Es gibt Geschichten, die fast zu gut sind, um wahr zu sein, es aber doch sind – wie die Erfolgsstory der amerikanischen Schriftstellerin Diana Gabaldon. Begonnen hat sie am 6. März 1988, als Gabaldon die ersten Sätze ihres ersten „Outlander“-Romans schrieb. Damals war sie Mitte dreißig und hätte sich mit dem bis dahin Erreichten zufriedengeben können: Die Frau aus Arizona hatte Studienabschlüsse in Zoologie und Meeresbiologie sowie eine Promotion in Verhaltensökologie in der Tasche, arbeitete als Professorin an einer Universität, parallel als Gründerin eines Computer-Magazins und war verheiratete Mutter dreier kleiner Kinder.
Doch dass – wie sie in späteren Interviews gerne betonte – ihre wahre Berufung darin bestand, Schriftstellerin zu werden, sei ihr immer völlig klar gewesen. Und weil Mozart mit 36 gestorben ist, habe sie es für angebracht gehalten, mit dem Schreiben jünger zu beginnen. Ihren literarischen Erstling schrieb Gabaldon nachts in der Garage, als private Fingerübung, mit der sie sich das Romanschreiben beibringen wollte. Wie sich herausstellte, musste sie nicht viel lernen.

Als 1991 ihre Zeitreisesaga um die englische Weltkriegskrankenschwester Claire Randall, die 1946 auf Flitterwochen in Schottland allein durch einen Steinkreis ins Jahr 1743 und dort in die Arme des aufständischen Schotten James „Jamie“ Fraser stürzt, auf den Buchmarkt kam, wurde der Schmöker nicht gleich ein Bestseller, aber erfolgreich genug, um eine Fortsetzung zu fordern. Gabaldon schrieb einen weiteren „Outlander“-Roman und noch einen und noch einen – inzwischen sind es neun –, immer dicke Wälzer, dazu schlankere Seitenerzählungen über die Nebenfigur Lord John Grey. Mit jedem Band wurde die phantastisch-romantische „Outlander“-Abenteuerwelt komplexer und die Fangemeinde größer. Mehr als 50 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen hat Gabaldon inzwischen verkauft. Ihre Leser schickt sie kreuz und quer durch Raum und Zeit, von den Highlands im 18. Jahrhundert nach Boston ins 20., an den Hof Ludwigs XV., Richtung Karibik und nach North Carolina in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.

Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven, grundlegend aber der weiblichen. Glutkern der Erzählung bleibt die nie abkühlende Erotik zwischen den beiden Hauptfiguren, die über Jahrzehnte (oder eher Jahrhunderte) Ehepartner auf Augenhöhe bleiben in patriarchalen Gesellschaften voller Brutalität – vor allem sexueller Gewalt. Frauen (und auch der männliche Held) in den „Outlander“-Romanen sind gut beraten, immer eine geladene Waffe im Anschlag zu halten, denn Vergewaltigungsopfer zu werden, ist hier wahrscheinlicher, als Zahnprobleme zu entwickeln.
Und immer droht sexuelle Gewalt
Im Lichte dessen, was zuletzt in der Realität ans Licht kam – von den Enthüllungen der MeToo-Bewegung über den Fall Pelicot bis zu den Vorwürfen von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen –, scheint Gabaldons Romanserie an ein kollektives Unbewusstes zu rühren, in dem präsent ist, wie brüchig die durch feministische Errungenschaften erworbene Sicherheit bleibt. Das könnte neben dem eskapistischen Potential mit ein Grund für die Popularität der Adaption von „Outlander“ als Fernsehserie des US-Senders Starz sein, die bei uns auf Amazon Prime und Netflix abrufbar ist.
Noch wichtiger aber ist die geglückte Besetzung: Von Caitríona Balfe als durchsetzungsstarker Traumfrau Claire und Sam Heughan als Harte-Schale-weicher-Kern-Krieger Jamie können Fans der Serie seit deren Start 2014 nicht genug bekommen, weil die Chemie zwischen den Schauspielern auf dem Bildschirm stimmt – was wichtig ist, wenn man viele gemeinsame Sexszenen hat, in denen Heughans Körper dem weiblichen Blick dargeboten wird. Dass die Serie ihren Darstellern notorisch die schlechtesten Perücken im Showbusiness aufsetzt, konnte ihr nie etwas anhaben.

