen.
Beim amerikanischen Präsidenten Donald Trump konnte Macron kein Verständnis dafür wecken, dass die USA als Garantiemacht der Waffenruhe eigentlich über deren Einhaltung wachen sollten. Französische Diplomaten äußerten sich sichtlich frustriert darüber, dass alle Vermittlungsversuche bislang scheiterten und auch eine neuerliche Besetzung des Südlibanons durch Israel nicht ausgeschlossen sei. Der libanesische Botschafter in Frankreich, Rabih Al Chaer, warnte im Radio davor, Frankreich könne nicht hinnehmen, dass der Libanon ein ähnliches Schicksal wie dem Gazastreifen drohe.
Paris bemühte sich trotz allem um Schadensbegrenzung. Macron schickte jüngst den Generalstabschef der französischen Armee, Fabien Mandon, nach Beirut. Etwa 50 gepanzerte Fahrzeuge und militärisches Material sind zur Stärkung der libanesischen Streitkräfte gegen die Hizbullah aus Frankreich in Libanon eingetroffen. Zudem hat Paris die humanitäre Hilfe für die mehr als eine halbe Million Vertriebenen verstärkt. Macron sagte, der Flugzeugträger Charles de Gaulle werde vor der Küste Libanons kreuzen und könne bei Bedarf rettend eingreifen. Dabei ist unklar, was die genaue Mission des Kriegsschiffs sein soll.
Was Israel vom Großangriff noch abhält
Schadensbegrenzung scheint derzeit auch das Maximale zu sein, was die libanesische Regierung erreichen kann. Die eigenen Bemühungen, die Hizbullah einzuhegen und deren Entwaffnung voranzutreiben, sind nicht von Erfolg gekrönt. Ministerpräsident Nawaf Salam hat zwar zuletzt die militärischen Aktivitäten der Hizbullah für illegal erklärt. Doch die Streitkräfte zeigen sich widerwillig, den Bann durchzusetzen. In einer Stellungnahme hoben sie die Bedeutung „nationaler Einheit“ hervor. Hizbullah-Anführer Naim Qassem hatte diese Vokabel ebenfalls benutzt, als er unlängst in einer Rede den Vorstoß der Regierung kritisierte.
Der libanesische Armeechef Rodolph Haykal, der in Washington längst in Ungnade gefallen ist, scheut nach übereinstimmenden Berichten von Insidern in Beirut eine Konfrontation der Streitkräfte mit der Hizbullah. Zum einen aus Angst, einen bewaffneten innerlibanesischen Konflikt zu riskieren. Zum anderen aus Sorge um den Zusammenhalt in den unterfinanzierten und überstrapazierten Streitkräften.
So kommen aus Israel weiter Drohungen, ganz Libanon könne irgendwann den Preis zahlen. Und entsprechend herrscht in Beirut Sorge, Israel könnte irgendwann zivile Infrastruktur angreifen, und den internationalen Flughafen in der Hauptstadt schließen. Noch kann sich die libanesische Regierung laut übereinstimmenden Berichten zumindest in dieser Frage auf amerikanische Rückendeckung stützen, weil auch Washington ein Interesse daran hat, dass der Flughafen offen bleibt. In israelischen Pressekommentaren scheint zumindest die Annahme durch, dass die Regierung noch versucht, den Krieg allein auf die Hizbullah zu fokussieren, um die Kanäle nach Beirut nicht zu kappen.
Drohnen stellen Israel vor Probleme
Diesen führt Israel allerdings unerbittlich. Die Armee weitete zuletzt den Einsatz am Boden im Süden Libanons aus. Ein Sprecher beschwichtigte gegenüber Journalisten abermals, es handele sich nicht um eine Bodenoffensive, sondern „Vorwärtsverteidigung“. Laut Armeeangaben geht es unter anderem darum, Raketenabschussvorrichtungen aufzuspüren und zu zerstören. Dabei kommt es offenbar immer wieder zu Gefechten. Am Sonntag wurden zum ersten Mal seit dem Beginn der Kampfhandlungen zwei israelische Soldaten im Süden Libanons getötet. Umgekehrt sollen laut Armeeangaben mehr als 300 Kämpfer der Hizbullah und anderer Terrorgruppen getötet worden sein.
Die libanesische Schiitenorganisation nimmt Israel derweil weiter unter Beschuss. Die israelische Armee veröffentlicht keine genauen Zahlen, spricht nur von „Hunderten“ Raketen und Drohnen, mit denen die Hizbullah Israel seit Montag vergangener Woche angegriffen habe. Insbesondere die Drohnen stellen die Armee offenbar immer wieder vor Probleme. Dennoch hält sie bislang an ihrer Entscheidung fest, das nördliche Grenzgebiet nicht zu evakuieren. Zuletzt weitete die Hizbullah ihren Beschuss sogar bis in die Mitte des Landes aus: Am Montag wurden mehrere Menschen bei einem Raketeneinschlag in der Stadt Ramla verwundet, die südöstlich von Tel Aviv liegt.
Vertreter des israelischen Verteidigungsapparats fürchten einem Bericht des Fernsehsenders Kanal 12 zufolge, dass die Hizbullah ihre Attacken in den nächsten Tagen noch weiter verstärkt. Durch die zweite Front solle Iran entlastet werden. Der Beschuss aus Libanon ist schon jetzt offenbar stärker als der aus Iran. Und die Propaganda der Hizbullah hat vor einigen Tagen die Parole ausgegeben: Lieber untergehen als nachgeben.