Nach mehr als elf Jahren epischer Irrungen und Wirrungen, die sich in online beliebten Episodenzusammenfassungen wie Dokumente des Wahnsinns lesen, geht die TV-Saga nun ihrem Finale entgegen – mit der achten und letzten „Outlander“-Staffel. Matthew B. Roberts, der vor einiger Zeit den Job des Showrunners von Ronald D. Moore übernommen hat, zeichnet kreativ verantwortlich; als eine der wechselnden Regisseure durfte Caitríona Balfe sich in einer Episode versuchen, und Diana Gabaldon wirkte wieder als Beraterin mit. Sie ist jetzt in einer ähnlichen Lage wie seinerzeit der „Game of Thrones“-Erfinder George R. R. Martin: Die Fernsehadaption endet, bevor der letzte Band der zugrunde liegenden Romanreihe erschienen ist. Weiter als „Go Tell the Bees That I Am Gone“ (deutsch „Das Schwärmen von tausend Bienen“), veröffentlicht 2021, ist Gabaldons Schreiben nicht gekommen. Das Schicksal der Frasers besiegeln soll aber erst das angekündigte Buch „A Blessing for a Warrior Going Out“.
Wird Jamie bald sterben?
Das lässt Raum für Hoffnung, denn als Damoklesschwert über dem Serienende schwebt aktuell eine Prophezeiung aus der Zukunft. Claires Ehemann im 20. Jahrhundert, zu dem sie zurückkehrte, bevor sie wieder zu Jamie in die Vergangenheit reiste, gefolgt von der gemeinsamen Tochter mit dem Schotten samt Anhang – ja, die Handlungsfäden in „Outlander“ sind verwickelter als keltisch inspirierte Raum-Zeit-Kontinuumsknoten –, war Historiker und hinterließ ein Buch, in dem der Tod von James Fraser als amerikanischer Rebell festgehalten wird.
Doch Totgesagte leben bekanntlich auch in der Vergangenheit länger. Jamie hat schon das Gemetzel von Culloden überstanden und sieht immer noch wie ein im Fitnessstudio perfekt ausdefinierter Enddreißiger aus, nicht wie ein ramponierter Veteran. Unangenehmer als die Weissagung ist in den drei ersten schon ausgestrahlten Finalfolgen, dass sich in der von Jamie gegründeten Siedlung Fraser’s Ridge Milizen königstreuer und revolutionärer Bösewichte – zuverlässig daran erkennbar, ungewaschen, rassistisch, anzüglich und/oder übergewichtig zu sein – zum Kampf rüsten.

Amerika ist auch in „Outlander“ ein gespaltenes Land. Jamies außerehelicher erwachsener Sohn (Charles Vandervaart) wurde als englischer Lord geboren und von John Grey (immer elegant: David Berry), der als Jamies Möchtegernliebhaber, Claires zeitweiliger dritter Ehemann und Briannas Beinahe-Angetrauter familiär reichlich überlastet ist, aufgezogen. Er könnte in den Kolonien gleichfalls zu den Waffen greifen, turtelt aber gerade lieber mit der angeblichen Witwe seines Cousins. Fragwürdige Vaterschaften verbinden Generationen der Fraser-Sippe, zu der außerdem ein Waisenmädchen gehört, das die Tochter des tot geborenen ersten Kindes von Claire und Jamie sein könnte. Möglich ist das natürlich nicht, in einer Fantasy-Story aber vielleicht doch, wenn es mit dem mystischen blauen Licht zu tun hätte, das von Claire ausgehend inzwischen Wiederbelebungen ermöglicht.
Dass man aus solchen Plots, die wie von einem heiß gelaufenen Kombinationsautomaten konstruiert wirken, eine atmosphärisch dichte Fernsehserie bauen kann, ist schon erstaunlich. Aber sie entwickelt ihre innere Logik. Nach Formschwächen in früheren Staffeln – immer dann, wenn zu viel Zeit für uncharismatischere Nebenfiguren wie die Tochter Brianna (Sophie Skelton) und ihren Mann Roger (Richard Rankin) draufging –, ist „Outlander“ zurück bei seinem Idealpaar, lässt Claire erstaunlicherweise ihren hippokratischen Eid brechen, Jamie in schon überwunden geglaubter Eifersucht versinken und liefert ansonsten, was die Serie immer am besten konnte: Geburten und Massaker, Intrigen und Liebe, gute und schlechte Männlichkeit, Herzschmerz, Schocker und Abwegigkeiten – und am Ende jeder Episode einen Cliffhanger. Irgendwo zwischen „Highlander“, „Fackeln im Sturm“, „Doctor Who“, „Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft“, „Poldark“ und „Game of Thrones“ hat „Outlander“ ein eigenes Territorium besetzt.
Endlos erweiterbar ist das freilich nicht. Das beweist die voriges Jahr gestartete, von den Romanen unabhängige Prequel-Serie „Blood Of My Blood“, in der eher blutdünn das Leben der Eltern der „Outlander“-Protagonisten ausgebreitet wird. Trotzdem diskutieren Gabaldon-Fans in Onlineforen schon fleißig, wie die Liebesgeschichte von Jamie und Claire ewig weitergehen könnte: durch einen „Loop“, eine Zeitschleife, für die eine Vergissmeinnichtpflanze am Fuße des Zeitreisesteins in den Highlands sorgen könnte. Vielleicht kommt es ja so. Unabhängig davon: Dass Fernsehserien irgendwann enden, ist schon eine gute Sache.
Die achte Staffel von Outlander ist bei Amazon Prime Video abrufbar.
